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Repertoire

William Christie

dirigierte Médée

von Charpentier

Les Arts Florissants
im Palais Garnier in Paris


Bewertung:    



Noch bis zum 11. Mai d.J. präsentiert die OPÉRA NATIONAL DE PARIS in ihrem Palais Garnier die Barockoper Médée von Marc-Antoine Charpentier (1643-1704) - der war einer der besten französischen Komponisten seiner Zeit. Er stand sein Leben lang im Schatten von Lully und hatte auch nach dessem Tod keinen bedeutenden Posten am Hof von Ludwig XIV. Für Médée hat der damalige Meister der religiösen Musik, Thomas Corneille, nach einem Text seines Bruders Pierre Corneille (nach Euripides), das Libretto geschrieben. Corneilles Poesie passt sich perfekt den Fliegeruniformen und den gestelzt-mondänen Cocktailparties der Siegermächte in der Inszenierung von David McVicar an.

Charpentiers Médée wurde im Dezember 1693 in Palais Royal uraufgeführt. Es ist das einzige nicht religiöse Werk des Komponisten. Der Erfolg war seinerzeit eher mäßig. Der französische Schriftsteller und Musikessayist Lecerf de la Viéville bezeichnete die Oper sogar als "ein wahres Gräuel: schroff, trocken und übertrieben, gekünstelt". Charpentier komponierte zwar im Stil von Lully, mit diversen Tanz- und Choreinlagen, konnte oder wollte aber nicht seine Erfahrungen, die technischen und stilistischen Bereicherungen von Carissimi und der italienischen Oper in Rom verstecken. Diese komplizierten Partien wiederum konnte ihm das französische Publikum nicht verzeihen. Schon allein das Thema, eine Giftmischerin, eine Mörderin, war nicht angebracht. Dabei hat Corneille es geschafft, die Zuhörerschaft auf Medeas Seite zu holen. Sie ist das Opfer. Médée wurde seinerzeit schon nach zehn Veranstaltungen abgesetzt. Die Oper ist dann sehr schnell in der Schublade verschwunden. Erst Robert Wilson wagte sich 1984 an eine konzertante Aufführung für die Opéra de Lyon. Es war auch William Christie, der die Médée (die er aktuell in Paris dirigiert) vor ca. 40 Jahren mit Les Arts Florissants auf CD einspielte.


*

Medea war nicht nur eine rachsüchtige Magierin. Bevor sie das wurde, war sie eine Sonnengestalt, Priesterin und manchmal ein wohlgesinntes, göttliches Wesen.

Liebe, Eifersucht und Rache sind zeitlos, wie der Krieg.

Der Schotte McVicar hat die Geschichte der Medea von der Antike in die letzten Kriegstage des Zweiten Weltkrieges verlegt. Medea ist eingebunden in die auslaufenden Kriegswirren, in Kapitulation und ausgiebige Feiern der Siegermächte von amerikanischen G.I.-Soldaten und Offizieren der britischen Royal Navy, die in den angesagten Pariser Kabaretts tanzen. Verloren im Zweifel scheint sie davon aber nichts mitzubekommen.

Bevor Medea Jasons Geliebte und Frau wird, hilft sie ihm unter Zuhilfenahme ihrer Zauberkünste, das „Goldene Vlies“ in Kolchis zu rauben und nach Griechenland zu bringen. Aus der Beziehung entstehen zwei Söhne.

Im ersten Akt weilen Medea, Zauberin und Prinzessin von Kolchis und ihr Mann, der Argonaut Jason, zu Gast bei König Kreon in Korinth. Jason fühlt sich zu Creusa, Kreons Tochter, hingezogen. Diese soll aber aus politischen Gründen Oronte, den König von Argos, heiraten. Medea ist unsicher, sie zweifelt an Jasons Liebe. Ihrer Vertrauten Nerine gegenüber spricht sie von seiner Untreue. Nerine beschwichtigt sie und weit auf die geplante Hochzeit von Creusa und Oronte hin. Jason gesteht seinerseits seinem Vertrauten Arcos seine Liebe zu Creusa.

Im zweiten Akt verspricht Kreon Medea zu unterstützen. Allerdings soll sie dafür Korinth verlassen, während Jason bleiben darf, um Kreon bei der Verteidigung seines Reiches zu helfen. Medea folgt diesem Gebot und lässt, auf Wunsch von Jason, ihr weißes Kleid und ihre Kinder bei Creusa. Bis hierher gibt es noch Hoffnung. Medea ist immer wieder versucht, Jason zu vertrauen.

Im dritten Akt beklagen sich Medea und Oronte darüber, dass sie betrogen und belogen wurden. Die enttäuschte Magierin ruft die Geister und glaubt Jasons Beteuerungen, nach dem Krieg zu ihr zurückzukehren, nicht mehr. Sie ist es, die wieder reist. Medeas Rachegedanken verselbständigen sich. Sie mischt einen Giftcocktail, der über Creusas Kleid zur Mordwaffe wird.

Im vierten Akt verlangt Medea von Kreon die sofortige Eheschließung von Oronte und Creusa. Jetzt hat Kreon genug und will sie festnehmen lassen. Medea verzaubert aber schnell die Wachen, die sich auf den König stürzen, anstatt sie zu verhaften. Kreon verfällt durch einen Zauber von Medea dem Wahnsinn.

Der fünfte Akt ist unberechenbare und unkontrollierte Rache. Medea ist bereit, Jasons Kinder in ihren blutigen Feldzug einzubeziehen. Dann passieren mehrere Tötungsdelikte zeitgleich. Kreon tötet in seinem Wahn Oronte und nimmt sich anschließend mit dessen Schwert das Leben. Creusa stirbt in dem vergifteten Kleid in Jasons Armen. Nun schwört dieser Vergeltung an seiner Frau, aber da bringt sie ihm schon seine toten, blutverschmierten Kinder. Die Welt stürzt erneut ein.



* *

David McVicars aktuelle, farbenfrohe und kontrastreiche Inszenierung inmitten von Kriegswirren der Neuzeit ist 2013 in London entstanden. Die Kostüme von Bunny Christie sind dementsprechend militärisch und prächtig gleichermaßen. Medea trägt hingegen Trauer. Zuerst ein knielanges schwarzes Bürokleid, das sie im dritten Akt abstreift, um dann im schwarzen Seidenunterrock weiter zu leiden. Die Choreografie von Gemma Payne ist unkonventionell, abwechslungsreich und manchmal auch komisch. Besonders gelungen ist ihr die teuflisch-turbulente Unterweltbeschwörung im dritten Akt.




Lea Desandre als Médée im Palais Garnier in Paris
Foto (C) Elisa Haberer/Opéra National de Paris


Die Bühnen- und Gesangpräsenz der Mezzosopranistin Lea Desandre in der Rolle der Medea ist außergewöhnlich. Sie spielt die Medea nicht, sie ist in diesem Moment Medea. Desandre hat alle Erwartungen übertroffen und wird den immer stärker werdenden rhythmischen Impulsen und einer ständig schneller werdenden Dramaturgie mehr als gerecht. Den dritten Akt stemmt sie praktisch alleine. Sie glänzt nicht nur als Sängerin, sondern auch als Tänzerin. Desandre ist eine ehemalige Schülerin von William Christie und Veronique Gens. In den ersten beiden Akten wirkt sie beinahe zerbrechlich und steigert sich immer mehr zu fast unmöglichen Höchstleistungen.

Der belgische Tenor Reinoud Van Mechelen ist Jason. Charpentier hat diese Rolle für eine leichte, nuancenreiche Stimme geschrieben. Van Mechelen ist überzeugend darin und anfangs schüchtern, schwach. Man glaubt ihm seine Zerrissenheit zwischen Pflicht und Liebe. Dann wird der Argonaut selbstsicherer und überzeugender und ist vielleicht doch nur ein verantwortungsloser und karrieresüchtiger Opportunist. Van Mechelen sang den Jason übrigens auch letztes Jahr an der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Laurent Naouri ist ein sehr überzeugender Kreon in der Uniform von General De Gaulle. Seine Rolle ist auch stimmlich bedeutender als die von Jason. Emmanuelle de Negri ist eine solid-samtige Nerine. Die junge, wunderbare Portugiesin Ana Vieira Leite ist Creusa. Leuchtend, geschmeidig, tänzelnd hat sie auch die Rolle des Ersten Phantoms. Sie gehört zu William Christies Ensemble. Oronte ist Gordon Bintner, deklamatorisch und ausgeglichen. Auch die Nebenrollen sind mit Elodie Fonnard und Lisandro Abadie (Cleone und Arcas) perfekt besetzt.

William Christie am Pult, klar und leidenschaftlich jung, wird triumphal gefeiert. Er ist der ungekrönte König dieser Pariser Aufführung.




Zwischen zwei Vorstellungen in Paris ist William Christie die 500 Kilometer in die Süd-Vendée gereist, um dort den Eröffnungsabend des achten Frühlingsfestivals, das dieses Jahr Monteverdi gewidmet war, zu leiten und das Clavecin zu spielen. Das tut er immer. Auch die Sopranistin Ana Vieira Leite, die in Paris die Rolle der Creusa singt, ist am Eröffnungsabend angereist, um eine der Sopranpartien von Monteverdis Selva spirituale und morale mit Glanz zu interpretieren. Die Abendkonzerte am Samstag und Sonntag hat der künstlerische Leiter Paul Agnew übernommen, der – auch wie immer – selber mitsingt und aus dem Chor heraus dirigiert. Der zweite Abend war Monteverdis Vêpres à la Vierge gewidmet, der dritte seinen sakralen Madrigalen. Bei den beiden Café-Konzerten wurden an einem Tag die Laute mit Elizabeth Kenny (mit Werken von Piccinini und Kapsberger) vorgestellt. Der Sonntag war dem Cornet à Bouquin (Kornett) gewidmet.

Dieses Frühjahrsfestival gehört zu den großen Highlights in dieser Gegend, und die Konzerte sind bis auf den letzten Platz ausgebucht. Stundenlang stehen die Leute an der Abendkasse, um vielleicht doch noch einen Eckplatz hinter einer Kirchensäule zu ergattern. Wie jedes Jahr fanden die Konzerte in unterschiedlichen Kirchen im Umkreis von Williams Christie Domäne in Thiré statt. Das nächste Highlight kommt dann Ende August, wenn wieder eine Woche lang Gartenkonzerte mit den Art Florissants und der Juilliard School New York auf höchstem Niveau dort stattfinden.
Christa Blenk - 23. April 2024
ID 14713
MÉDÉE (Palais Garnier, 15.04.2024)
von Marc-Antoine Charpentier

Musikalische Leitung: William Christie
Inszenierung: David McVicar
Ausstattung: Bunny Christie
Licht: Paule Constable
Choreinstudierung: Thibaut Lenaerts
Choreografie: Lynne Page
Besetzung:
Médée ... Lea Desandre
Jason ... Reinoud Van Mechelen
Créon ... Laurent Naouri
Créuse ... Ana Vieira Leite
Oronte ... Gordon Bintner
Nérine ... Emmanuelle de Negri
Cléone ... Élodie Fonnard
Arcas ... Lisandro Abadie
L'Amour... Julie Roset
L'Italienne ... Mariasole Mainini
u.a.
Les Arts Florissants Choir and Orchestra
Premiere an der Opéra National de Paris: 10. April 2024
Weitere Termine: 23., 25., 28., 30.04./ 03., 07., 09., 11.05.2024
Eine Produktion der English National Opera, London (2013)


Weitere Infos siehe auch: https://www.operadeparis.fr


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