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Eisler

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Theodorakis oder Nono? Siqueiros oder Picasso? Der frühe oder der späte Aragon? Das Dilemma des im doppelten Sinne fortschrittlichen Künstlers: Der Schönberg-Schüler und Marxist Hanns Eisler wollte mit seiner Musik jene erreichen, von denen er sich erhoffte, was sein Freund Bertolt Brecht so formuliert hat: „Ändere die Welt, sie braucht es“. Das erforderte Kompromisse. Wer sich auf die Hörgewohnheiten musikalisch ungeschulter Menschen einlassen wollte, musste beim Material Abstriche machen. Eisler löste das Problem durch eine Aufteilung seiner Fähigkeiten. Einerseits dirigierte er Arbeiterchöre und schrieb Kampflieder und Musik für Agitationsstücke, auch die Nationalhymne der DDR, andererseits schuf er avancierte Kompositionen in mehreren Genres für den Konzertsaal.

Jetzt präsentiert eine vorzügliche Aufnahme des MDR-Sinfonieorchesters Leipzig und der Kammersymphonie Berlin unter der Leitung von Jürgen Bruns den Symphoniker und den Filmmusikkomponisten Hanns Eisler.

Dabei erweist sich die hochdramatische, kurz vor Eislers Tod im Jahr 1962 entstandene und unvollendete Leipziger Symphonie, die Tilo Medek rekonstruiert und vervollständigt hat, als keineswegs „schwer verständlich“. Eisler selbst notierte dazu: „Für wen schreibe ich das? Wer sind meine Hörer? Das sind die Menschen der DDR. Die kennen kaum diese Tradition der klassischen Musik. Ich muss also etwas Neues bieten und die klassische Musik überspringen. Um etwas Praktisches, Brauchbares aber doch Neues zu geben und den Standard meines musikalischen Denkens zu halten. Das ist für mich ungeheuer kompliziert.“ Die Skrupel ehren den Komponisten, aber sie scheinen retrospektiv überzogen.

Im Begleitheft führt Peter Deeg minutiös die Filmmusiken an, die das Material für die Leipziger Symphonie bereit stellten. Sie belegen, dass es für Eisler keinen grundsätzlichen Gegensatz zwischen „Gebrauchsmusik“ und absoluter Musik gab. Was die geplante Symphonie von den benutzten motivischen Quellen unterschieden hätte, ist die Durchführung.

*

Neben der Leipziger Symphonie enthält die CD bei Capriccio die Musik zum Dokumentarfilm Nacht und Nebel von Alain Resnais, den viele für den besten Film aler Zeiten über die Konzentrationslager der Nationalsozialisten halten. Außerdem haben Jürgen Bruns und Tobias Faßhauer eine Suite von Trauerstücken aus Filmpartituren arrangiert.

Hanns Eislers Filmmusiken unterscheiden sich signifikant von jenen seiner Kollegen in Hollywood wie Bernard Herrmann, Max Steiner oder dem um ein Jahr älteren Erich Wolfgang Korngold, der wie Eisler im Exil bleiben musste. (Den rückkehrwilligen österreichischen Juden und Kommunisten Eisler wollte übrigens nach 1945 weder die schwarze Akademie für Musik und darstellende Kunst, noch das rote Konservatorium der Stadt Wien haben. Dort zog man die alten Nazis vor, die bis weit nach Eislers Tod an Österreichs Hochschulen den Ton angaben. Eisler ging notgedrungen in die DDR.) Eislers Kompositionen für den Film, die er in einem wegweisenden Buch zusammen mit Theodor W. Adorno auch theoretisch begründet hat, zeichnen sich aus durch Gestus anstelle von Stimmung, durch Transparenz anstelle von Überwältigung, durch pointierte Schärfe anstelle von Sentimentalität. Und wer bislang in erster Linie den Eisler der Kampflieder schätzte, wird seine charakteristischen Stakkati der Trompeten wiedererkennen.


Thomas Rothschild – 3. Oktober 2019
ID 11723
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