Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Uraufführung

"Der Rest ist

Grammatik."



Eva Maria Günschmann und Rafael Bruck in Aida - der fünfte Akt am Theater Krefeld und Mönchengladbach | Foto (C) Matthias Stutte

Bewertung:    



Die wechselhafte Geschichte der städtischen Theater von Krefeld und Mönchengladbach, die mal eigene Wege gingen, mal den Zusammenschluss vorzogen, ließe Reflexionen über Vor- und Nachteile von Fusionen zu. Seit 1950 figurieren die Häuser in den beiden Städten als Vereinigte Städtische Bühnen bzw. seit 2011 als THEATER KREFELD UND MÖNCHENGLADBACH mit mittlerweile drei Sparten. Zu den ersten Adressen für Reisekritiker gehören sie nicht. Immerhin waren hier so bedeutsame Dirigenten wie Lothar Zagrosek und Yakov Kreizberg Generalmusikdirektoren.

*

Dass man es sich hier nicht leicht macht, belegt die Uraufführung der Kammeroper Aida – der fünfte Akt des deutschen Komponisten Stefan Heucke, für die, einem seit Kampnagel aktuellen Trend folgend, der Bunker Güdderath als Spielstätte gewählt wurde. Güdderath ist ein Stadtteil von Mönchengladbach, und der renovierte Bombenschutzbunker aus Beton ist seit 2019 ein Veranstaltungs-, Ausstellungszentrum und Atelierhaus. Ein nicht alltäglicher Ort also für eine Fortsetzung von Giuseppe Verdis Opernrenner. Ägypten sieht anders aus. Das Verlies, in das Radamès gesperrt wurde, vielleicht nicht.

Vom umfangreichen Personal der Ausstattungsoper sind nur Aida und Radamès übrig geblieben. Bekanntlich wurde das Liebespaar bei Verdi am Schluss eingemauert. Das war’s dann. War’s das? Was passierte danach? Was hatten sich die beiden Eingeschlossenen zu sagen oder vielmehr zu singen? Stefan Heucke und sein Librettist Ralph Köhnen spinnen die Story eine gute Stunde lang weiter wie Alexandra Ripley Margaret Mitchells Vom Winde verweht mit Scarlett oder Elfriede Jelinek Henrik Ibsen mit Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften.

Auf der Bühne sieht man ein schräges türkises unregelmäßiges Fünfeck, das Radamès gegen Ende knallend, aber ohne eindeutige Motivation zerlegt, dahinter einen Konzertflügel, oben auf der Empore sechs Musiker. Gegenüber, hinter dem Publikum, sitzen und stehen die Technik und der Dirigent. Die Bühne ist von rückwärts mit vier roten Leuchtstoffröhren illuminiert, die später weiß und dann hellblau schimmern.

Zu Beginn denkt man, Stefan Heucke wolle Verdi fortkomponieren. Doch bald wechselt er in eine moderate Atonalität mit gelegentlichen Zitaten aus der Aida, die wir kennen. An einer Stelle singt Aida „Das ist Radamès, mein Held“, dass man meint, Brünnhilde und Siegfried hätten sich in die Grabkammer verirrt.

Eva Maria Günschmann und Rafael Bruck verfügen über schöne, kraftvolle Stimmen, die von der fabelhaften Akustik des Bunkerraums unterstützt werden. Weniger beglückend ist die Regie von Dennis Krauß. Er lässt das Duo expressionistisch agieren wie in einem Stummfilm. Oper aber ist das Gegenteil von stumm. Nach jedem zweiten Satz scheinen die zwei zusammenzubrechen und halten sich an der Wand oder am Podest fest. Weniger wäre da mehr.

Aida und Radamès erzählen einander ihre Geschichten und füllen die Lücken, die Verdis Oper aufweist. Sie überhäufen einander mit Vorwürfen. Sind das wirklich Liebende? Dann malen sie sich eine glückliche Zukunft für alle aus. Eben noch fleht Aida „Liebe mich“, da räsoniert Radamès „Der Friede wird nicht kommen“. Aida spricht ihm Mut zu. Doch Radamès entpuppt sich als Ideologe der kriegerischen Eroberung. Putins Gefolgsmann im ägyptischen – na ja – Gewand.

Ganz ohne Kalauer kommt das ansonsten zu Späßen kaum aufgelegte Libretto nicht aus. Da heißt es an einer Stelle: „Der Rest ist Grammatik.“ Ein Trauermarsch kündigt Radamès Tod an. Licht fällt von oben ein. Aida singt: „Ich höre es kalt und still werden ohne dich.“ Da kehrt die Musik zur Tonalität zurück. Eine aufsteigende Tonleiter hinterlässt die Frage: Fährt der Tote jetzt auf zum Himmel? Wäre schon recht eindrucksvoll. Angesichts der Betondecke im Bunker.




Eva Maria Günschmann und Rafael Bruck in Aida - der fünfte Akt am Theater Krefeld und Mönchengladbach | Foto (C) Matthias Stutte

Thomas Rothschild - 4. September 2023
ID 14371
AIDA - DER FÜNFTE AKT (Bunker in Güdderath, 03.09.2023)
Kammeroper in 7 Szenen
Musik von Stefan Heucke | Libretto von Ralph Köhnen

Musikalische Leitung: Giovanni Conti
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Dennis Krauß
Dramaturgie: Ulrike Aisleitner
Mit: Eva Maria Günschmann (als Aida) und Rafael Bruck (als Radames)
UA am Theater Krefeld-Mönchengladbach: 3. September 2023
Weitere Termine: 08., 16., 23., 29.09. (im Bunker Güdderath)/ 10., 12., 19.11./ 18., 20.12.2023// 13.01.2024 (in der Fabrik Haeder)


Weitere Infos siehe auch: https://theater-kr-mg.de/


Post an Dr. Thomas Rothschild

Ballett | Performance | Tanztheater

Konzerte

Musiktheater

Neue Musik

ROTHSCHILDS KOLUMNEN



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:







MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BAYREUTHER FESTSPIELE

CASTORFOPERN

CD / DVD

INTERVIEWS

KONZERTKRITIKEN

LEUTE MIT MUSIK

LIVE-STREAMS |
ONLINE

NEUE MUSIK

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2024 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)