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Repertoire

Was Brecht

nicht wusste



Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund

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Wer im Spielplan der Stuttgarter Oper so etwas wie eine Leitlinie jenseits des Prinzips der Vielfalt entdecken will, hat keine leichte Aufgabe. Jetzt ist, zwischen Messiaens Saint François d’Assise und Hip-Hop Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Bertolt Brecht und Kurt Weill an der Reihe, ein singuläres Meisterwerk, das die fast hundert Jahre seit seiner Uraufführung unbeschadet überlebt hat. Sängerinnen und Sänger sitzen in Proszeniumslogen oder posieren auf einem von der Bühne in den Zuschauerraum ragenden Steg, die allerdings kaum genutzt werden. Choristen besteigen ihn von den Sitzreihen aus: ein Gag. Da sie zuvor Stühle besetzt hielten, schönt das die Auslastungsstatistik. Dabei hätte die Oper derlei nicht nötig: Die Vorstellungen sind gut genug besucht, um jedes Intendantenherz höher schlagen zu lassen.

Auf Wände im zweiten Rang werden Aufnahmen von der Bühne projiziert. Die umtriebige Jungregisseurin Ulrike Schwab, anderweitig als Sopran unterwegs, kann auch Video. Man sieht: sie ist gut darüber informiert, was heute en vogue ist.

Und das ist das – vom Publikum freilich goutierte – Problem dieser Inszenierung. Sie liefert von allem zu viel. Ständig wird gewedelt und gefuchtelt, vornehmlich von Ida Ränzlöv, der Darstellerin von Jenny Hill. Sie agiert unermüdlich als Mischung aus Revuegirl-Verschnitt und Marlene-Dietrich-Klischee.

Die Stationen des Fressens, des Liebesakts, für den ein Mann aus dem Publikum gemartert wird, des Boxens und des Saufens finden bei Ulrike Schwab in himmlischen Gefilden statt, als wären sie von Ernst Lubitsch. Jakob Schmidt darf sich hier vor zwei bibeltreuen, aber in diesem Kontext sinnlosen goldenen Kälbern nicht zu Tode fressen, sondern wird von Jenny Hill erschossen. Offenbar hat die Regie oder die Dramaturgie diese kubanische Jenny mit der Seeräuberjenny aus der Dreigroschenoper verwechselt, die bekanntlich „Hoppla!“ sagt, wenn der Kopf fällt.

Nachdem Jenny ein Massaker angerichtet hat, von dem Brecht nichts wusste, treten die Witwe Begbick und Jenny vor den Vorhang und singen "When the Saints Go Marching In". Dabei ist es von eher geringer Bedeutung, dass Ida Ränzlöv auf der Gitarre dilettiert, die sie schmerzlich schlechter beherrscht als den Gesang. Schwerer wiegt, dass spätestens an dieser Stelle der Verdacht aufkommt, die Regisseurin habe das Stück nicht verstanden. Müssen wir damit rechnen, dass Der Troubadour demnächst mit James Taylors "Fire and Rain" endet?

Auf dieser Bühne hat Ruth Berghaus einst ihr Jahrhundert-Mahagonny realisiert. Vergleicht man die aktuelle Version mit dem großen Wurf von Berghaus, kann man feststellen, was das Fernsehen inzwischen bewirkt hat.

Zur anhaltenden Bedeutung von Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny trägt nicht zuletzt das Libretto bei, das dafür verantwortlich ist, dass in der Regel, entgegen den Gepflogenheiten im Opernbetrieb, der Librettist vor dem Komponisten genannt wird. Die Behauptung sei gewagt: keine zweite deutsche Oper, die Gesamtkunstwerke von Richard Wagner eingeschlossen, verfügt über eine so kunstvolle, so faszinierende Sprache wie eben Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny.

Musikalisch lässt diese Aufführung nichts zu wünschen übrig. Hervorgehoben seien Kai Kluge als Jim Mahoney, Ida Ränzlöv als Jenny Hill, Joshua Bloom, ein bestechender Bass aus Australien, als Dreieinigkeitsmoses mit der Gesetzestafel im Arm (ein müder visueller Kalauer) und Björn Bürger als Bill. Alisa Kolosova in der zentralen Rolle der Leokadja Begbick vermindert den Reiz ihrer kräftigen Stimme durch ihre unsichere Intonation.

Der absolute Höhepunkt dieses Opernabends ist jedoch das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des 25-jährigen Luka Hauser. Es sitzt auf der Bühne hinter Gazevorhängen, die sich bewegen und schließlich auf den Boden fallen, wenn der Hurrikan, verstärkt von Ventilatoren in den Händen von Leokadja Begbick und Jenny Hill, naht.



Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund

Thomas Rothschild - 2. Juni 2024
ID 14778
AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY (Staatsoper Stuttgart, 01.06.2024)
Musikalische Leitung: Luka Hauser
Regie: Ulrike Schwab
Bühne: Lena Schmid und Pia Dederichs
Kostüme: Rebekka Dornhege Reyes
Licht: Jakob Flebus
Dramaturgie: Franz-Erdmann Meyer-Herder und Julia Schmitt
Chor: Manuel Pujol
Besetzung:
Leokadja Begbick ... Alisa Kolosova
Fatty ... Elmar Gilbertsson
Dreieinigkeitsmoses ... Joshua Bloom
Jenny Hill ... Ida Ränzlöv
Jim Mahoney ... Kai Kluge
Jakob Schmidt / Tobby Higgins ... Joseph Tancredi
Bill ... Björn Bürger
Joe ... Jasper Leever
Sechs Mädchen von Mahagonny: Mimi Doulton, Marion Germain, Jutta Hochörtler, Rosario Chávez, Melis Vlahović und Vladyslav Shkarupilo
Staatsopernchor und Staatsorchester Stuttgart
Premiere war am 11. Mai 2024.
Weitere Termine: 11., 25.06.2024// 16., 19., 22., 26., 29.04./ 09.05.2025


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de


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