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70. BERLINALE

Wettbewerb 2020

THE ROADS NOT TAKEN



Nachdem man als Kritiker schon am Rande des Nervenzusammenbruchs wandelte, gab es mit The Roads Not Taken ein Drama über einen nervlich zerrütteten Mann zu sehen, der die eigenen Probleme relativierte. Denn der von Javier Bardem gespielte Leo ist wahrlich arg gebeutelt: Er liegt in seiner heruntergekommenen New Yorker Wohnung regungslos im Bett, kann kaum noch kommunizieren bzw. auf seine Umwelt reagieren. Seine Umwelt: das sind im Wesentlichen seine Tochter Molly (Elle Fanning) und die Putzfrau (Branca Stanič), die sich aufopferungsvoll um ihn kümmern und die Hoffnung auf eine Besserung noch nicht aufgegeben haben. Doch was steckt hinter Leos geistiger Umnachtung? Eine manische Depression? Später Autismus? Oder gar eine ursprünglich aus Trotz und Angst gespeiste Selbstsuggestion, die die Grenze des Simulierens überschritten hat? Dies vermutet Leos Ex-Frau (Laura Linney), die deutlich abgebrühter auf Leos Zustand reagiert als die gemeinsame Tochter.

Während Molly versucht, per Taxi zwei Arztbesuche mit ihrem Vater zu absolvieren, deren Aufwand sie offenkundig unterschätzt hat, erzählt der Film im Rückblenden von zwei wichtigen Stationen auf Leos Leidensweg. Erst nach und nach wird die ganze Tragödie erkennbar, die sich zeitlich vor und gedanklich hinter jenen Szenen verbirgt, die Regisseurin und Drehbuchautorin Sally Potter (Orlando, The Party) aus Leos Leben ausgewählt hat. Denn diese Szenen zeigen absichtsvoll nicht die dramatischsten Situationen, die Leo erlebt hat, sondern solche, die in Leos Kopf als nostalgische Erinnerungen herumspuken. Die elliptische Struktur der Story regt dazu an, die fehlenden Lebensabschnitte zu imaginieren und in einen sinnvollen Kontext zu stellen, so wie Molly versucht, aus Leos Brabbeln klug zu werden.

Dramaturgisch gelingt es der britischen Regisseurin Sally Potter deutlich überzeugender, in die verworrene Gedankenwelt eines Mannes vorzudringen als Abel Ferrara mit Siberia, der ohne Roten Faden in kleine Vignetten zerfaserte. Außerdem arbeitet Potter subtiler und verwendet keine aufdringlichen Metaphern für Leos Zustand, nutzt stattdessen die Atmosphäre der unterschiedlichen Settings für die Jetzt-Zeit und die Rückblenden, die kontrastreich und gut gewählt sind. Die starke Leistung insbesondere Elle Fannings wird ergänzt durch das Charisma der beiden Latino-Filmstars Bardem und Salma Hayek, die Kameramann Robbie Ryan stets ins rechte Licht rückt. So ganz will der Funke allerdings nicht überspringen, denn wie immer bei Sally Potter steht der intellektuelle Anspruch der emotionalen Kraft im Weg.


Bewertung:    



The Roads Not Taken | (C) Adventure Pictures

Max-Peter Heyne - 29. Februar 2020
ID 12039
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de/


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