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Premierenkritik

"Lodern zum

Himmel seh´ ich

die Flammen"



Il trovatore an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Matthias Baus

Bewertung:    



An der Stuttgarter Oper liebt man, jedenfalls seit Viktor Schoner das Sagen hat, das Aparte. Den beliebten Vorwurf des Musealen will man gar nicht erst aufkommen lassen. Da ist ein Werk des Kernrepertoires wie Giuseppe Verdis Il trovatore (Der Troubadour), das in den größeren und kleineren Opernhäusern Europas und darüber hinaus zum Pflichtprogramm gehört, eher eine Randerscheinung. Als wollte man sagen: Das können wir auch. Im Repertoire des Hauses finden sich zurzeit drei Verdi-Opern, aus den Jahren 2013, 2015 und 2019. Für die kommende Spielzeit ist Otello angekündigt. Falstaffund Don Carlo werden zum Ausgleich aus dem Vorrat entfernt. Als den Wienern ihre Staatsoper zu teuer wurde, fingen sie an, für Opernerlebnisse nach Bratislava zu reisen. Werden die Stuttgarter nach Pforzheim ausweichen, wenn konservative Bedürfnisse nicht mehr bedient werden? Dies ist keine Klage. Es ist lediglich ein Bericht vom Stand der Dinge. Wobei zu bedenken ist, dass die baden-württembergische Hauptstadt nicht drei große Opernhäuser hat wie Berlin oder Wien, sondern nur eines. Eine Großstadt kann sich eine Buchhandlung leisten, die auf Avantgardeliteratur spezialisiert ist. Wäre das eine Option für die Kleinstadt, in der es nur eine einzige Buchhandlung gibt? Und ob Schoners Strategie ein neues, junges Publikum einbringt, müssen die Statistiken beantworten.

Zwei Tage also, nachdem die „Große Italienische Oper“, die von der Unesco kürzlich ins immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen worden war, in Verona – wo sonst? –, wo das Publikum die bekanntesten Arien mitsummt, gefeiert wurde, Il trovatore 600 Kilometer weiter nördlich als aktuelle Premiere.

Der Regisseur Paul-Georg Dittrich verlegt die reichlich verwirrende Trivialhandlung in einen von Christof Hetzer zentralperspektivisch entworfenen, sich nach hinten verjüngenden Raum, der in die verengte Bühne gesetzt ist. Eine zeitweise grelle Rückwand lässt einzelne Darsteller als Schattenfiguren erscheinen. Die Arien erzählen Geschichten, die vom Ensemble ziemlich plakativ illustriert werden, so etwa die Folterung von Zigeunern, die in Stuttgart noch nicht den Sprachreinigern zum Opfer gefallen sind. Das fällt auch insofern leicht, weil sie in Il trovatore Sympathieträger sind. „Sinti und Roma“ wären denn auch metrisch kein Ersatz für „Zigeuner“.

Bald treten der Troubadour Manrico und sein Antagonist Graf von Luna als veritable pistolenbewehrte Westerner auf. Spiel mir das Lied von der Eifersucht. Später wechseln sie munter die Kostüme. So begegnen wir wundersam einer schottischen Jagdgesellschaft. Der Freischütz in den Highlands? Bei Paul-Georg Dittrich ist nichts unmöglich. Ein Soldatenchor besteht aus Invaliden aus diversen Epochen und Erdteilen. Wir haben verstanden. Soldaten sind sich alle gleich. Ob Ukrainer oder Russen. Immerhin wurden sie nur durch Säbelhiebe oder Kugeln verletzt, nicht durch einen Verallgemeinerungswahn wie ihr Regisseur. Diesem Wahn entspricht es auch, dass Leonora und Manrico, Azucena und Graf von Luna am Ende die gleichen roten Anzüge und Krawatten tragen. Täter oder Opfer: sie sind austauschbar.

Dann sind wir vollends in der Gegenwart angekommen, in der Leonora und Manrico in Strandkleidung als Barbie und Ken mit einem Beachvolleyball spielen. Luna legt Barbie, pardon: Leonora ein Gewehr in die Hand und richtet es auf Manrico. Man möchte meinen, damit sei der Gipfel der Dämlichkeit erreicht, aber er entspricht einem immer häufiger anzutreffenden Regieirrsinn: der Anhäufung von willkürlichen Assoziationen anstelle eines Konzepts.

In dieser Inszenierung dürfen Akrobaten wie in Stephan Kimmigs Rheingold von 2021 nicht fehlen, mit Rolle rückwärts und Radschlagen, obwohl Verdi mit Wagner eher wenig zu tun hat. Und weil Breakdance in Eric Gauthiers La Fest so überaus erfolgreich war, darf er auch am Rande des Scheiterhaufens nicht ausbleiben.

Apropos Scheiterhaufen. Bei der bekanntesten Stelle dieser Oper, „Lodern zum Himmel seh' ich die Flammen“, erlöscht die Übertitelung. Offenbar verlässt man sich darauf, dass das Publikum den Verdi-Schlager kennt.

Zwischen den Szenen sprechen körperlose Mitglieder des benachbarten Schauspielhauses verzerrte Verse des seit Jahrzehnten für Textergänzungen jeglicher Art beliebtesten Dichters Heiner Müller, das Passepartout für verkommene Ufer.

Sängerisch heraus ragt Kristina Stanek in der Rolle der Zigeunerin Azucena. Selene Zanetti als ihre Gegenspielerin Leonora kommt ihr nach anfänglichen Schwierigkeiten nahe. Atalla Ayan singt die Titelrolle, Ernesto Petti seinen Rivalen Graf von Luna und der in Stuttgart umschwärmte Michael Nagl den Ferrando.

Großer Applaus für die Sänger*innen, den wie stets fabelhaften Staatsopernchor und das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Antonello Manacorda, berechtigte Buhs für das Regieteam.



Il trovatore an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Matthias Baus

Thomas Rothschild - 10. Juni 2024
ID 14790
IL TROVATORE (Staatsoper Stuttgart, 09.06.2024)
Musikalische Leitung: Antonello Manacorda
Regie: Paul-Georg Dittrich
Bühne: Christof Hetzer
Kostüme: Mona Ulrich
Choreografie: Janine Grellscheid
Licht: Alex Brok
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Chor: Manuel Pujol
Kinderchor: Bernhard Moncado
Besetzung:
Graf von Luna ... Ernesto Petti
Leonora ... Selene Zanetti
Azucena ... Kristina Stanek
Manrico ... Atalla Ayan
Ferrando ... Michael Nagl
Inez ... Itzeli Jáuregui
Ruiz ... Piotr Gryniewicki
Ein alter Mann ... William David Halbert
Ein Bote ... Ruben Mora Villegas
Kinderchor der Staatsoper Stuttgart
Staatsopernchor
Staatsorchester Stuttgart
Premiere war am 9. Juni 2024.
Weitere Termine: 12., 16., 23.06./ 01., 04., 09., 16.07.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de


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