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DVD-Besprechung

Robert Wilsons

Offenbarungseid





Bewertung:    



Die Mozartwoche, die den Osterfestspielen, den Pfingstfestspielen und den Sommerfestspielen im alljährlichen Salzburger Festivalreigen vorausgeht, hat für dieses Jahr, als noch kein Virus in Sicht war, Robert Wilson eingeladen, eine szenische Version von Händels Messias in der für eine Mozartwoche wohl obligatorischen Bearbeitung von Mozart himself, in der deutschsprachigen Fassung zu produzieren. Nun sind die Meinungen über den amerikanischen Starregisseur geteilt. Die einen, unter ihnen Susan Sontag, sehen in ihm ein Genie. Andere halten ihn für einen Virtuosen des Kitsches. Ein Freund sprach schon 1987 anlässlich seiner ersten Inszenierung von Heiner Müllers Quartett im Rahmen von Theater der Welt von „Boutiquenästhetik“. Der Begriff trifft den Sachverhalt ziemlich genau. Er lässt sich auch auf den Messias anwenden.

Die Bilder, die Wilson in der radikal verkleinerten, von Neonröhren eingerahmten Bühne zu dem Oratorium erfindet, kennt man fast alle aus seinen früheren Inszenierungen. Sie sind austauschbar, wären für Stoffe welcher Herkunft auch immer benutzbar. Damit wir uns nicht missverstehen: nicht, dass sich der Meisterregisseur weigert, den Text zu illustrieren, irritiert. Damit können wir uns anfreunden. Sondern dass seine visuellen Erfindungen beliebig sind. Sie bilden einen unabhängigen Rahmen für die meist statisch und frontal ins Publikum singenden Solisten und Chöre. Die Idee, Kompositionen, die nicht für das Theater gedacht waren, szenisch umzusetzen, ist ja nicht neu. Claus Guth hat das 2009, auch mit dem Messias (unter dem englischen Titel Messiah), weitaus spannender und stimmiger getan, John Neumeier hat es ebenfalls mit dem Messias und mit der Matthäuspassion, Herbert Wernicke mit seinem tatsächlich genialen Actus tragicus vorgemacht, Christof Loy hat Händels Saul und Theodora auf die Bühne gebracht, Peter Sellars in der Nachfolge Neumeiers Bachs Matthäuspassion sowie die Johannespassion und Romeo Castellucci Mozarts Requiem. Was auch immer: Originalität kann Robert Wilson mit dem aktuellen Unternehmen nicht für sich beanspruchen.

Wilsons Manierismus verlangt äußerste Präzision. Die fällt den Sängern der Salzburger Inszenierung schwer, deren Wiederaufnahme zu den Festspielen im Sommer geplant war, aber den bekannten Umständen erlag. So füllt die eben erschienene DVD immerhin eine Informationslücke. Da stört es aber bereits, wenn einer der Tenöre im Chor auf und nieder hüpft, wo er starr stillstehen sollte.

Die Choreographie ist streckenweise von deprimierender Einfallslosigkeit und hat vom Text nichts und von der Musik noch weniger verstanden. Sie lässt den Solotänzer Alexis Fousekis schmählich im Stich. Eigentlich müsste Robert Wilson es besser wissen. Immerhin hat er einst mit Merce Cunningham zusammen gearbeitet. Was hätte der doch aus diesem Part gemacht.

Den Chorsängerinnen wurde ein Dutt verordnet, der Tenor scharwenzelt als Entertainer im weißen Anzug und mit Spazierstock über die Bühne und zwinkert dem Publikum zu, beim berühmten "Halleluja!" bersten im Hintergrund projizierte Eisberge und ein Astronaut tänzelt an die Rampe. Was das alles mit einander zu tun haben soll, ist schwer zu entziffern. Wahrscheinlich kommt es Wilson nicht darauf an, solange die Lichteffekte stimmen.

Bleibt die Musik. Und die offenbart sich mit Les Musiciens du Louvre unter ihrem Gründer und Leiter Marc Minkowski, der der Mozartwoche seit Jahren eng verbunden ist, in bester Qualität. Wer, wenn nicht Minkowski, könnte die Verknüpfung herstellen zwischen Mozart und dem Barock. Und die vier Solisten Elena Tsallagova, Wiebke Lehmkuhl, Richard Croft und José Coca Loza singen ja wirklich schön und betören mit kunstvollen Koloraturen. Vielleicht überträfen sie sich selbst, wenn sie sich ganz auf den Gesang konzentrieren dürften und nicht aufpassen müssten, dass sie eine der unvermeidlichen Wilsonschen Handstellungen vergessen, die der Regisseur ihnen abverlangt.


Thomas Rothschild – 26. August 2020
ID 12411
Link zur DVD mit Händels Messias


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