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DVD-Kritik

Zerrinnen

der Zeit



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Eine junge Frau schreit aus Leibeskräften, während ein Zug laut an ihr vorbeirast. Ihr Geschrei wird übertönt. Sie verstummt wieder, wenn der Zug vorbeigefahren ist. Ein kurzer Moment sich aufbäumender Lebenskräfte in einem zurückgezogenen und zurückhaltenden Leben. Sie hat den Moment an der nahegelegenen Zugschranke beim allabendlichen Joggen sorgsam abgepasst.

Der Filmtitel Cronofobia hat nichts mit der Angst vor Corona zu tun. Es gibt noch unendlich viele andere Ängste, die derzeit medial aus dem Fokus geraten. Der Schweizer Regisseur Francesco Rizzi benannte sein Filmdebüt nach einer Diagnose: Chronophobie ist ein Fachbegriff für die krankhafte Furcht vor dem Verstreichen der Zeit. Verbunden mit dieser Angststörung ist auch eine konsequente Vermeidung, an das Verrinnen der Zeit zu denken. Der düster-rätselhafte Noir-Film erzählt von zwei vereinsamten, ambivalent gezeichneten Hauptfiguren. Das kammerspielartige, eher dialog- und handlungsarme Drama verhandelt Themen wie Identität, Schuld, Trauer, Rollenspiele und Erwartungen. Francesco Rizzi arbeitet mit Flashbacks, dunklen Farben und ruhigen, statischen Einstellungen.

Michael Suter (Vinicio Marchioni) lebt in einem weißen Kleinbus. Er stalkt abends gewohnheitsgemäß eine schöne Witwe. Ihre Silhouette bewegt sich entlang der verglasten Front eines modernen, hell erleuchteten Wohnhauses im Schweizer Tessin. Sabine Timoteo (Die Mitte der Welt, 2016) scheint auf attraktive, weltabgewandte Borderline-Figuren abonniert, die sie nuancenreich zu verkörpern vermag. In Cronofobia spielt die Schweizerin die psychisch labile Anna, die seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes fast jeden Lebenssinn verloren hat. Eines Abends wird sie vom unvorhergesehenen Besuch ihrer wohlmeinenden Eltern überrascht. Sie sperrt sich im Nachthemd versehentlich aus. Ihre Flucht führt zu dem Wohnmobil des Mannes, in das sie spontan einsteigt. Die beiden Außenseiter nähern sich im Filmverlauf vorsichtig einander an. Beide verbindet ein belastendes Trauma aus der Vergangenheit.

Das Sich-Näher-Kommen der beiden Hauptfiguren wird filmisch durch Momente im Alltagsleben Suters unterbrochen. Michael Suter arbeitet als Detektiv und schlüpft hierfür stets in andere Kostüme, Masken, Identitäten und Charaktere. Er deckt als Testkunde in Schweizer Hotels, Läden, Banken, Tankstellen oder Raststätten Kriminalität auf, indem er etwa die Integrität und Ehrlichkeit des Kundenservice in verfänglichen Situationen prüft. Verfehlungen werden sodann dem Vorgesetzten gemeldet. Ein Leben im Transitraum: die Menschen vor Ort sprechen mal französisch, italienisch oder Schweizerdeutsch. Bald bittet Anna ihre neue Bekanntschaft Michael Suter, ihren verstorbenen Mann zu imitieren. Unter ihrer Anleitung erproben sie häusliche Zweisamkeit.

Kameramann Simon Guy Fässler zeigt die Hauptfiguren in kalten, sterilen oder dunklen Räumen. Die Dynamik der beiden Hauptdarsteller ist glaubhaft inszeniert. Vinicio Marchioni agiert schweigsam, schwermütig, hingebungsvoll und präzise. Sabine Timoteo zeichnet ihre gebrochene, unter Schlaflosigkeit leidende Figur scheu und intensiv. Anna entwickelt sich im Filmverlauf zu einer gleichberechtigten und durchaus auch impulsiven Figur.

Francesco Rizzi ist ein dichtes, vielschichtiges, andeutungsreiches Erstlingswerk von melancholischer Intensität gelungen. Leider gewinnt der Film erst gegen Ende zunehmend auch an emotionaler Dramatik. Cronofobia über zwei vom Verlust gezeichnete Menschen gewann bereits etliche Preise, unter anderem für die beste Regie und für das beste Drehbuch beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken.
Ansgar Skoda - 8. Februar 2021
ID 12736
Weitere Infos siehe auch: https://filmperlen.com/filme/cronofobia/


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