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CD-Kritik

Prokofjews

Symphonien

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Die wohl verspielteste Symphonie der Musikgeschichte ist die nur knapp 14 Minuten lange 1., die Klassische Symphonie von Sergej Prokofjew. Man könnte sie als Parodie älterer Komponisten auffassen, aber sie hat nichts Komisches an sich, sondern eher, wie Griegs Suite Aus Holbergs Zeit, den Charakter einer Hommage. Schon hier fesselt das wohl auffälligste Merkmal von Prokofjews Kompositionstechnik: die Häufung von Rückungen, also von überleitungslosen Tonartwechseln.

In der 2. Symphonie findet Prokofjew zu einer eigenen Handschrift, die von der des etwas älteren Strawinski ebenso weit entfernt ist wie von der des jüngeren Schostakowitsch, der kurz nach der Uraufführung der 2. Symphonie seines Landsmanns seinen ersten sensationellen Erfolg erringen konnte. Formal weicht die 2. Symphonie vom traditionellen Schema ab. Auf einen elfminütigen Einleitungssatz folgen ein Thema und sechs Variationen, von denen die kürzeste knapp zwei und die längste rund viereinhalb Minuten lang ist, ehe zum Abschluss das Thema wiederholt wird.

Am häufigsten wird neben der 1. Prokofjews 5. Symphonie aufgeführt. Während des Zweiten Weltkriegs entstanden wie die 7., die Leningrader-Symphonie von Schostakowitsch, beeindruckt sie, im Vergleich zur Leningrader erstaunlich unpathetisch und frei von Monumentalismus, durch ihren Einfallsreichtum. Überliefert ist ein dramatischer Vorfall bei der Moskauer Uraufführung im Januar 1945: Als Prokofjew seinen Taktstock erhob, wurde er von der Ansage unterbrochen, dass die Rote Armee an der Ostfront die Weichsel überschritten hatte und im Begriff war, in Deutschland einzumarschieren. Der Dirigent musste Salutschüsse der Artillerie außerhalb des Konzertsaals abwarten, ehe er anfangen konnte. Fünf Wochen davor wurde Hans Pfitzners Krakauer Begrüßung op. 54 uraufgeführt, als Hommage an seinen Freund Hans Frank, den Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete, dem auch Richard Strauss einen Kanon gewidmet hat. Fünf Wochen danach gab Herbert von Karajan, der kurz zuvor, wie Pfitzner, in Hitlers Gottbegnadeten-Liste aufgenommen worden war, sein letztes Konzert in Berlin, ehe er sich nach Italien absetzte. Die Wiener Philharmoniker verliehen Pfitzner die Ehrenmitgliedschaft und den Ehrenring und besorgten ihm ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Beide, Pfitzner und Karajan, und Richard Strauss sowieso, wurden nach 1945 auch Ehrenmitglieder der Wiener Staatsoper.

Auf dem Weg von der 1. zur 7. Symphonie hat Prokofjew, ohne sich untreu zu werden, diverse Wege beschritten, die sich der Konzeption eines „Fortschritts“ in der Musik (und in den Künsten überhaupt) entziehen. Es gibt eine Neigung, solche Zickzack-Bewegungen mit äußeren Zwängen zu begründen. Die mögen auch eine Rolle spielen, aber sie können ebenso sehr dem Wesen einer Versuchsanordnung entsprechen. Man findet sie auch bei Komponisten, die keinen Repressionen ausgesetzt waren. Einfache Erklärungen führen da in die Irre.

*

Marin Alsop, mittlerweile Chefdirigentin des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien, hat 2012-2017 die sieben veröffentlichten Symphonien Prokofjews mit dem São Paulo Symphony Orchestra aufgenommen, dessen künstlerische Leiterin sie damals war. Sie liegen jetzt in einer Box vor. Marin Alsop arbeitet die Kontraste zwischen den Sätzen und innerhalb der einzelnen Sätze, an denen Prokofjews Kompositionen reich sind, deutlich heraus. Sie dirigiert mit leichter Hand, in den lyrischen Passagen ebenso wie in den dramatischen, die sie zwar pointiert, aber nicht überstrapaziert. Exemplarisch: der zweite und dritte Satz der 5. Symphonie, deren Semantik man freilich ohne Hintergrundwissen kaum erahnen kann. Berücksichtigt man, dass der 2. Satz ursprünglich für das Ballett Romeo und Julia gedacht war, erweisen sich allzu schnelle Interpretationen denn auch als fragwürdig.

Die Symphonien werden in dem Paket durch weitere, chronologisch angeordnete und zu den Entstehungsdaten der Symphonien passende Kompositionen Prokofjews ergänzt. Darunter befindet sich seine Skythische Suite, die kurz vor der 1. Symphonie entstanden ist. Wie bei zahlreichen russischen und sowjetischen Komponisten, wie bei Tschaikowski, Glasunow, Glière, Strawinski oder Chatschaturjan, nehmen Ballettmusiken in Prokofjews Werk einen bedeutenden Platz ein. Die Skythische Suite besteht aus in vier Sätzen aufgeteilten Kompositionen für das unvollendete Ballett Ala und Lolli. Von den meisten Zeitgenossen wurde dieses Werk abgelehnt. Vielleicht sind es die gleichen Gründe, die es heute, mehr als ein Jahrhundert nach seiner Entstehung, modern und faszinierend erscheinen lassen.

Die Musik zum Ballett Der verlorene Sohn ist mit der 4. Symphonie gekoppelt, die auf dem gleichen Material beruht wie die unüberhörbar für eine tänzerische Umsetzung entworfene Komposition. Marin Alsop hat die revidierte Version der Symphonie von 1947 gewählt, die deutlich länger ist als die erste Version und ein vergrößertes Orchester erfordert.

Schostakowitschs Walzer Nr. 2 aus der Suite für Varieté-Orchester ist zu einem inflationär ausgebeuteten Hit geworden. Man kann den uninspirierten Theatermusikern nur empfehlen, zur Abwechslung einmal in Prokofjews Suite von Walzern aus der Oper Krieg und Frieden, dem Ballett Cinderella und dem Film Lermontow hineinzuhorchen. Sie sollten dort fündig werden für die nächste Bühneninszenierung.

Als Zugabe für jene, die Peter und der Wolf vermissen, endet das Prokofjew-Programm mit zwei Sätzen aus der Suite aus der Liebe zu den drei Orangen und der Suite aus der Filmmusik zu Leutnant Kishe. Sage da einer, Prokofjew habe keine Ohrwürmer geschrieben.


Thomas Rothschild – 20. April 2021
ID 12868
NAXOS-Link zur CD mit den Prokofjew-Sinfonien u.a.m.


Post an Dr. Thomas Rothschild

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