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CD-Besprechung

Der Alleskönner





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Ältere Semester, zu denen der Rezensent, aber mittlerweile auch Keith Jarrett und sein Produzent Manfred Eicher gehören, werden sich an die Schnulze erinnern, mit der Rudi Schuricke 1952 jedes Mütterlein zu Tränen gerührt hat. Der Schlager von Gerhard Winkler, dem Komponisten der Capri-Fischer, reiste um die Welt und hieß auf Englisch Answer Me. Bei einem seiner legendären Solokonzerte, 2016 in München, konnte Keith Jarrett beweisen, dass man auch aus dem erbärmlichsten Kitsch – Georg Kreisler hat ihn einmal genial parodiert – Kunst machen kann. Seine elegische Variante von Mütterlein alias Glaube mir alias Answer Me lässt die Armseligkeit des Materials vergessen.

Das diametrale Gegenstück zu Winklers gewiss ertragreicher Komposition ist Over the Rainbow von Harold Arlen. Von der Oktave an, mit der dieser durch Judy Garland und den Film The Wizard of Oz berühmt gewordene Evergreen anhebt, bis zu den raffinierten Modulationen und der Verflechtung zweier einprägsamer Motive, lässt er sich allenfalls an den Standards von George Gershwin oder Cole Porter messen. Keith Jarrett hat an dieser Melodie offenbar einen Narren gefressen und entlockt ihr Funken, die sie wie neu erscheinen lassen. Als drittes Fremdmaterial hat sich Jarrett It's A Lonesome Old Town gewählt, das zahllose Sänger von Frank Sinatra bis Sting inspiriert hat.

Zuvor aber spielt Jarrett, womit er sich einen Namen gemacht hat: freie Improvisationen. Der unvergleichliche Erfolg des Pianisten über nunmehr fast ein halbes Jahrhundert hinweg dürfte sich nicht zuletzt seinem Anschlag verdanken, der nuancierten Sensibilität, dem lyrischen Grundgestus, mit dem er die Klaviersaiten zum Schwingen bringt. Dass er aber auch mit seiner musikalischen Erfindungskraft und der Vielfalt der stilistischen Zugänge, die er beherrscht, kaum seinesgleichen hat, beweist er im Münchner Konzert mit zwölf meist kürzeren Stücken, die von der Atonalität zur Tonalität, von der Hymne zum Boogie-Woogie, von der offenen zur geschlossenen Form wechseln. Es ist, als wollte uns der Pianist sagen: seht her, all das habe ich in mir. Keith Jarrett gilt als schwierig im Umgang, er verlangt seinem Publikum ab, was heute selten geworden ist: Konzentration. Dass es sich lohnt, dass die Zuhörer das begreifen, beweist der stürmische Applaus auf der CD. Auf die Pfiffe könnte man verzichten. Sie passen zu Keith Jarrett wie die legendäre Faust aufs Auge.



Thomas Rothschild – 29. Oktober 2019 (2)
ID 11767
ECM-Link zu Keith Jarrett, Munich 2016


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