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nachDRUCK # 5

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Als Nikolaus Harnoncourt, bekannt und gerühmt für seine Interpretationen Alter Musik, sich 1988 entschloss, Schuberts sämtliche, innerhalb von nur 14 Jahren entstandenen Sinfonien bei der von ihm gegründeten Styriarte mit dem Chamber Orchestra of Europe aufzuführen, löste das unter Musikkennern einiges Erstaunen aus. Romantik und der Promoter des Originalklangs: geht das zusammen? Später hat Harnoncourt noch öfter für Überraschungen gesorgt. So eng wie manche seiner Fans hat er nie gedacht.

Hört man die acht Sinfonien des (neben Johann Strauss) wohl wienerischsten, mit nur 31 Jahren verstorbenen Komponisten mit ihrer verwirrenden Zählung hintereinander an, kann man nachverfolgen, wie er Schritt für Schritt zu einer eigenen Sprache fand. Die 1. Sinfonie von 1813 – da war Schubert gerade 16 Jahre alt, Mozart seit 17 Jahren tot, und Beethoven hatte bereits acht seiner neun Sinfonien geschrieben und uraufgeführt – nähert Harnoncourt eher Mozart als Beethoven an. Er bevorzugt das Filigrane gegenüber dem Majestätischen.

Die Frage, ob es in der Musik eine strenge Trennung zwischen E und U, in unseren Tagen: zwischen der fälschlich so genannten „Klassik“ und der „Popmusik“ gebe, erregt die Gemüter immer wieder aufs Neue. Man achte unter diesem Aspekt auf die dritten Sätze von Schuberts Sinfonien. Wo, wenn nicht hier, fänden die Volksmusik und die Kunstmusik ihren gemeinsamen Nenner? Harnoncourt arbeitet diese Synthese sinnfällig heraus. Er führt uns einen Schubert vor, der weder arrogant auf die Kultur des „Volkes“ herabschaut, noch sich an diese anbiedert. Seine Menuette, die oft verkappte Ländler sind, heben den Wiener Heurigen, anders als die aufgeregten Scherzi der 6. und der Großen Sinfonie, auf das höchste Niveau (Schubert und das Wirtshaus heißt ein wegweisendes Buch von Frieder Reininghaus aus dem Jahr 1979).

Dann wiederum forciert der gemeinhin eher aristokratisch-nüchterne Harnoncourt die Emotionalität Schuberts, etwa im 4. Satz der 4. Sinfonie, die den Eindruck erweckt, als wollte der Komponist seiner Verzweiflung entfliehen. Schubert – ein Liederkomponist? Dieses Klischee hat den Sinfoniker – und übrigens auch den Opernkomponisten, namentlich des zu Schuberts Lebzeiten unaufgeführten Fierrabras – in der öffentlichen Wahrnehmung zu Unrecht in den Hintergrund gedrängt. Wer sich davon überzeugen möchte, wie sorgfältig Harnoncourt die einzelnen Instrumentalstimmen gegeneinander profiliert, höre sich den vergleichsweise langen 2. Satz der 5. Sinfonie, die der scharfzüngige Musikkritiker Eduard Hanslick nicht ohne Nachwirkung als „schwachen Abguss von Mozart“ geschmäht hat, oder den 1. Satz der Unvollendeten in diesen seinerzeit vom ORF mitgeschnittenen Konzerten an.

Schon die Länge der letzten, der Großen Sinfonie von fast einer Stunde verleiht ihr einen Sonderstatus. Entstanden ist sie nach vorherrschender Meinung 1825, im Geburtsjahr von Johann Strauss, den man stellenweise ebenso vorauszuahnen meint wie den zwölf Jahre älteren Richard Wagner.

Nach dem Ende der Unvollendeten, die den Atem stocken lässt, herrscht Stille, ehe der Applaus zögerlich einsetzt, sich steigert und ausgeblendet wird. Wenn es eine Fee gäbe und ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass Franz Schubert aus seinem Grab aufersteht, die Unvollendete vollendet, und Nikolaus Harnoncourt sie mit dem Chamber Orchestra of Europe aufführt. In Graz oder anderswo. Ich komme hin.


Thomas Rothschild – 28. November 2020
ID 12628
NAXOS-Link zu den Schubert-Sinfonien unter Harnoncourt


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