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CD-Kritik

Böhmische

Geschichten





Bewertung:    



Ein rein tschechisches Programm: Man möchte annehmen, der Geiger stamme aus Tschechien. Weit gefehlt. Augustin Hadelich kam als Sohn deutscher Eltern in Italien zur Welt, lebt heute in den USA und ist amerikanischer und deutscher Staatsbürger. Allerdings holte er sich für seinen Ausflug in die tschechische Musik einen tschechischen Dirigenten, Jakub Hrůša, der ihm schon bei verschiedenen Orchestern zur Seite gestanden hat. Für die jetzt erschienene CD wählten die beiden das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Am Anfang der Bohemian Tales steht das Violinkonzert von Antonín Dvořák, das man kaum als Entdeckung bezeichnen kann, dessen reiches folkloristisch angehauchtes Material aber eine Herausforderung an Temperament und musikalische Einfühlung jedes Interpreten bedeutet. „Der Kerl hat mehr Ideen als wir alle. Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die Hauptthemen zusammenklauben“, soll Brahms in einem viel zitierten Lob über seinen tschechischen Kollegen gesagt haben. Und für das Violinkonzert gilt es mit Sicherheit.

Auf Dvořák lässt Hadelich, begleitet von dem Pianisten Charles Owen, Janáček und Dvořáks Schwiegersohn Josef Suk folgen, um zu Dvořák, einer Lied-Transkription für Violine und Klavier zunächst, zurück zu kehren und mit dessen zum Salonstück verkommener Humoresque zu enden, die man, offen gestanden, mit dem gleichen Überdruss wahrnimmt wie Mozarts Kleine Nachtmusik und Beethovens Albumblatt Für Elise. Ein „Abfall“ im Sinn von Brahms, aus dem sich jeder andere ein Hauptthema zusammenklauben könnte, ist sie jedenfalls.

Mit den Übersetzungen von Liner Notes ist das so eine Sache. Das englische Wort „Bohemian“ in seiner doppelten Bedeutung ist mit dem deutschen „Böhmisch“ keineswegs eindeutig wiedergegeben. Böhmisch ist im Deutschen nur, was aus Böhmen stammt. Die Bohème ist damit nicht abgedeckt. Es würde wohl einiges Erstaunen auslösen, wenn Puccinis Oper fürderhin „Die Böhmin“ hieße. Und meint Hadelich wirklich die „Charaktere“ von Dvořáks Musik oder nicht vielmehr deren Charakter?

Augustin Hadelich ist kein Tscheche (also auch kein Böhme). Aber nach dieser CD sollte man ihm die Ehrenbürgerschaft verleihen. Er interpretiert die Folklore, die sich die tschechische Klassik im Zeichen der „nationalen Wiedergeburt“ einverleibt hat, mit einer Leichtigkeit und einer tänzerischen Sinnlichkeit, als wäre er damit aufgewachsen. Das vierte von Dvořáks vier Romantischen Stücken op. 75 spielt der Geiger mit einem Sehnsuchtsschmelz, das dem Titel mehr als gerecht wird. In Janačeks Violinsonate dann kommt das Klavier als Partner voll zur Geltung. Die beiden Musiker arbeiten die dramatisch-tonmalerischen Qualitäten der Komposition von 1914 bestechend heraus. Bei Josef Suks Vier Stücken für Violine und Klavier op. 17 rückt das Duo wieder ganz nahe an die tschechische Volksmusik heran. Der erste Satz ist nicht nur mit "Quasi Ballata" überschrieben, es ist, ganz ohne „quasi“, eine Ballade im engen (musikalischen) Verständnis. Und der dritte Satz klingt in dieser Aufnahme mehr als nur "un poco triste". Bei der abschließenden Burleske wiederum mag man an Mussorgskis Ballett der Küken in ihren Eierschalen, komponiert im Geburtsjahr von Josef Suk, denken.


Thomas Rothschild – 4. Juli 2020
ID 12336
Label-Link zu den Bohemian Tales


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