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CD-Kritik

Der halbe

symphonische Mozart





Bewertung:    



Roger Norrington beharrte bekanntlich, als Orchesterleiter wie als Gastdirigent, auf vibratofreiem Spiel der Streicher. Er folgt damit den Maximen der historischen Aufführungspraxis, zu deren Pionieren er gehört, nachdem ihm bewusst wurde, dass das Vibrato erst im 20. Jahrhundert zum Dogma wurde. Nicht unplausibel argumentiert er, dass das Vibrato den „reinen Ton“ verhindere. In einem Interview mit der Deutschen Welle hat er vor längerem die Vorzüge des „reinen Tons“ anschaulich erläutert: „Klarheit. Transparenz. Die Konsonanzen sind wärmer und reicher, weil die Obertöne nicht dauernd von ihren Nachbarn angerempelt werden. Die Dissonanzen ihrerseits sind kraftvoller. In normalen Orchestern gebraucht die Flöte Vibrato, die Klarinette hingegen nicht, das Cello wohl, das Horn nicht, und oft spielen sie die gleiche Melodie. Bei uns sprechen alle Instrumente dieselbe lutherische Sprache und erzielen so eine fantastische Übereinstimmung. Natürlich zwingt uns diese Sprache zum Phrasieren. Ohne Phrasierung wäre sie tot. Sie macht uns also musikalischer. Und dann ist da noch diese Unschuld, diese Ehrlichkeit.“ Umstritten war und ist Norringtons Entscheidung dennoch, aber er bleibt dabei. So auch bei seinen Interpretationen der Essential Symphonies von Wolfgang Amadeus Mozart.

Norrington beachtet, entgegen einer durchaus begründbaren häufigen Gewohnheit und mit Ausnahme der Da Capos in den Menuetten, alle Wiederholungszeichen und neigt zu angezogenem Tempo, beruft sich allerdings auf Forschungsergebnisse. Bei der 40. Symphonie gewinnt man den Eindruck, er wolle sie möglichst schnell hinter sich bringen, damit niemand im Publikum auf die Idee käme, das bekannte Werk mitzusingen. Und im Schlusssatz der 35., der Haffner Symphonie, mit der der Zickzack-Parcours endet, scheint Norrington sagen zu wollen: „Uff, jetzt haben wir es geschafft.“ Vielleicht steigt in ihm die Ahnung auf, dass man sich auch an Mozart überfressen kann wie an den delikatesten Cremeschnitten oder Punschkrapfen aus der Konditorei Zauner in Bad Ischl. Und wer Norrington im Konzertsaal erlebt hat, weiß, dass er gerne den Kopf zur Seite wendet und mit dem Publikum kokettiert.

Der eigensinnige Stardirigent sieht in Mozart eher den Nachfolger Haydns als den Vorläufer Beethovens und verzichtet auf Überdramatisierung. Nur ausnahmsweise, etwa in der 38., der dreisätzigen, im Jahr der Uraufführung der Hochzeit des Figaro entstandenen Prager Symphonie mit ihren wechselnden Stimmungen oder im Schlusssatz der 36., der Linzer Symphonie arbeitet er die Kontraste verschärft heraus. Durchgängig erzielt Norrington einen unüberhörbaren dynamischen Kontrast, indem er die Piano-Passagen lediglich vom halben Orchester spielen lässt.

Die jetzt neu aufgelegte Box enthält auf 6 CDs 19, also knapp die Hälfte von Mozarts Symphonien (was den Begriff „essential“ eigentlich inhaltsleer macht), darunter die Symphonie in D-Dur nach der Posthorn-Serenade KV 320, die 2006 beim Europäischen Musikfest mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR live aufgenommen wurden. Sie sind nicht nach Nummern geordnet, sondern, wie bei den Konzerten, nach dem Prinzip des Nebeneinanders von frühen und späteren Symphonien auf jeder einzelnen CD. Norrington hat die Größe des Orchesters von Symphonie zu Symphonie verändert und sich dabei an der Besetzung der Uraufführungen orientiert. Ärgerlich bloß, dass die CDs nur in billige Papierhüllen gesteckt sind, deren Klebelasche schon beim ersten Öffnen leidet. Da wurde an der falschen Stelle gespart.


Thomas Rothschild – 8. Juni 2021
ID 12959
https://www.naxos.de/neuheiten/0747313952687/


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