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Konzertkritik

Johann Strauß plus Brüder

und Lehár

Neujahrskonzert in der Staatsoper Stuttgart

Bewertung:    



Das Verhalten erwachsener Menschen gegenüber der Kultur im allgemeinen und der Musik im besonderen hängt wesentlich davon ab, ob man in der Schule einen qualifizierten Unterricht und was für Lehrer man gehabt hat. Mein Musiklehrer war der festen Ansicht, dass Johann Strauß ein bedeutenderer Komponist sei als Tschaikowski. So viel ich ihm zu verdanken habe, so sehr mich sein Unterricht für mein weiteres Leben geprägt hat – in diesem Punkt wollte ich ihm nicht folgen.

Die erregten Debatten über den angeblichen Gegensatz von U- und E-Musik haben ja nicht erst mit den Beatles begonnen. Die gesellschaftliche Verachtung für die Walzer und Polkas von Johann Strauß und Co., für die U-Musik seiner Zeit also, entsprach der Verachtung der Bourgeoisie für die Klasse, die mit dieser Musik und den Orten, an denen sie zu hören war, mehr anfangen konnte als, sagen wir, eben mit Tschaikowski, der Oper und dem Konzerthaus. Nur: das hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten gründlich geändert. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, dessen Programm sich um Kompositionen der Strauß-Dynastie herum gruppiert, gehört in der österreichischen Hauptstadt, in der ich aufgewachsen bin, neben dem Opernball zu den snobistischsten Veranstaltungen des Musikjahres. Nichts zog mich dorthin. Und mit der Aversion gegen das Ambiente und sein schmuckbehangenes Publikum gedieh auch meine Abneigung gegen eine Musik, die ich natürlich nicht aus dem Musikvereinssaal, sondern nur aus dem Radio und später aus dem Fernsehen kannte und die für mich nichts weniger als antibürgerlich war.

Inzwischen habe ich gelernt, Johann Strauß differenzierter zu hören und nicht für seine Usurpation durch die so genannte bessere Gesellschaft verantwortlich zu machen. Er kann dafür ebenso wenig wie Nina Hagen für ihre Instrumentalisierung für einen Zapfenstreich zu Ehren einer CDU-Kanzlerin. Nicht auszuschließen ist, dass eine Mischung aus Altersmilde und Nostalgie hinzukommt. Vor Lehárs "Dein ist mein ganzes Herz" allerdings resigniert sie.

*

Für das Neujahrskonzert hat sich auch das Staatsorchester Stuttgart für ein Programm mit Kompositionen der Strauß-Brüder und einer Sahnebeigabe von Franz Lehár entschieden. Es ist somit ein Begleitprogramm zur kürzlich an der Oper wieder aufgenommenen Fledermaus und zugleich eine Reverenz an Wiener Neujahrskonzerte. Der Titel des Konzerts lautet denn auch im gängige Esperanto SOUNDS OF VIENNA. Am Pult stand allerdings nicht der Generalmusikdirektor Cornelius Meister, dem das Ding mit Sicherheit getaugt hätte, wie man in Österreich sagt, sondern der in Wien lebende Philippe Auguin, der ein wenig aussieht wie Elmar Gunsch (erinnern Sie sich? der beliebte Moderator mit der sonoren Stimme). Die vereinzelten Gesangspartien übernahm Charles Sy, seit dieser Spielzeit Ensemblemitglied der Stuttgarter Oper und mit einem strahlenden Tenor gesegnet.

Ein Konzert dieses Zuschnitts sorgt für gute Laune, und die Musiker auf der Bühne haben offenkundig ihren Spaß, wenn sie in Josef Strauß’ Polka schnell Ohne Sorgen! „Ha, ha, ha“ brüllen dürfen. Das Publikum wiederum freut sich, dass es bei der vorhersehbaren Zugabe des Radetzky-Marsches, gleich nach dem unvermeidlichen Donauwalzer, rhythmisch klatschen darf wie auf einem Parteitag der sowjetischen oder der chinesischen KP.

Auguin dirigiert das famose Orchester nicht überpointiert, ohne aufdringliche Synkopen, aber mit wohldosiertem Accelerando, Ritardando und Rubato. Beflissen arbeitet er die gestischen Elemente der Stücke heraus. So sieht man bei der Tritsch-Tratsch-Polka die schwatzenden Marktfrauen vor sich wie, bei allem Unterschied, die streitenden „Samuel“ Goldenberg und „Schmuyle“ in Mussorgskis Bildern einer Ausstellung. Das Jahr fängt, trotz allem, gut an.
Thomas Rothschild - 2. Januar 2022
ID 13383
NEUJAHRSKONZERT (Staatsoper Stuttgart, 01.01.2022)
Johann Strauß: Einzugsmarsch aus Der Zigeunerbaron
- „Sei mir gegrüßt, Du holdes Venezia“, Arie für Tenor aus Eine Nacht in Venedig
- Tritsch-Tratsch-Polka, Polka schnell op. 214
- „Was nützt der gute Vorsatz mir?“, Arie für Tenor aus Wiener Blut
- Feuerfest! Polka française op. 269
- Vergnügungszug, Polka schnell op. 281
- Kaiserwalzer op. 437
Josef Strauß: Ohne Sorgen! Polka schnell op. 271
- Dorfschwalben aus Österreich, Walzer op. 164
- Delirien, Walzer op. 212
- Sphärenklänge, Walzer op. 235
Eduard Strauß: Bahn frei! Polka schnell op. 45
Franz Léhar: „Dein ist mein ganzes Herz“, Arie für Tenor aus Das Land des Lächelns
Charles Sy, Tenor
Staatsorchester Stuttgart
Dirigent: Philippe Auguin


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de/


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