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Konzertkritik

Leid-Lüste

bei Bach

und

Buxtehude



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Gestern Abend startete das BAROCK-FESTIVAL im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin. Bis zum 6. März wird es dann, an jedem verlängerten Wochenende, sieben weitere Konzerte mit namhaften Repräsentanten aus dem illustren Zirkel der sog. Alten Musik geben. Und der Veranstalter hat sich fürwahr nicht lumpen lassen, wenn er beispielsweise solche Namen wie Fahmi Alqhai, Thomas Dunford, Lea Desandre, Gottfried von der Goltz, Jean Rondeau, Václav Luks, Bernhard Fork, Benjamin Appel oder William Christie aufs Programm setzte - ganz zu schweigen von solchen Truppen wie der Accademia del Piacere, dem Ensemble Jupiter, dem Freiburger Barockorchester, dem Collegium 1704, den Berliner Barock Solisten oder Les Arts Florissants.

Die Eröffnung bestritten die genialen Musikerinnen und Musiker von Il pomo d'oro (dessen Chefdirigenten Maxim Emelyanychev wir neulich erst bei dessem Berliner DSO-Debüt zu "begutachten" das Vergnügen hatten); die Italiener traten allerdings dann nicht mit ihrem Chef, sondern mit ihrem ersten Gastdirigenten, Francesco Corti auf, ja und zudem durfte sich außerordentlich gefreut werden, dass sowohl Anna Prohaska als auch Florian Boesch, die jeweils drei Bach- und eine Buxtehude-Kantate(n) sangen, zur insgesamten Adelung dieses Konzertes beigetragen hatten:



"Der Tod ist in der barocken geistlichen Musik fast immer präsent, sogar zu Weihnachten. 'Ich wünschte mir den Tod' heißt es beispielsweise in der Kantate Selig ist der Mann BWV 57, die zum 2. Weihnachtsfeiertag gesungen wird. Oder 'Ich bin vergnügt in meinem Leiden' in der Kantate Ach Gott, wie manches Herzeleid BWV 58 zum Sonntag nach Neujahr oder 'Liebster Jesu, mein Verlangen […], soll ich dich so bald verlieren?' in gleichnamiger Kantate BWV 32, die am 1. Sonntag nach Epiphanias traditionell aufgeführt wird. Die 'Freude am Leiden' ist auf den im Protestantismus immanenten Gedanken der Nachfolge zurückzuführen: Nur wer leidet, ist Christus wahrhaft nah und kann erlöst werden.

Die Düsternis der Arie
'Ich wünschte mir den Tod' scheint klanglich den emotional expressiven Schluss der Matthäuspassion vorwegzunehmen. Und die seufzende, steigende Chromatik der Eingangsarie von Liebster Jesu, mein Verlangen verleiht der Sehnsucht und Suche nach Jesus eine eindringliche Intensität. In solchen als Dialog-Kantaten bezeichneten Troststücken antwortet der Bass der vom Sopran vorgetragenen Verzweiflung – zuweilen sind die Stimmen sogar als 'Seele' und 'Jesus' bezeichnet. Im späteren Duett von Sopran und Bass hat Bach eine Formel für die Gleichzeitigkeit von Leid und Freud mit der unruhigen Chromatik des Basso continuos gefunden, über der sich die Oberstimmen in wohlklingendem C-Dur wiegen, um nicht in den Sog verwandter Moll-Tonarten zu geraten.

Auch in Dieterich Buxtehudes
Ich halte es dafür geht es um die 'himmlische Freude nach dieser Zeit Leide' und die Suche nach Jesus. Die Stimmen formen ein Ensemble, keinen Dialog, und durch den liedhaften, sprachnahen Ausdruck bekommt Buxtehudes Musik einen ganz innigen Ausdruck."

(Quelle: berliner-philharmoniker.de)


*

Prohaska und Boesch nahmen die aktuellen kriegerischen Erschütterungen in der Ukraine zum Anlass, um gleich zu Beginn ihres Konzertes mit Il pomo d'oro auf eine ganz bestimmte Textstelle der von ihnen zuerst dargebotenen Bach-Kantate Ach Gott, wie manches Herzeleid BWV 58 treffsicher zu verweisen, wo es unter anderem heißt: "es ist eine böse Zeit". Ja und umkehrschlüssig könne man eigentlich nur beten, dass das alles, was gerade um uns her passiert, hoffentlich bald dann wieder endet; sowieso fehlen einem die Worte auszudrücken, was gerade um uns her passiert...

Wir alle und die Welt an sich sind endlich! Das - in seinem grundsätzlichen Verständnis - wären dann auch, trotz des immerwährenden Glaubens an ein irgendwie geartetes Weiterleben und/ oder die Wiederauferstehung an sich, die endlos wiederholbaren und real wiederholten Themen in den zeitlosen Kantaten insbesondere von Bach, deren Zeitlosigkeit (und Aktualität) wiederum gerade heute [s.o.] so begreif- und nachvollziehbar wurde wie vielleicht sehr selten vorher und in einem anderen, friedliebenderen Kontext.

Grandios gesungen, noch grandioser musiziert.

Halt wie ein allumarmender Trost auf Erden.




Il pomo d'oro in Athen, 2018 | Foto (C) Nicola Dalmaso;
Bildquelle: facebook.com/ilpomodoroorchestra

Andre Sokolowski - 26. Februar 2022
ID 13487
BAROCK-FESTIVAL (Kammermusik der Philharmonie Berlin, 25.02.2022)
Johann Sebastian Bach: "Ach Gott, wie manches Herzeleid", Kantate BWV 58
- "Liebster Jesu, mein Verlangen", Kantate BWV 32
Dieterich Buxtehude: "Ich halte es dafür", Kantate BuxWV 48
J. S. Bach: "Selig ist der Mann", Kantate BWV 57
Anna Prohaska, Sopran
Florian Boesch, Bariton
Il pomo d'oro
Dirigent: Francesco Corti


https://www.berliner-philharmoniker.de/barock-festival/


https://www.andre-sokolowski.de

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