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Premierenkritik

Die Krone macht

nicht glücklich

– aber Donizetti

schon!



Margarita Gritskova (als Giovanna Seymour) in Anna Bolena im Staatstheater am Gärtnerplatz | Foto (C) Marie-Laure Briane

Bewertung:    



Auch wenn so eine Krone noch so groß und golden ist und eine Bühne prägt - wie die des Gärtnerplatztheaters. Denn sie sitzt nicht fest auf dem Kopf dessen, der sie gerade trägt. In dieser berührenden Aufführung von Donizettis Anna Bolena schwebt sie zentral über allen Beteiligten, geht auf und nieder im Rhythmus ihrer persönlichen und moralischen Würde.

Und sie gefährdet die, die sich ihr zu sehr nähern im England Heinrichs VIII.. Das sind bekanntlich vor allem seine Ehefrauen. Zwei von ihnen wurden hingerichtet, als erste Heinrichs Ehefrau Nr. 2 Anne Boleyn, bei Donizetti Anna Bolena (ihretwegen hatte er sich mit dem Papst entzweit, der seine erste Ehe nicht annullieren wollte, und die anglikanische Kirche gegründet). Sie soll ihm nicht treu gewesen sein, er hatte aber einfach genug von ihr.

Das Libretto ist eine romantisierte Version der historischen Realität. Kaum gekrönt ist Anna Bolena bereits unglücklich in ihrer Ehe, denn Heinrich hat eine neue Flamme, Annas Hofdame Jane Seymour. Um seine Frau loszuwerden, fädelt er eine Intrige ein, die sie als Ehebrecherin dastehen lassen soll. Das Vorhaben gelingt, Anna, ein früherer Verehrer, ihr Bruder und ein Höfling kommen vor Gericht: der tödliche Ausgang steht schon vor dem Urteil fest.

Doch Donizetti und sein Librettist haben die Vorlage u.a. für eine großartig erfundene und vor allem grandios komponierte Szene zwischen den beiden Rivalinnen genutzt, in der sich Jane zu ihrer Liebe bekennt und gleichzeitig versucht, Annas Leben zu retten. Jennifer O´Loughlin in der Titelrolle (bravourös, differenziert, gestaltungsintensiv) und die bemerkenswerte, russische Mezzosopranistin Margarita Gritskova als Jane (was für ein kraftvoller und warmer Mezzosopran!) gestalten sie hinreißend. Mit viel Beifall bedacht auch der Bass Sava Vemić (ein eleganter, zynischer Heinrich) und der Tenor Lucian Krasznec (voll lyrischem Schmelz) als Jugendgeliebter Percy. Der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz (Einstudierung: Pietro Numico) und das reduzierte Orchester unter der musikalischen Gesamtleitung von Howard Arman waren in bestem Schwung und boten ein durchsichtiges dramatisches Klangbild. Dieser quasi kammermusikalischen Interpretation einer großen italienischen Erfolgsoper fehlte nichts: die raffinierte Orchesterpartitur deutet feingestimmt das innere und äußere Geschehen auf der Bühne aus. Zudem rückt die halbszenische Aufführung von unzeitgemäßem Realismus ab. Sie konzentriert sich vielmehr auf Musik, auf die hohe Emotionalität von Situationen und Charakteren.

Dementsprechend verzichtet das Bühnenbild auf alle Requisiten bis auf die Krone und Notenständer, auch die leicht historisierenden Kostüme sind in schwarz gehalten. Die atmosphärische Gestaltung übernimmt eine Videoprojektion im Hintergrund. Sie zeigt in Akt 1 wechselndes Wetter vor gotischen Fenstern, in die eine eisige Wand bedrohlich hineinragt. In Teil zwei wird sich diese Wand verkehren und zu einer Art Fallbeil konkretisieren. Es hat das Schloss verdrängt. Keine Frage: die Szene endet blutrot.

Jennifer O´ Loughlin hatte sich ja schon im letzten Jahr intensiv auf diese extrem fordernde Rolle vorbereitet. In ihrem sympathischen Blog beschreibt sie die Enttäuschung, als die Premiere wegen Corona kurzfristig abgesagt werden musste. In diesem Jahr kam es gottlob nicht so weit, das Haus konnte wenigstens zu einem Viertel gefüllt werden. Und die Sopranistin durfte sich feiern lassen.



Timos Sirlantzis (als Lord Rochefort) und Jennifer O'Loughlin als Anna Bolena im Staatstheater am Gärtnerplatz | Foto (C) Marie-Laure Briane

*

Wem es gelingt, eine Karte zu ergattern und Ausweis, Impfpass sowie einen Schnelltest (neben dem Theater erhältlich) vorzuweisen, wird für all die Umstände reich belohnt. Die nächste Vorstellung findet am 28.11.2021 statt. Im Anschluss daran ernennt Kunstminister Bernd Sibler Jennifer O´Loughlin und Lucian Krasznec zu Kammersängern.

Petra Herrmann - 26. November 2021
ID 13326
ANNA BOLENA (Gärtnerplatztheater, 25.11.2021)
Musikalische Leitung: Howard Arman
Staging/ Regie: Maximilian Berling
Kostüme: Inge Schäffner
Licht: Michael Heidinger
Choreinstudierung: Pietro Numico
Dramaturgie: András Borbély T.
Besetzung:
Enrico VIII. ... Sava Vemić
Anna Bolena ... Jennifer O'Loughlin
Giovanna Seymour ... Margarita Gritskova
Lord Rochefort ... Timos Sirlantzis
Lord Riccardo Percy ... Lucian Krasznec
Smeton .. Anna-Katharina Tonauer
Sir Hervey ... Juan Carlos Falcón
Chor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Premiere war am 25. November 2021.
Weitere Termine: 28.11, / 02.12.2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.gaertnerplatztheater.de/


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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