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nachDRUCK # 5

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Wiederaufnahme

Keine Erlösung –

nirgends



Parsifal an der Deutschen Oper am Rhein | Foto (C) Andreas Etter

Bewertung:    



Unbefleckt bleibt hier niemand, kein Blumenmädchen, kein Ritter und erst recht nicht Parsifal. Der tritt zu Beginn zwar noch ganz in Weiß auf, aber schon im zweiten Akt sind auch seine Hosenbeine und seine Hände besudelt mit Blut – das sich dann anschließend überall verteilt. Amfortas’ Wunde, die sich nicht schließt, scheint auf alle überzugreifen, alle gleichsam zu lähmen. Kreatürlich, fast nicht überlebensfähig erscheinen die Gralsritter im ersten Akt, kreatürlich auch Klingsor, Antagonist von Amfortas. Hier allerdings überwiegt, wie auch bei Kundry, das Tierisch-Animalische.

In Michael Thalheimers Inszenierung aus dem Jahr 2023, die jetzt in Düsseldorf wiederaufgenommen wurde, sind keine Ritter zu sehen, kein Pomp bei der Gralsenthüllung, keine Blumen bei den Blumenmädchen. Alles ist sehr reduziert und auch irgendwie dysfunktional. Parsifal fügt sich ins Bild, ist in allem überfordert, wird kein Handelnder. Wie ein Unbeteiligter sitzt er am Bühnenrand, zumindest, wenn er es mit der Gralsgesellschaft zu tun hat.

Musikalisch und szenisch herausragend der zweite Akt. Mutmaßlich würde die Szene zwischen Kundry und Parsifal in ihrer Intensität auch komplett ohne Bühnenbild bzw. in einem leeren Raum funktionieren. Das Bühnenbild des zweiten Akts war nach einem Wasserschaden nicht mehr zu retten, weshalb hier eine neue Fassung nach Rücksprache mit Regisseur Thalheimer und Bühnenbildner Henrik Ahr erstellt wurde. Resultat ist eine Zweitverwertung der Kulisse aus dem ersten Akt. Das ist ein wenig irritierend, denn nun ist es Klingsor, der statt Amfortas in der Mitte des zentralen Bühnenbildelements steht.

Es passiert nicht viel in Kundrys und Parsifals machtvoller Begegnung, Thalheimer lässt viel Raum für die Musik und den beiden Protagonisten viel Raum, die Zerrissenheit, die Ambivalenz ihrer Figuren zu verkörpern. Trotz gesanglich höchster Schwierigkeiten ist die ganze Szene von einer sängerischen Leichtigkeit und zugleich Intensität, Dringlichkeit geprägt, die beeindruckt. Eduardo Aladrén als Parsifal und Sarah Ferede als Kundry beweisen hier eindrucksvoll ihr Können.

Überhaupt ist Parsifal musikalisch ganz und gar ein Genuss unter dem Dirigat von Christoph Gedschold. Jeder Ton sitzt, das Klang ist differenziert, die Titelpartien opulent besetzt: Neben Aladrén als Parsifal und Sarah Ferede als Kundry trägt Hans-Peter König mit seinem Bass, der mühelos jede stimmliche Klippe umschifft, als Gurnemanz weite Teile des ersten Aktes, Bogdan Baciu trifft den Schmerzenston des Amfortas, Joachim Goltz ist ein gesangliche und szenisch präsenter Widersache Klingsor in seinem recht kurzen Auftritt. Auf den Punkt Luke Stoke als Titurel, der von seinem Sohn aus dem Off fordert, den Gral zu enthüllen. Aber auch die kleinen Partien überzeugen durchweg, und die Chöre liefern eine Glanzleistung ab.

Es ist Kundry, die im zweiten Akt zur Waffe greift, zur Handelnden wird und Klingsor erschießt. Damit ist die Heilige Lanze, die Amfortas und die Gralsgesellschaft erlösen kann, in Parsifals Händen. Doch dieser sitzt, wie auch im ersten Akt, am Bühnenrand, schwer auf die Lanze gestützt, geschminkt wie ein Clown. Die Erwartungen sind hoch, die Erlösung greifbar, aber statt Euphorie herrscht eher Ernüchterung vor. Da zerbricht jemand an den hohen Erwartungen, und die Gralsgesellschaft ist vielleicht auch ohne Amfortas eher dem Untergang geweiht. Umso größer der berechtigte Jubel beim Publikum nach knapp fünf Stunden Aufführungsdauer.



Parsifal an der Deutschen Oper am Rhein | Foto (C) Sandra Then

Karoline Bendig - 3. März 2026
ID 15736
PARSIFAL (Opernhaus Düsseldorf, 28.02.2026)
Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Inszenierung: Michael Thalheimer
Bühne: Henrik Ahr
Kostüme: Michaela Barth
Licht: Stefan Bolliger
Chorleitung: Albert Horne
Dramaturgie: Bettina Auer und Anna Grundmeier
Besetzung:
Amfortas ... Bogdan Baciu
Klingsor ... Joachim Goltz
Titurel ... Luke Stoker
Erster Gralsritter ... Andrés Sulbarán
Zweiter Gralsritter ... Jacob Harrison
Knappen ... Elisabeth Freyhoff, Annabel Kennedy, Riccardo Romeo und Nils Sandberg
Blumenmädchen ... Elena Sancho Pereg, Mara Guseynova, Kimberley Boettger-Soller, Lavinia Dames, Anke Krabbe und Anna Harvey (auch als Stimme aus der Höhe)
Chor und Herren-Extrachor der Deutschen Oper am Rhein
Düsseldorfer Symphoniker
Premiere an der Deutschen Oper am Rhein: 17. September 2023
Wiederaufnahme war am 28. Februar 2026.
Weitere Termine: 15.03./ 03.04.2026
Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Genève


Weitere Infos siehe auch: https://www.operamrhein.de


Post an Karoline Bendig

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