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nachDRUCK # 5

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Premierenkritik

Ohne Barenboim

& ohne Thielemann

Die neue AIDA an der Staatsoper Unter den Linden

Szenische Bewertung:    



Ziemlich genau vor einem Jahr debütierte Christian Thielemann im Orchestergraben der Staatsoper Unter den Linden, da startete "sein" RING, der eigentlich der RING von Daniel Barenboim sein sollte, aber weil der Generalmusikdirektor krankheitshalber ausfiel, kam es zu dem kurzfristigen Tausch der Dirigate; Barenboim höchstselbst initiierte das, indem er (kurz vorher, so wie es hieß) mit Thielemann telefonierte, und so kam es letztendlich dazu.

Seit ein paar Tagen steht es fest: Der neue Lindenoper-GMD und Chefdirigent der Staatskapelle Berlin wird Thielemann; am 6. Januar trat Barenboim krankheitsbedingt zurück. Der Neue beginnt sein Amt am 1. September 2024; sein Vertrag bemisst sich erstmal auf fünf Jahre. Und der Designierte ließ ganz aktuell und vorsorglich (in einem Interview mit Springer-Vorstand Döpfner) wissen, dass er wegen seiner abzuarbeitenden Vertragsverpflichtungen mit andern Häusern und Orchestern - Thielemanns Ernennung kam ja quasi über Nacht - die ersten beiden Spielzeiten an seinem neuen Haus begrenzt nur zur Verfügung stünde und es erst ab seiner dritten Spielzeit, also 2026/27, so richtig und mit Vollgas losgeh'n würde. Prima Aussichten.

Das Gros des bürgerlichen Feuilletons fand/ findet Thielemanns Ernennung gar nicht gut. Kaum war die Presse informiert, legte sich Hinz und Kunz ins Zeug und führte wichtigtuerischerweise aus, weswegen er der Falsche für den Posten wäre und mit welcher Explosionsgefahr das erste Haus am Platz zu rechnen haben müsste; Thielemann, egal wo er bis da in Chef-Verantwortung gewesen war (ob an der DOB, bei den Münchner Philharmonikern, an der Semperoper Dresden, bei den Osterfestspielen in Salzburg oder auf dem Grünen Hügel), wäre jedesmal im Unfrieden gegangen oder halt "gegangen worden", ohnehin würde er überall, egal wo, reinreden wollen, und die Parallelverantwortlichen, meistens Intendantinnen und Intendanten, würden sich zuletzt in ihren Entscheidungsgewalten beschnitten sehen, allein schon deshalb, weil er da ist und sie permanent mit seiner manischen Reinrederei belästigen und also stören würde usw. usf. Doch alles das ist lächerliches Kompetenzgerangel, weiter nichts.

Jetzt kommt er wieder nach Berlin, und seine Spielwiese hierselbst wird wohl - genauso wie im Falle Barenboim (der "herrschte" immerhin weit über 30 Jahre an der Staatsoper Unter den Linden!) - mit viel Wagner und noch viel mehr Strauss gepflastert sein; ja und warum auch nicht? Die Staatskapelle hat das alles abrufbar in ihrem Repertoire, und sowieso spielte sie Wagner und (noch viel mehr:) Strauss am allerliebsten; einer ihrer Musiker hatte vor Jahren recherchiert, dass Richard Strauss allein als Dirigent die meisten Aufführungen und Konzerte, die er jemals leitete, mit der Berliner Staatskapelle hatte, und zwar weit über eintausend. Also ist der Thielemann, v.a. wegen seines exzessiven Strauss-Faibles, genau am rechten Platz.

Mit seiner amtlichen Berufung steht er nunmehr als der sozusagen logische und konsequente Fortführer all dessen, was die Staatsoper Unter den Linden seit den über 30 Jahren GMD-Zeit unter Daniel Barenboim so unverwechselbar und publikumsmagnetisch prägte. Und die Tickets werden wieder schneller weg sein als man denkt - derzeit sieht es ja, was den Kartenvorverkauf für Opernaufführungen angeht, ziemlich mau aus. Auch ein Grund sich für (statt gegen) Thielemann entschieden zu haben.

Passt doch? oder etwa nicht??

[ Ich geb's ja zu, dass ich mit einem völlig andern Favoriten liebäugelte. Statt den Thielemann hätte ich mir den weltoffenen Alleskönner François-Xavier Roth am Pult der Lindenoper vorstell'n wollen. Er hat ausgewies'ne Expertisen, was die Alte und Barock-Musik, was Wagner-Strauss-Etcetera und auch was neuere und neueste Musik betrifft - und ergo würde er mindestens zwei Schlachtfelder mehr als Thielemann zu beackern in der Lage gewesen sein; und sowieso hätte er das von Barenboim in den letzten Jahren immer intensiviertere französische Repertoire (Bizet, Berlioz u.a.) fast nahtlos fortsetzen und auch erweitern können... Doch nun ist's halt, wie es ist. ]



Aida stand als erste Staatsopernpremiere dieser neuen Spielzeit auf dem Plan, und dirigieren sollte sie ursprünglich Barenboim; auch Thielemann (das nur am Rand bemerkt, ja und damit sich dieser Kreis jetzt erstmal wieder schließt) hätte Aida dirigieren können, denn er hat sie, seit er sie zum ersten Mal in Dresden leitete, parat.

Und nun noch kurz zu gestern Abend:

Regie führte Calixto Bieito, ausgestattet wurde von der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst und vom Kostümdesigner Ingo Krügler. Und das für das verweisend Einordnende zuständige Dramaturgenpaar (Bettina Auer, Christoph Lang) hat Folgendes hinsichtlich der Aida auf die Staatsoper-HP gestellt:



"Aida lebt als Sklavin am ägyptischen Hof. Sie ist die Königstochter aus dem feindlichen Äthiopien, hat sich aber in den ägyptischen Heerführer Radamès verliebt. Von ihrem Vater Amonasro wird sie instrumentalisiert, um die militärische Strategie des feindlichen Heeres in Erfahrung zu bringen. Unterdessen kämpft Amneris, die ägyptische Königstochter, mit allen Mitteln um ihre Liebe zu Radamès und versucht, ihre Rivalin kaltzustellen. Sie alle sind einem gnadenlosen Machtkartell von Priestern und Kriegern ausgeliefert.

Auf dem Höhepunkt des europäischen Imperialismus und zu Beginn der Kolonialisierung Afrikas wurde
Aida im Dezember 1871 in Kairo uraufgeführt. Verdis Musik ist anzumerken, dass es ihm nicht um musikalisierte Historie ging. Vielmehr übt er Kritik an einer menschenverachtenden Gesellschaft."

(Quelle: staatsoper-berlin.de)



V.l.n.r.: Marina Rebeka (in der Titelrolle), Gabriele Viviani (als Amonasro), Yusif Eyvazov (als Radames) und Elīna Garanča (als Amneris) in Aida - an der Staatsoper Unter den Linden | Foto (C) Herwig Prammer

*

Die Inszenierung ist abstrakt geweißt und kann bzw. will sich nicht entscheiden, wo sie meint "historisch" verortet zu sein; meistens sehen wir Leute in heutigen Klüften, zwischendurch auch Herrschaften des Biedermeiers, ja und alles das, was heutig zu uns rüberkommt, sieht stellenweise so bescheuert aus (z.B. halber Frauenchor im Waschfrauenkostüm mit großen Plastetragetaschen), dass man sich verzweifelt fragt, wer bloß auf solch abstruse und ausweichende Ideen derartiger Optik kommt. Wenigstens die Amneris Elīna Garančas durfte zwei, drei Glitzerfummel auftragen; und auch Aida (Marina Rebeka) hatte anfangs ein sehr schönes grünes Kleid mit hunderten Pailetten an. Die beiden Frauen stritten sich um einen Mann - das ist die eigentliche Handlung dieser fremdenfeindlichen Rassistenoper - , ja und der Besagte war dann kein Geringerer als Yusif Eyvazov (als Radames); und wir erinnern uns: Wo Eyvazov auftritt, ist eigentlich die Gattin nicht mehr weit, was wiederum zum Spekulieren Anlass bot, ob nicht sogar Netrebko (also vor dem Ukrainekrieg!) als Titelheldin angedacht gewesen war, gottlob stand sie jetzt nicht auf dem Besetzungszettel; und um kurz nochmal auf den Yusif zurückzukommen: Er singt immer allerkräftigst laut heraus, d.h. die Auftaktsarie seines Radames klang wahrlich grauenhaft - dafür nahm er sich in dem Todesduett am Schluss merklich zurück und hörte sich sodann, gemeinsam mit Marina, himmlischst abgehoben an...

Die Staatskapelle Berlin erledigte ihren Verdi standesgemäß; der Klang der leisen Stellen war betörend, und sie ließ sich diesmal von Nicola Luisotti dirigieren.

Fazit:

Szenisch ein Totalausfall und musikalisch akzeptabel.


Andre Sokolowski - 4. Oktober 2023
ID 14419
AIDA (Staatsoper Unter den Linden, 03.10.2023)
Musikalische Leitung: Nicola Luisotti
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühnenbild: Rebecca Ringst
Kostüme: Ingo Krügler
Licht: Michael Bauer
Videodesign: Adrià Reixach
Einstudierung Chor: Dani Juris
Dramaturgie: Bettina Auer und Christoph Lang
Besetzung:
Der König ... Grigory Shkarupa
Amneris ... Elīna Garanča
Aida ... Marina Rebeka
Radamès ... Yusif Eyvazov
Ramphis ... René Pape
Amonasro ... Gabriele Viviani
Priesterin ... Victoria Randem
Ein Bote ... Gonzalo Quinchahual
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Premiere war am 3. Oktober 2023.
Weitere Termine: 06., 09., 12., 15., 19., 22.10.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-berlin.de


https://www.andre-sokolowski.de

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