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MaerzMusik 2007
Festival für aktuelle Musik der Berliner Festspiele
vom 16. bis 25.03.2007
Interview mit dem Komponisten der Konzert- und Rauminstallation „fichten“, Klaus Lang
„No illusions, no illusions.“ (Donald Judd, Minimalist)
Das Interview wurde schriftlich geführt und am 15.3.07 fertiggestellt.
Anmerkung von Kultura-Extra:
a.Nicht jede Nuss kann geknackt werden.
b.Ikkyu (verrückte Wolke) Sojun war japanischer Zen-Meister und Dichter, einer der bedeutendsten und schillernsten Figuren der Zen-.Geschichte.
c. die deutsche Übersetzung der Zitate von Ikkyu Sojun wurde von der Redaktion übernommen.
Anmerkung von Klaus Lang:
Antworten mit Ikkyu Sojun 1394-1482
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Kurzbiographie
Klaus Lang
geboren 1971 in Graz. Lebt als freischaffender Komponist und Organist in Berlin.
*
Studium von Komposition, Musiktheorie und Orgel an der Musikhochschule in Graz.
Werke für verschiedenste Besetzungen. Aufträge verschiedener Festivals
Musiktheaterarbeiten
Zahlreiche Artikel für Zeitschriften (Positionen, Kunstmusik)
Konzerte als Organist mit alter, neuer und improvisierter Musik
CDs:
trauermusiken (amras quartet)
die überwinterung der mollusken (klangforum wien)
lichtgeschwindigkeit (Duoimprovisationen mit Werner Dafeldecker)
sei jaku für streichquartet (arditti quartet)
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Herr Lang, Sie haben einmal gesagt „Komponieren vollzieht sich anders, als das Zusammenstellen einer Rezeptur für LSD. Haben Drogen Ihre Musik beeinflusst?
Nein.
Sie sind 1971 in Graz geboren und leben in Berlin. Ist Berlin Exil oder Wahlheimat?
I didn`t see one thing on my trip but I breathed and whatever I breathed was time
(Ikkyu)
Ich sah nichts auf meiner Reise, aber ich atmete, und was auch immer ich atmete, war Zeit.
Was für ein Verhältnis haben Sie zur musikalischen Tradition der Steiermark?
Die wichtigsten steirischen Komponisten sind meiner Meinung nach J.J. Fux und mein Lehrer Hermann Markus Preßl.
Sie sind nicht nur Komponist, sondern auch Organist. Wann saßen Sie das erste Mal auf einer Orgelbank und mit welcher Partitur?
my gray cat jumped up just as I lifted this spoon
we`re born we die
(Ikkyu)
Meine graue Katze sprang auf, als ich gerade diesen Löffel hoch hob.Wir werden geboren, wir sterben.
Einer Ihrer Texte, das Komponieren betreffend, beginnt so:
„Ein Gourmet kommt in ein kleines Gasthaus in der Einschicht und bekommt köstlichen Käse serviert. Neugierig fragt er die alte Wirtin und Bäuerin wie der so wohlschmeckende Käse wohl heiße. Die Antwort der Bäuerin ist kurz und klar: `Käse, `“ (KunstMusik 2003). Genauso stelle der Musiker Musik her, die nur sie selbst ist, ohne etwas darstellen oder aussprechen zu wollen. Komponieren also doch wie das Zusammenstellen einer Rezeptur für LSD?
Ich spreche hier über den Prozess des Arbeitens: Das kontinuierliche Arbeiten an seiner Musik oder an seinem Garten oder an der Entwicklung von Aspirin... ist
für den Menschen das Zentrale - nicht das Ergebnis. Weiters: Als Komponist stelle ich Musik her, genauso wie die Bäurin ihren Käse - ich möchte mit meiner
Musik nichts sagen, schon gar nichts über mich selbst.
Ihre Musik entspricht mehr einem Zustand oder einer Fläche. Das drücken Sie auch durch die Verwendung von Glissandi aus. Vom Glissando ausgehend ist es zum Rauschen nicht mehr weit. Ist das Rauschen die höchste Form musikalischer, harmonischer Klangbildung?
Der wesentlich Punkt daran ist, daß es meiner Meinung nach eben keine höchste oder tiefste Form gibt.
Höre ich mir dann nicht lieber einen Gebirgsbach in natura an?
Ich will niemandem vorschreiben was er lieber hören soll, denn es gibt eben kein höchste oder tiefste Form.
Sie verstehen Ihre Musik als ein Betrachten der Töne, hauptsächlich des Tones Gis.
Wie entstand Ihre Liebe zum Gis?
Allmählich.
Als zentrales klassisches Formprinzip der westlichen Kunsttradition sehen Sie die Wiederholung. Palestrina wird von Ihnen als „Kanon -und damit als Wiederholungskünstler“ geschätzt. Die Wiederholung sei das einfachste Mittel, um den Eindruck von Zeitlosigkeit unter der Bedingung von Zeit zu erwecken. Auch die Oktave oder die Quinte seien Wiederholungen, nur auf anderen Ebenen. Spiegelt das Ihre persönliche Sehnsucht nach etwas Unveränderlichem wieder?
Ich habe versucht musiktheoretische Phänomene zu analysieren und zu verstehen.
Meine persönlichen Sehnsüchte haben damit nichts zu tun.
Für Ihre Kompositionen verwenden Sie mathematische Systeme.
Sie haben in einem Beitrag in KunstMusik vom April 2003 einen Absatz mit der Überschrift „Systeme als bewusstseinserweiternde Drogen“ verfasst, in dem Sie aus Robert Musils „Die Verwirrung des Zöglings Törleß“ zitieren. In dem Text geht es um die Kraft und Faszination von Systemen.
Sie schrieben Arbeiten über Tonsysteme, zum Beispiel „Auf Wohlklangs Wellen durch der Töne Meer“. In der Neuen Musikzeitung von 2003 ist von Langs selbstvergessener Modernität die Rede.
Ist Mathematik und Logik für Sie wirklich nur das, was Sie sagen: weniger Wahrheit als vielmehr Schönheit? Oder brauchen Sie mathematische Systeme um sich wieder unter Kontrolle zu kriegen?
Beides sind Werkzeuge, Hilfsmittel die helfen sollen über die eigene Begrenztheit hinauszukommen und dem Klang den Raum zu geben um sich entfalten zu können.
Sie haben in sich keinen Wert, sondern funktionieren wie eine Leiter die man nach dem Klettern fortwerfen kann.
Pythagoras forderte im 6. Jahrhundert v. Chr., dass das Tonmaterial über mathematisches Denken gefunden und geordnet werden sollte. Er erfand die Tonleiter. Für die Pythagoreer waren Zahlen die Versinnlichung des Kosmischen, das Leben selbst. Was sind für Sie die entscheidenden Erkenntnisse griechischer Musiktheorie?
a. Ich denke, daß das Wesentliche an Pythagoras die Tatsache ist, daß er anders als die ionischen Naturphilosophen als arché eben keinen sinnlich wahrnehmbaren Urstoff (wie z.B. Wasser, Feuer...) angenommen hat, sondern das abstrakte Prinzip der Zahl.
b. Pythagoras hat nichts erfunden, er hat den entscheidenden Schritt getan die
konkreten Naturphänomene auf abstrakte Formen - eben die Zahlen zurückzuführen.
c. Ich glaube, daß die ganze westliche Musiktradition ohne das System der
Tetraktys (1:2:3:4) ganz anders verlaufen wäre.
Ihre Musik ist auch vom Buddhismus beeinflusst. Inwiefern?
like a knifeblade the moon will be full then less
than nothing but it`s dawn and the moon`s a knifeblade.
(Ikkyu)
Wie eine Messerklinge ist der Mond voll, dann weniger als nichts, aber der Morgen dämmert und der Mond ist eine Messerklinge.
Was bedeutet Ihnen Donald Judd, US-amerikanischer Künstler und Vertreter der Minimal Art?
Wie die minimal art als Ganzes einen wesentlichen Impuls.
Sie sagen der Mensch nimmt sich zu wichtig angesichts der Unendlichkeit des Kosmos. Welche Rolle spielen Menschen in Ihrem Leben?
nobody told the flowers to come up
nobody will ask them to leave when spring`s gone
(Ikkyu)
Niemand hat den Blumen gesagt, dass sie herauskommen sollen, niemand wird ihnen sagen, sie sollen gehen, wenn der Frühling vorbei ist.
Was ist mit dem menschlichen Publikum. Sind die Zuhörer nur diejenigen, die bezahlen? Wie können Sie Ihre Musik begreifen oder sollen Sie das gar nicht?
Bis jetzt habe ich in meinen Konzerten nur menschliches Publikum gesehen,noch keine außerirdischen Lebensformen.
Sie haben Musiktheorie studiert und haben an der Kunstuniversität Graz eine Professur für kirchliche Komposition inne und das mit gerade mal 35. Wie normal ist das?
this boat is and is not when it sinks both disappear
(Ikkyu)
Dieses Boot ist und ist nicht.Wenn es sinkt, verschwinden beide.
Glauben Sie, es gibt einen Zusammenhang zwischen Ihrer Professur und Ihrer Leidenschaft für Schokolade?
the edges of the sword are life and death
no one knows which is which
(Ikkyu)
Die Ränder eines Schwertes bedeuten Leben und Tod. Keiner weiß, welcher Rand was bringt.
Sind Sie verheiratet?
clouds very high look
not one word helped them get up there
(Ikkyu)
Wolken sehen so aus, als wären sie sehr hoch. Nicht ein Wort half ihnen dort hoch zu kommen.
Ihre Komposition „fichten.“ wurde beim Festival „Steirischer Herbst“ im Oktober letzten Jahres uraufgeführt. Im Rahmen der „Maerzmusik 2007“ in Berlin gibt es als Auftaktveranstaltung eine deutsche Erstaufführung von „fichten.“. Waren Sie mit der Resonanz der Installation 2006 zufrieden? Haben Sie Veränderungen vorgenommen?
Ich verändere meine Stücke nie - was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.
In den Salzburger Nachrichten wurde „fichten.“ als Ohren-Wellness bezeichnet. Ärgert Sie das? Oder was halten Sie davon, wenn ein gestresster Großstädter das Konzert für ein meditatives Nickerchen nutzen würde?
Ich stelle Musik in den Raum, ich möchte keine Botschaften vermitteln, ich meine nichts und versuche keine Interpretation oder Deutung vorzugeben: Die Zuhörer hören was sie hören und verhalten sich zur Musik wie es ihnen entspricht.
Ihr Ideal von Musik ist Musik als zeitloser, zustandhafter Vorgang, wie das Betreten eines Raumes, in dem unser übliches Zeitempfinden aussetzt. Wie nah sind sie mit „fichten.“ diesem Ideal gekommen?
"fichten." ist "fichten." so wie es ist. Kunst wird erst dadurch zu Kunst, indem
sie sich von allen Idealen befreit: Ideale sind wie der Horizont: Es gibt sie
eigentlich gar nicht.
Ist „fichten.“ eine Hommage an Ihre Heimat, die Steiermark?
Mir ist jede Art von Nationalismus oder Patriotismus fremd.
Gibt es einen Masterplan in ihrem Leben?
raining or not
walk lifting your heavy wet sleeves
(Ikkyu)
Ob es regnet oder nicht, man muss die Ärmel stets hoch krempeln.
Wie neugierig sind sie noch?
Sehr.
Kann Kunst Opium für`s Volk sein?
Kunst führt zu geistiger Klarheit, wohin Opium führt weiß ich nicht.
Wenn Sie die Wahl hätten entweder vor Tausenden von Hippies, die nach Bewusstseinserweiterung streben, aufzutreten oder andererseits den Wiener Opernball mit einer Ihrer eigenen Kompositionen zu eröffnen (kein ¾ Takt!), wie würden Sie sich entscheiden?
Ich würde würfeln.
Es ist durchaus beruhigend zu wissen, dass selbst Klaus Lang wichtige Entscheidungen dem Zufall überlassen würde.
Herr Lang, ich danke Ihnen für das desillusionierende Gespräch.
w.p. - red/19.3.07 ID 00000003071
Siehe auch:
http://www.berlinerfestspiele.de
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