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SCHLOSSFESTSPIELE LUDWIGSBURG FESTIVAL 2022

Denk an mich



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Die spektakuläre Inszenierung von Henry Purcells Dido and Aeneas durch Sasha Waltz ist jetzt, bald zwei Jahrzehnte nach ihrer Premiere, bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen angekommen. Dass der Intendant mit Sasha Waltz verheiratet ist, kann man, je nach Geschmack, für belanglos halten. Die Standards in solchen Fragen, der Umgang mit Interessenkonflikten, die immerhin auch materielle Konsequenzen haben, kennen keine verbindlichen Maßstäbe. Wenn, was dabei herauskommt, die Mühe lohnt, können die privaten Verhältnisse im Hintergrund vernachlässigt werden. Denkt man. Jedenfalls schützt die Heiratsurkunde vor dem Vorwurf von sexueller Abhängigkeit.

*

Der Überraschungscoup gelingt gleich zu Beginn, wenn der Vorhang hoch geht. Spärlich bekleidete Frauen und Männer hüpfen in ein Aquarium, das fast die ganze Bühnenbreite ausfüllt und später beseitigt wird, und tauchen und schwimmen, mehr oder weniger choreographiert, über, unter und neben einander her. Man hofft, dass das Wasser aufgewärmt ist. Über ihnen, auf einem Steg, tänzeln, singen und sprechen Dido und ihre Entourage, unten im Graben musiziert die Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von Christopher Moulds, der zurzeit praktischerweise auch im 15 Kilometer entfernten Stuttgart die Alcina dirigiert.

1974 hatte Pina Bausch den Einfall, die Figuren in Christoph Willibald Glucks Iphigenie auf Tauris doppelt zu besetzen, mit Sänger*innen und Tänzer*innen. Es wurde ein ganz großer Wurf, der in die (Tanz)Theatergeschichte eingegangen ist. Mit Dido und Aeneas hat Sasha Waltz das Modell übernommen und erweitert. Purcells Werke mit ihrer Gattungsmischung, wenn man so will: frühe Vorfahren des „Gesamtkunstwerks“, bieten sich dafür ja geradezu an. Die Handlung von Dido und Aeneas ist schnell erzählt: Die karthagische Königin Dido verliebt sich in den trojanischen Helden Aeneas. Böse und göttliche höhere Mächte sind mit dieser Verbindung nicht einverstanden und mischen sich, ganz wie im wirklichen Leben, ein. Das führt zu Didos tragischem Tod. Weil das für eine Oper nicht reicht, werden zwischendurch die üblichen Wunder der Natur und der Liebe angesungen. Sasha Waltz fügt auch noch eine stumme Einlage hinzu, damit das einstündige Werk, abendfüllend, 90 Minuten dauert, und erinnert zugleich an die Unvollständigkeit der vorhandenen Partitur.

Alle, die Tänzer*innen sowieso, aber auch die Sänger*innen und sogar Kinder, müssen, barfuß, zumindest schlichte Choreographien bewältigen. Auf der Bühne formieren sich einzelne Gruppen, alles ist in Bewegung und erstarrt zwischendurch zu tableaux vivants. Das ist, dem eigentlich tragischen Inhalt zum Trotz, nicht ohne Witz. Dazu trägt eine raffinierte Lichtregie das Ihre bei. Bunte Kostüme sorgen für visuelle Abwechslung. Kurz vor dem Ende wiederholt sich mehrmals eine der schönsten Figuren: Dido und Aeneas streben, horizontal (an den Füßen von den Kolleg*innen gehalten), auf einander zu, ohne einander zu erreichen. Danach verschwinden Tänzerin und Sängerin Dido in ihren eigenen Haaren wie in einem Bild von Alfred Kubin.

Musikalischer Höhepunkt ist das fünfzehnköpfige Vocalconsort Berlin, das am Anfang rechts neben dem Orchester steht und dann auf der Bühne mitspielen und -tanzen muss. Der Chor singt so beseelt, so vollkommen, dass man auch mit geschlossenen Augen noch seine Freude daran hätte. Unter den Solist*innen ragen die Frauen heraus. Die letzte, vielleicht schönste Arie Didos richtet sich nicht an Aeneas, sondern an die treue Belinda:


„When I am laid in earth,/ May my wrongs create/ No trouble in thy breast;/ Remember me, but ah! forget my fate.“ („Wenn ich in der Erde liege,/ Mögen meine Verfehlungen Dich nicht bekümmern./ Denk an mich! Doch ach! vergiss mein Schicksal.“)


Am Schluss: begeisterter Applaus und das unvermeidliche schrille Pfeifen der Geltungsbedürftig*innen. Früher hatte das Wort „auspfeifen“ eine andere Bedeutung.



Dido and Aeneas mit Sasha Waltz & Guests | Foto (C) Bernd Uhlig

Thomas Rothschild - 21. Mai 2022
ID 13635
DIDO AND AENEAS (Forum am Schlosspark, 20.05.2022)
Dido and Aeneas, Oper in einem Prolog und drei Akten von Henry Purcell - Text von Nahum Tate nach dem 4. Gesang der Aeneis von Vergil
Choreografie und Inszenierung: Sasha Waltz
Besetzung:
Dido ... Marie-Claude Chappuis
Aeneas ... Nikolay Borchev
Belinda ... Aphrodite Patoulidou
Second Woman ... Luciana Mancini
Sorceress ... Yannis Francois
1st Witch, Sailor ... James Way
2nd Witch, Spirit ... Michael Smallwood
Sasha Waltz & Guests
Vocalconsort Berlin
Akademie für Alte Musik Berlin
Dirigent: Christopher Moulds
Gastspiel zu den SCHLOSSFESTSPIELEN LUDWIGSBURG FESTIVAL 2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.schlossfestspiele.de/


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