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Osterfestspiele Salzburg 2022

Viel Klunker

und wenig

Hirn



Lohengrin zu den Osterfestspielen Salzburg 2022 | Foto (C) Ruth Walz

Bewertung:    



Eine der bekanntesten Opernanekdoten erzählt von Leo Slezak, der in der Rolle des Lohengrin, als der Schwan zu früh von der Bühne gezogen wurde, ausrief: „Wann geht der nächste Schwan?“ Bei den Salzburger Osterfestspielen kommt der Schwan gar nicht erst an. Lohengrin verabschiedet den unsichtbaren Vogel hinter der Bühne und tritt aus einer Unterführung. Es ist nicht die einzige Absage an gängige Erwartungen.

Elsa darf Lohengrin nicht nach seinem Namen fragen. Das Verbot gilt im letzten Moment auch für die Kontrolleure bei den Osterfestspielen. Die Eintrittskarten sind personalisiert, aber beim Einlass muss man nicht, wie angedroht, seinen Lichtbildausweis „unaufgefordert“ vorzeigen. Im preußischen Kommandoton, der weit entfernt ist vom sprichwörtlichen österreichischen Charme, wurde man zuvor noch darauf hingewiesen, dass „in der Spielstätte ausnahmslos nur auf den nummerierten und zugeteilten Sitzplätzen zu sitzen“ und dass „das Umsetzen auf einen anderen Platz strikt untersagt“ sei. Da kommt Vorfreude auf.

Aber wo, wenn nicht bei einer Wagner-Oper, sollten schon dem Vorspiel höhere Weihen zustehen. Auch bereits im Vorfeld des Intendantenwechsels bei den Osterfestspielen stänkerte der, zugegeben: sachkundige, aber auch im Zweifel zuverlässige Oberreaktionär der österreichischen Musikkritik unter dem Teaser „Die Politik hat Christian Thielemann aus Salzburg vertrieben. Beantwortet das künftige Programm der Osterfestspiele die Frage, warum?“ und der Überschrift „Die höchsten Kartenpreise für den Intendanten-Darsteller": „Jonas Kaufmann rettet Nikolaus Bachler. Das war zu erwarten: Der beliebte Tenor war schon in den Jahren, als der ehemalige Schauspieler und Burgtheater-Direktor seine Rolle als Intendant der Bayerischen Staatsoper spielte, seine zweitwichtigste Trumpfkarte. Die wichtigste war der Dirigent Kirill Petrenko. Die beiden musikalischen Schwergewichte täuschten vor, dass es hinter den Kulissen in München so etwas wie musikalische Kompetenz geben könnte. Die Wahrheit ist: Bachler verstand seine Aufgabe auch im Musiktheater immer von den letzten beiden Silben, vom Theater her. Seinem Nachfolger in Bayern hinterließ er kein Opernrepertoire, sondern ein Regisseursmuseum.“ Als ob Serge Dorny auf solch eine Hinterlassenschaft angewiesen wäre.

Wie verträgt sich diese, jedenfalls aus der Sicht des heldenhaften Verteidigers der Musik im Kampf gegen das Theater, defätistische Prognose mit der Tatsache, dass der „vertriebene“ Intendant in seiner letzten Salzburger Saison den neuen nach seinem umjubelten Bayreuther Lohengrin vor drei Jahren just mit Jossi Wieler, Sergio Morabito und Anna Viebrock realisiert hat? Wer, wenn nicht sie, verstünde das Musiktheater von den letzten beiden Silben her? Bachler hätte keine Mühe, sie seinem „Regisseursmuseum“ einzugliedern, und sie nähmen dort einen Ehrenplatz ein.

Die Osterfestspiele gelten als noch elitärer als die Salzburger Festspiele im Sommer. Mit ihnen gemeinsam haben sie den Charakter einer Parade der Eitelkeit. Damit die Damen hinreichend Gelegenheit haben, ihre Garderobe zur Schau zu stellen, dauert der Lohengrin mit einer Netto-Spielzeit von dreieinhalb Stunden in Salzburg mit zwei Pausen mehr als viereinhalb Stunden. Wie heißt es bei Georg Kreisler? „Jetzt kommt eine Pause/ Manche geh'n nach Hause/ Manche essen Jause/ Dafür g’hört die Pause.“ Weil es sich aber um Salzburger Festspiele handelt, kosten die kleinen Zitronentörtchen gegenüber im Naya respektable 8 Euro. Mahlzeit!

*

Wenn der Vorhang, gleich zu den ersten Takten der Ouvertüre, hochgeht, sieht man einen der typischen faszinierenden Bühnenräume Anna Viebrocks, der hier das Cinemascopeformat des Großen Festspielhauses nützen darf. (Was wird davon bei der Übersiedlung an die Wiener Staatsoper bleiben?) Ein Prellbock am Schienenende, wahrscheinlich an einem Hafen, mit Aufbauten, Plattformen und Stegen. Die Kostüme deuten auf die Zeit des Ersten Weltkriegs hin. Gleich darauf aber, immer noch während der Ouvertüre, deutet sich, nicht unmittelbar verständlich, als stummes Spiel der entscheidende Eingriff der Regie in das, wie man denken konnte, vertraute Sujet an. Elsa von Brabant wird nämlich nicht zu Unrecht des Mordes an ihrem Bruder verdächtigt, sondern hat ihn tatsächlich begangen. Eine verblüffende Täter-Opfer-Umkehr, deren Funktion freilich nicht klar wird und die die Handlung im weiteren Verlauf ein wenig in Bedrängnis bringt. Was genau weiß Ortrud, die von Anfang an auf erhöhtem Podest anwesend ist? Und wird die Intrigantin nun ins Recht gesetzt? Und was ist mit dem Motiv des Gottesurteils, dessen Werkzeug Lohengrin ist und an das viele Menschen zur Zeit Wagners glaubten und wohl heute noch glauben? Das jedenfalls suggeriert die Renaissance des Irrationalismus. Der wiederum passt zu Lohengrins Frageverbot, das auch in Salzburg unbefragt bleibt. Wer ist Lohengrin in einem modernen Verständnis? Ein anderer Blaubart, ein Rumpelstilzchen oder vielleicht ein Hochstapler, dessen Name in Wirklichkeit Felix Krull lautet? Bleibt, was schon Wagner wusste: dass Elsa mit ihrer verdammten Neugier – so sind sie halt, die Weiber – alles kaputt macht.

Thielemann lässt die einzelnen musikalischen Phrasen immer wieder aus der Stille auftauchen. Nichts von einem auftrumpfenden Wagner, nur seltene Fortissimi. Manche Kritiker meinten, das geschehe aus Rücksicht auf die Sängerinnen. Woher wissen sie das so genau? Vielleicht wollte Thielemann das so. Selten waren Chor und Orchester so passgenau auf einander abgestimmt. Überhaupt der Chor – genauer, die drei Chöre: ihnen hat die Regie nicht weniger Aufmerksamkeit geschenkt als den Solisten. Sie hält sie ständig in Bewegung und füllt, wie die Kulisse, die ganze Breite der Bühne.

Lohengrin zeigt sich, nachdem er den Schwan verabschiedet hat, eher unheldisch in einer Andeutung einer Rüstung, bevor er sich mit Telramund einen Zweikampf liefert, der ohne Berührung auskommt. König Heinrich schaut unbewegt zu, ein Kriegsherr, der er ja der Story nach tatsächlich ist, im Militärmantel und ohne Krone.

Nach der Pause wähnt man sich in Marcel Carnés Quai des brumes. Alles steuert auf die berühmte Gralserzählung zu, die Eric Cutler wiederum wie von fern her antönt und zum Höhepunkt des Abends macht. Jacquelyn Wagner gibt neben ihm eine klangschöne, eher lyrische Elsa von Brabant, deren nicht sehr voluminöse Stimme kaum an den Namen des Komponisten und ihren eigenen Namen erinnert. Sie wird, wenn auch nicht vom Libretto, so doch gesanglich von Elena Pankratova als Ortrud ein wenig in den Schatten gestellt. Die kostet denn den Applaus am Ende auch voll aus. Welcher Russin ist das in diesen Tagen schon gegönnt.

Obwohl sich die Anachronismen im Vergleich zu anderen Inszenierungen von Jossi Wieler – etwa zu Norma oder zu L’incoronazione di Poppea – in Grenzen hielten, äußerten zahlreiche ältere Herrschaften ihren Unmut. Dass ein großer Teil des Publikums die Chorleiter für das Regieteam hielt und ausbuhte – geschenkt. Dass es das Team, als es sich schließlich verneigte, erst recht ausbuhte: ein Offenbarungseid der kuchenfressenden Pelztiere. Salzburg ist tiefste Provinz. Viel Klunker und kein Hirn.



Lohengrin zu den Osterfestspielen Salzburg 2022 | Foto (C) Ruth Walz

Thomas Rothschild - 10. April 2022
ID 13570
LOHENGRIN (Großes Festspielhaus, 09.04.2022)
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung: Jossi Wieler, Anna Viebrock und Sergio Morabito
Ko-Bühnenbildner: Torsten Gerhard Köpf
Licht: Sebastian Alphons
Besetzung:
Heinrich der Vogler ... Hans-Peter König
Lohengrin ... Eric Cutler
Elsa von Brabant ... Jacquelyn Wagner
Friedrich von Telramund ... Martin Gantner
Orrtrud ... Elena Pankratova
Der Heerrufer des Königs ... Markus Brück
Vier Brabantische Edle: Alexander Hüttner, Franz Supper, Simon Schnorr und Roland Faust Sächsischer Staatsopernchor Dresden
(Einstudierung: André Kellinghaus)
Bachchor Salzburg
(Einstudierung: Christiane Büttig)
Chor des Salzburger Landestheaters
(Einstudierung: Ines Kaun und Carl Philipp Fromherz)
Sächsische Staatskapelle Dresden
Premiere bei den Osterfestspielen Salzburg: 9. April 2022
Weiterer Termin: 18.04.2022
Koproduktion mit der Wiener Staatsoper


Weitere Infos siehe auch: https://www.osterfestspiele-salzburg.at/


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