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DVD-Kritik

„Zeig der Welt

deine Seele“



Bewertung:    



„Du musst schneller als die Schatten sein stärker als die Angst.“ (Niemals dran gezweifelt von Udo Lindenberg)

*

In Lindenberg! Mach dein Ding schildert die deutsche Regisseurin Hermine Huntgeburth die frühen Jahre des Rockmusikers Udo Lindenberg, der bis heute eine Ikone in Ost und West ist. 1946 im westfälischen Gronau geboren, sollte er der Familientradition folgend Klempner werden, aber er zeichnete sich schon als Kind durch Rhythmusgefühl aus und lernte früh Schlagzeug. Der Film erzählt in kunterbunten, nicht chronologischen Rückblenden von seiner kleinbürgerlichen Kindheit mit dem kriegstraumatisierten Vater (Charly Hübner), der Opern liebt und die Dichtkunst, aber trinkt, spielt, den Glauben an Zukunftsvisionen verloren hat und seinen Sohn auf der sicheren Bahn der bürgerlichen Existenz halten will. Udos schöne Mutter (Julia Jentsch) hat sich selbst für ihren Mann und ihre vier Kinder aufgegeben, die sie liebevoll umsorgt und zusammenhält. Sie ist das eigentliche aber stille Zentrum der Familie.

Im krassen Gegensatz dazu steht das Leben im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli, wo Lindenberg (Jan Bülow) sich als sehr junger Mann verdingt und nachts Schlagzeug spielt. Ohne seinen Kumpel Steffi Stephan (Max von der Groeben) wäre er aufgeschmissen, mit ihm erlebt und überlebt er alle Höhen und Tiefen, obwohl sie sich zwischendurch auch mal trennen. Huntgeburth lässt die frühen 1960er Jahre durch eine detailgenaue Ausstattung, entsprechende Haar- und Kleidermoden sowie die Beat- und Rockmusik der Zeit auferstehen. Dem jungen Lindenberg macht es aber zu schaffen, dass alle auf englisch singen. Deutsch sei die Tätersprache und nur dem Schlager vorbehalten, den die Hippies und Kommunarden natürlich ablehnen. Auch der Talent-Scout der Plattenfirma Teldec Mattheisen (Detlev Buck) weigert sich lange, deutsche Rocksongs von Lindenberg zu veröffentlichen. Das Argument mit der Tätersprache geht reihum, doch Lindenberg meint:

„Scheiß auf die Nazis. Zeit, uns die Sprache zurückzuholen.“ Mattheisen lässt sich erst auf deutschsprachigen Rock ein, nachdem das Lied Hoch im Norden, das ursprünglich nur auf der B-Seite einer Single erschien, zum Hit wird.

Der Weg zum Erfolg wäre nun gebahnt, wenn Lindenberg nicht von ein paar Schatten heimgesucht würde. Da ist seine Kindheit, während der ihm der Vater den Glauben an ihn versagte, die wilden Jahre mit hochprozentigem Alkohol, Drogen und dem steten Nachtleben als Musiker. Als er für ein Jahre zur Truppenbetreuung für amerikanische Soldaten in der libyschen Wüste spielte, erlitt er auch dort Traumata. Im Film kulminiert dies nun vor dem alles entscheidenden Auftritt, der den Erfolg von Udo Lindenberg und seinem Panikorchester zementieren soll. Er stellt sich seinen Ängsten und wird zum Star, und hier endet der Film.

Der Hauptdarsteller Jan Bülow singt selbst, darunter Hoch im Norden und Andrea Doria. Auch das Lied Mädchen aus Ost-Berlin erklingt in voller Länge, illustriert wird die Beziehung Lindenbergs zu einer Ost-Berlinerin und der Ost-West-Konflikt. (Lindenbergs Einsatz für einen Austausch mit der DDR setzte sich in den folgenden Jahrzehnten fort. Der Sonderzug nach Pankow über den damaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker erlangte in den 1980er Jahren große Aufmerksamkeit). Im Bonusmaterial auf der DVD äußerst sich der echte Lindenberg sehr zufrieden mit der Leistung seines Darstellers: „Bülow kopiert mich nicht, macht das auf seine Weise, aber ganz nah dran.“ Also macht auch Bülow sein Ding und das ist für Lindenberg gut so: „Käfige sind zum Ausbrechen da“, meint er.

Der Dreh- und Angelpunkt zum Erfolg Lindenbergs war eine Dame im Rotlichtmilieu, (man weiß nicht genau, inwiefern es sich tatsächlich um eine Dame gehandelt hat) die dem blassen Jüngling Kajak um die Augen schminkte und ihm einen Rat gab: „Zeig der Welt deine Seele.“ Von da an machte Lindenberg um so entschlossener „sein Ding“, war authentisch und kam beim Publikum an. Denn die Musikliebhaber hatten ähnliche Träume, Sehnsüchte, Ängste und Enttäuschungen wie Lindenberg sie in seinen Liedern beschreibt. Doch nun konnte jede/r sie verstehen, weil sie in deutsch waren und einige davon die schmerzliche deutsche Teilung thematisierten. Die betraf viele Menschen unmittelbar, wie auch Liebeskummer, Zwischenmenschliches, davon künden allein die Titel Wozu sind Kriege da?, Gegen die Strömung, Ich träumte oft davon ein Segelboot zu klau'n. Am Schluss des Film singt Lindenberg persönlich den 2018 erschienenen Titel Niemals dran gezweifelt, aus dem der Satz stammt: „Du musst schneller als die Schatten sein stärker als die Angst“, den man durchaus als Lebensmotto verstehen kann.



Udo Lindenberg (Jan Bülow) mit Steffi (Max von der Groeben) | © DCM Letterbox, Gordon Timpen


Als autodidaktischer Maler macht Lindenberg bis heute „sein Ding“. Im vergangenen Jahr gab es in Leipzig die Ausstellung Zwischentöne mit seinen Bildern .

Helga Fitzner - 19. August 2020
ID 12400
https://www.lindenberg-film.de/


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