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Konzertkritik

Jan Lisiecki spielte Chopin

im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin

Bewertung:    



Obwohl der in Kanada als Sohn polnischer Eltern geborene Jan Lisiecki schon seit Jahren (sogar seit Jahrzehnten) als einer der weltweit besten Pianisten jüngeren Alters - Lisiecki zählt erst 27 Jahre! - seine Fußabdrücke hinterließ, gelang es mir bis jetzt noch nicht, ihn irgendwo mal live zu sehen und zu hören. Gestern endlich klappte es, und ich erlebte ihn bei einem Recital ausschließlich mit Musik von Frédéric Chopin im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie.

Er tourt gerade mit je 9 (von 21) Nocturnes sowie 9 (von 27) Etüden durch die Lande, und er hat die insgesamt dann 18 von ihm klug gemischten Stücke mit der für ihn sichtbar typischen sehr, sehr verinnerlichten Art und Weise dargebracht, so wie man's aus diversen Filmkonserven mit ihm kennt; ich fand dann also diesen "leidtragenden" und seinen gesamten Körper voll beanspruchenden Ernst, welchen diverse Fernsehsender mit meist allzu intensiven Groß- und Nahaufnahmen bildstark einfangen, sodass man schließlich auch den allerletzten Schweißtropfen oder das allerletzte emotionale Zucken irgendeiner Stelle seines Angesichts vermittelt kriegt, direkt bestätigt - keine Kunst, wenn man dem Pianisten nicht viel mehr als ein paar Dutzend Meter gegenübersitzt; freilich, im Pierre-Boulez-Saal wäre es wahrscheinlich noch viel näher gewesen, und zumeist droht die "Distanz" an diesem Ort zu einer allzu nahen Übergriffigkeit erlebter Live-Begegnungen zu werden.

Und da kam er auch schon, schlank und hoch gewachsen, gönnte sich und seinem Publikum ein kurzes und auch einnehmendes Lächeln, nahm sogleich am Steinway seine Position ein, konzentrierte sich und - fing zu spielen an...

Ich, der ich mich mit Frédéric Chopin zuletzt weit vor den 1990ern was näher noch beschäftigte (ganz unvergesslich bleibt mir ein Klavierabend mit sämtlichen Préludes, die ich mit dem zu dieser Zeit schon hochbetagten Nikita Magaloff in Sofia live erlebte), konzentrierte mich v.a. auf die Stücke, die in dem vorzüglichen Programmhefttext von Wolfgang Stähr besondere Erwähnung fanden; beispielsweise die (nicht von Chopin!) als "Sturm" und "Schwarze Tasten" nachgetitelten Etüden op. 10 Nr. 4 und 5, deren Interpretation eine extreme Virtuosität verlangt, mit der dann wiederum Lisiecki dienen konnte, und im Gegensatz zu anderen Kolleginnen oder Kollegen seiner Zunft trumpfte er seinerseits mit diesem Können überhaupt nicht auf, es war halt da und kam auch ohne jegliche Zurschaustellung beim Publikum begeistert an; spontaner Beifall folgte prompt. Und die vielleicht bekannteste Etüde jener Sammlung op. 10 dürfte die Nr. 3 dann sein - sie wurde spätestens nach dem unsäglich grauenhaften Abschiedswalzer-Film der Ufa aus dem Jahre 1934, wo es um Chopins Beziehung zu Constantia Gladkowska und/ oder George Sand gegangen war, mit "In mir klingt ein Lied" vertextet und verschnulzt; seither hörte es bis in unsre Tage nicht mehr auf, dieses so derart abartig missbrauchte Stück in Hitparaden wiederentdecken zu müssen, einfach furchtbar; der Lisiecki seinesteils verweigerte dieser Etüde allen Schmalz, und so betrachtet hörte sie sich unverwechselbar und eben einzig an; Stähr schrieb von ihr als einer "unwiderstehliche(n) Melodie, mehr zum Schwärmen als zum Singen. Wer sie einmal gehört hat, wird sie nie wieder vergessen, und wenn er 100 Jahre alt würde", wahrhaftig, ja. Und hinsichtlich der beiden Nocturnes in cis-Moll (op. 27 Nr. 1) und Des-Dur (op. 27 Nr. 2) ließ Stähr Robert Schumann zu Worte kommen, der da meinte, dass sie "Ideale dieser Gattung, ja für das Herzinnigste und Verklärteste, was nur in der Musik erdacht werden könne", seien.


"Lernen lässt es sich wohl nicht, wie man in so kleinem Raum so Unendliches sammeln könne: aber übe man sich in Bescheidenheit bei Betrachtung solch hoher dichterischen Vollendung; denn wie es hier vom Herzen quillt, unmittelbar, wie Goethe jenes Urausfließende nennt, übervoll, selig im Schmerz, unnachahmlich, lasst es uns bekennen und stolz sein auf den Mann unsrer Kunst." (Robert Schumann)


Doch genug gesülzt.

Lisiecki nunmehr endlich live gesehen und gehört zu haben zählte für mich schon zu einem der Konzerterlebnisse, die mir in letzter Zeit besonders große Freude machten.



Jan Lisiecki | © Christoph Köstlin

Andre Sokolowski - 11. Mai 2022
ID 13618
KLAVIERABEND MIT JAN LISIECKI (Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin, 10.05.2022)
Frédéric Chopin: Etüde C-Dur op. 10 Nr. 1
- Nocturne c-Moll op. post.
- Etüde a- Moll op. 10 Nr. 2
- Nocturne E-Dur op. 62 Nr. 2
- Etüde E-Dur op. 10 Nr. 3
- Etüde cis-Moll op. 10 Nr. 4
- Nocturne cis-Moll op. 27 Nr. 1
- Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2
- Etüde Ges-Dur op. 10 Nr. 5
- Etüde es-Moll op. 10 Nr. 6
- Nocturne Es-Dur op. 9 Nr. 2
- Nocturne c-Moll op. 48 Nr. 1
- Nocturne g-Moll op. 15 Nr. 3
- Etüde C-Dur op. 10 Nr. 7
- Nocturne F-Dur op. 15 Nr. 1
- Etüde F-Dur op. 10 Nr. 8
- Etüde f-Moll op. 10 Nr. 9
- Nocturne b-Moll op. 9 Nr. 1
- Etüde As-Dur op. 10 Nr. 10
Jan Lisiecki, Klavier


Weitere Infos siehe auch: https://www.janlisiecki.com/


https://www.andre-sokolowski.de

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