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Konzertkritik

Wer ist

Ethel Smyth?

THE WRECKERS (LES NAUFRAGEURS) mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin


Bewertung:    



Die englische Komponistin Ethel Smyth (1858-1944) war eine Kämpferin "nicht nur" für ihre eigenen kompositorischen Sachen, sondern auch im Geiste und im Dienste der sich ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts als so genannte Suffragetten vereint habenden Frauen(wahlI)rechtsbewegungen in Großbritannien sowie Nordamerika. Sie stammte aus einer wohlbetuchten viktorianischen Großfamilie (5 Schwestern, 1 Bruder), wollte immer schon komponieren, und weil ihr das zuletzt von ihrem strengen Vater, einem in der bengalischen Armee gedient habenden Generalmajor, verboten wurde, tyrannisierte sie ihre Familie mit Hungerstreiks und tagelangem Schweigen bis sie sich letztendlich durchzusetzen meinte und (auf Kosten der Familie) ein Kompositionsstudium in Leipzig antrat. Dort geriet sie schließlich in die pädagogische Obhut des dortigen Präsidenten des Bachvereins, mit dessen Tochter Elisabeth von Herzogenberg (11 Jahre älter als Ethel Smyth) sie eine lesbische Liebesbeziehung einging - um an dieser Stelle eine ihrer biografischen Zwischenstationen kurz markiert zu haben...

Zeitsprung: 1882 ging sie eine auch sexuelle Beziehung zu dem wohlhabenden Literaten Henry Brewster (dem Gatten von Julia Brewster, der Schwester von Elisabeth von Herzogenberg) ein; er schrieb ihr später alle ihre Opernlibretti - folglich auch zu Les Naufrageurs [s.u.] - und mit ihm verband sie bis zu seinem Tode eine anhaltende tiefe Freundschaft.

Um ihre Werke, insbesondere ihre sechs Opern, nach und nach an Bühnen aufzuführen, sich mit ihnen also auch als Opernkomponistin durchzusetzen, scheute sie weder Kraft noch Eigeninitiativen, nein, sie rannte den Entscheidungsträgern selbstbewusst die Bude ein [würde man heute sagen], und sie schaffte es tatsächlich hie und da Verbündete für sich und ihr kompositorisches Oevre zu aquirieren; die drei frühen ihrer Opern brachte sie dann allerdings nicht in der alten Heimat, sondern erst mal "nur" in Deutschland unter (Hoftheater Weimar, Staatsoper Berlin, Neues Theater Leipzig; immerhin!!!) Später taten sich sogar solch weltweit etablierte Berühmtheiten wie Bruno Walter, Arthur Nikisch oder Thomas Beecham usf. für sie interessieren.

Am Ende ihres kämpferischen Lebens laborierte sie an einer galappierenden Schwerhörigkeit.

Sie verstarb im Alter von 86 Jahren an einer Lungenentzündung.



Ethel Smyth (um 1903) | Bildquelle: Wikipedia


Außer musikhistorisch interessierten Insiderinnen und Insidern dürfte wohl hierzulande kein Mensch je Notiz von ihr genommen haben, geschweige denn von ihrer Existenz als Komponistin; kurzum:

Man(n) kennt sie einfach nicht!

Doch damit wollten Robin Ticciati und das Deutsche Symphonie-Orchester gestern Abend - nach einer fast 4-stündigen konzertanten Aufführung ihrer Oper Les Naufrageurs (dt.: Strandräuber), die in einschlägigen Lexika vielmehr unter ihrem englischen Titel The Wreckers (dt.: Strandrecht) gelistet ist - endgültig aufräumen; Ticciati hatte das bereits im Sommer bei den BBC Proms vorgemacht, als er dort mit dem London Philharmonic Orchestra Ethels Oper halbszenisch aufführte, und zwar als Koproduktion mit dem Glyndebourne Oper Festival, wo Le Naufrageurs auch schon lief und als Live-Mitschnitt unter anderem auf Youtube angehört werden kann.


"Die Handlung spielt an der Küste von Cromwall in einem verarmten Fischerdorf. Die Bewohner löschen bei stürmischem Wetter die Leuchtfeuer auf den Klippen. Seefahrer verlieren so die Orientierung, ihre Schiffe stranden oder zerschellen. Die Fracht nehmen die Dörfler als Beute, Überlebende bringen sie um. Der Ortsgeistliche treibt sie dazu an: Dies sei die Ernte, die Gott ihnen durch die See beschere. Seit einiger Zeit bleibt sie aus. Der Geistliche macht Gottlosigkeit dafür veranwortlich. Am Strand werden jedoch noch glühende Reste von Feuern entdeckt. Ein 'Verräter' warnte die Schiffer. Der Verdacht fällt auf den Pfarrer. Doch dessen junge Frau und ihr Geliebter bekennen sich vor dem Dorfgericht schuldig und gehen gemeinsam in den Fluten in den Tod." (Quelle: DSO-Programmheft)

*

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Knapp hundert Küstenbewohner, die meisten von ihnen Bauern oder Fischer, lassen absichtlich Schiffe an ihren heimatlichen Klippen zerschellen, um sie nachher auszurauben und deren Besatzungen zu killen, und das alles unter priesterlicher Anleitung eines sie hierzu aufgehetzt habenden Geistlichen, der meinte, dass das einer ausgleichenden Gerechtigkeit für die seit Jahren und Jahrzehnten ausgebliebenen Ernten gleichkäme, de facto aber ein von ihm ersonnenes Geschäftsmodell des Todes war und ist. Dass ausgerechnet dessen junge Gattin (die den gruppendynamischen Gewaltakten bis dahin scheinbar ungerührt mit ausgeliefert war) ihm ur-urplötzlich in den Rücken fällt und mit der Unterstützung ihres heimlichen Geliebten "widerrechtlich" Leuchtfeuer errichtet, dass halt die in stürmische See geratenen Schiffe nicht in die Irre gehen und letzthin auch nicht zerschellen sollten, ist der eigentliche Kipppunkt in der an menschlichen Abgründen gesättigten Opernhandlung. Und zudem hebt sie auf eine Reihe leidlich unerwiderter Liebessüchte ab, d.h. wer liebt und nicht wieder zurückgeliebt wird, rastet liebessüchtig aus und macht sich justament mit diesen Killerdörflern hundsgemein.

Henry Brewsters Libretto: irre.

Und Ethel Smyths Musik hierzu: noch irrer.

Eine Eskalation an Emotionen! Es gibt kaum verhaltene und also "leise" Stellen, und es brodelt und es schäumt und explodiert, alles am laufenden Band; Musik unter Bluthochdruck!!

Dass dieses vollkommen verrückte Werk bis dahin noch nicht wirklich auf den deutschen Großbühnen gestemmt wurde und wird, scheint unerklärlicher denn je. Es ist ja nicht allein grandiose Explosionsmusik, es böte auch Regiefutter für jedermann, der/ die das machen wollen würden (wenn sie doch nur dürften).

Philip Horst (zwar permanent vibrierend, aber umso ausdrucksstärker) singt und spielt den Teufelspriester.

Karis Tucker (sich die Seele aus dem Leib singend) ist Thirza, seine junge Gattin.

Rodrigo Porras Garulo (stimmlich mehr und mehr in Fahrt kommend) verkörpert den heimlich Geliebten der jungen Priestergattin.

Und der Rundfunkchor Berlin (nicht zu toppen, wirklich nicht!!!!!) brilliert als willfährige Glaubens- und Killergemeinde, und es stockt einem mitunter fast der Atem, wenn man ihn so spielend singen hört, unglaublich, ungeheuerlich.

Darüber hinaus sensationiert v.a. Lauren Fagan als von Marc, dem heimlichen Geliebten von Thirza, zurückgestoßene und ihn einseitig geliebt habende Avis; sie mutiert also zur Rachefurie; herrlich-abgründig.

Ticciati und das DSO Berlin leisteten Pionierarbeit - wir hoffen doch, dass ihre Steilvorlage irgendwann bald richtig Früchte trägt.

* *

Die Leute tobten nach dem unvergesslichen Konzert, völlig zurecht.



V.l.n.r.: Robin Ticciati, Philip Horst (als Pascoe) und Karis Tucker (als Thirza) in der konzertanten Opernaufführung von Ethel Smyths Les Naufrageurs mit dem DSO Berlin
Foto (C) Peter Adamik

Andre Sokolowski - 26. September 2022
ID 13821
LES NAUFRAGEURS (Philharmonie Berlin, 25.09.2022)
Oper in drei Akten von Ethel Smyth

Philip Horst, Bassbariton (als Pascoe)
Karis Tucker, Mezzosopran (als Thirza)
Daniel Scofield, Bariton (als Lawrence)
Rodrigo Porras Garulo, Tenor (als Mark)
Lauren Fagan, Sopran (als Avis)
Donovan Singletary, Bassbariton (als Harvey)
Jeffrey Lloyd-Roberts, Tenor (als Tallan)
Marta Fontanals-Simmons, Mezzosopran (als Jack)
Holger Marks-Simonis, Sprecher (als ein Mann)
Axel Scheidig, Sprecher (als ein Mann)
Rundfunkchor Berlin
Einstudierung: Ines Kaun und Aidan Oliver
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Dirigent: Robin Ticciati
Konzertante Aufführung in französischer Sprache


Weitere Infos siehe auch: https://www.dso-berlin.de/


https://www.andre-sokolowski.de

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