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Premierenkritik

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Barrie

Kosky



Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue an der Komischen Oper Berlin | Foto (C) Monika Rittershaus

Bewertung:    



Kulturstaatsministerin Claudia Roth eröffnete mit einer fulminanten Rede den gestrigen Premierenabend. "Danke Barrie, danke Barrie", skandierte sie wild gestikulierend vom Bühnenrand. Mit profundem Wissen ließ sie Koskys Intendanz Revue passieren und wartete mit vielen Details über den genialen Theatermacher auf. Und Barrie Kosky war (und ist!) ein Meister darin, Menschen unterschiedlichster Herkünfte, Interessen und Vorlieben zu motivieren. Sein Ensemble liebte ihn und folgte ihm auf den abenteuerlichsten und absurdesten künstlerischen Reisen. Sein Publikum an der Komischen Oper war (und ist!) ihm treu ergeben. Kosky hatte es aber auch geschafft, mit seinen Dienstherren ein empathisches Verhältnis zu entwickeln. Heute Claudia Roth auf der Bühne, bei der Falstaff-Premiere vor sechs Wochen war Klaus Lederer zu Gast. Kosky ist der Jürgen Klopp des Musiktheaters – Everybody´s Darling, dem es niemand übel nimmt, wenn er sich vor lauter Begeisterung über sich selbst bei einer Premierenrede zwischen Englisch und Deutsch verhaspelt.

*

Zum Abschluss seiner zehnjährigen Intendanz präsentierte er eine rauschende Revue, sein Anspruch dabei: „Diese Revue ist ein weiterer Versuch, dem deutschen Hochkultur-Snobismus ein wenig die Augen für ein anderes Kapitel des kulturellen Lebens zu öffnen.“ (Quelle: Programmheft) Entertainment sei nichts Schmutziges, ruft er am Ende von der Bühne, wir sollten uns gern außerhalb des Theaters wieder an unsere deutsche Ernsthaftigkeit erinnern. Ins Theater, in die Oper gehe man, um sich zu amüsieren!

Zum Stück:

Jüdisches Leben in den USA bis 1945, von der Nostalgie nach Europa geprägt. Nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs keimte neuer Optimismus. Die von den Nazis in Europa vernichtete jüdische Kultur stand in den Straßen New Yorks wieder auf. Clubs, Theater und TV-Studios des ganzen Landes wurden von diesem Optimismus angesteckt. Ein Epizentrum dieser überschäumenden Kreativität und Lebenslust war in den 1950er und frühen 1960er Jahren der sogenannte "Borscht Belt", eine Ansammlung von Ferienhotels und -siedlungen in den Catskill Mountains nördlich von New York. In dieser, bald "Las Vegas der Ost-Küste" genannten Gegend verbrachten viele New Yorker Juden ihre Sommerferien, und es entwickelte sich eine blühende Unterhaltungskultur. Dem Publikum wird ein weitgehend unbekanntes Kapitel jiddischer Kultur aufgeschlagen.

Unter der Leitung von Adam Benzwi und in den Choreografien Otto Pichlers feierten langjährige Wegbegleiter*innen wie Dagmar Manzel, Katharine Mehrling, Max Hopp, Helmut Baumann, die Geschwister Pfister, Ruth Brauer-Kvam, Helene Schneiderman, Barbara Spitz und Sigalit Feig gemeinsam mit Mitgliedern des Ensembles und einer betörenden Tanztruppe die Liebe, die Musik – und am Ende den Künstler Barrie Kosky. Aus dem Kosmos des Borscht Belt gelangten kabarettistische und herzerwärmende Stücke auf die Bühne. Von Jazz und Swing, Rock’n Roll und Klezmer inspirierten Shownummern eines Mickey Katz, einer Sophie Tucker oder der berühmten Barry Sisters wurden von Barrie Kosky, Adam Benzwi und Otto Pichler in eine in jiddischer, englischer und deutscher Sprache gesungene komödiantische Revue zusammengestellt. Eine Revue, die mitreißt und zu Herzen geht.

Aber hinter dem bezaubernden Entertainment steckte viel mehr. Kosky ließ uns spüren, dass die jüdische Kultur Teil der deutschen Kultur ist. Künstlerische Zusammenhänge wurden erlebbar. Die jiddische Musiktheaterkultur des 19. Und 20. Jahrhunderts folgte dem Erbe der europäischen Operette. Nach dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges erstand sie neu in der freien Welt Amerikas und beeinflusste hier die kulturelle Entwicklung in den USA stark. Und es ging weiter, Künstler wie Woody Allen und Mel Brooks hatten als Teenager ihre Ferien im "Borscht Belt" verbracht. Das Hotel Kellermann´s und die ganze Atmosphäre in Dirty Dancing war ein Abbild des Microkosmos "Borscht Belt". Und spätestens seit den 50er, 60er Jahren kamen die Einflüsse aus Amerika nach Europa und Deutschland zurück – der Kreis schloss sich.



Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue an der Komischen Oper Berlin
Foto (C) Monika Rittershaus


Berlin hatte mit der Intendanz Barrie Kosky´s ein Jahrzehnt inspirierendstes Musiktheater erlebt. Der gestrige Abend unterstrich das noch einmal.

Und Berlin kann dankbar sein, dass Kosky der Komischen Oper weiter als Regisseur erhalten bleibt.

Steffen Kühn - 11. Juni 2022
ID 13665
Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue (Komische Oper Berlin, 10.06.2022)
Musikalische Leitung: Adam Benzwi
Inszenierung: Barrie Kosky
Choreografie: Otto Pichler
Kostüme: Klaus Bruns
Dramaturgie: Ulrich Lenz
Chöre: David Cavelius
Licht: Franck Evin
Mit: Dagmar Manzel, Helmut Baumann, Max Hopp, Ruth Brauer-Kvam, Katharine Mehrling, Helene Schneiderman, Barbara Spitz, Sigalit Feig, Tobias Bonn, Christoph Marti, Andreja Schneider, Alma Sadé, Ivan Turšić, Peter Renz, Philipp Meierhöfer und Dominik Köninger
Chorsolisten und Orchester der Komischen Oper Berlin
Premiere war am 10. Juni 2022.
Weitere Termine: 12., 15., 18., 21., 23., 26., 29.06. / 02., 06., 10.07.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.komische-oper-berlin.de/


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de

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