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Susanne Kennedy langweilt mit ihrer installativen Performance COMING SOCIETY das beteiligte Publikum


Coming Society an der Volksbühne Berlin| Foto (C) Julian Röder

Bewertung:    



„Wellcome“, „You are the player“ heißt es zu Beginn der neuen Theaterproduktion von Susanne Kennedy an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Sie war eine der ersten Künstlerinnen, die 2017 nach der großen Eröffnung unter Chris Dercon dort probte, als das Haus nicht bespielt wurde und sich ein paar junge KünstlerInnen daran machten, den leeren Tanker zu besetzen. Mit Dercons Intendanz ist es nun vorbei. Der alte Chef ist weg, ein neuer, oder auch eine neue Chefin noch nicht gefunden. Susanne Kennedy ist vom alten Team noch übrig und macht ihr Ding weiter. Eine konsequente Fortsetzung ihres bisherigen Wegs, weg vom Menschen-Theater hin zur Avatar-Performance ist auch Coming Society, eine „installative Performance“ der Regisseurin in Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Markus Selg, der die Bühne dafür gestaltet hat.

Saß man bei Kennedys letztem Werk Women in Trouble noch im Theatersaal vor der sich beständig drehenden Bühne, darf man nun nach ein paar Eingangsworten das Heiligtum auch betreten. Man ist also selbst Spieler in einer Welt von Spielern auf der Suche nach einer neuen Welt, wie es eine computergenerierte Off-Stimme in englischer Sprache ansagt. Durch ein Tor geht es auf die Drehbühne, die wieder sanft und unvermittelt kreiselt. Auf ihr befinden sich mehrere Aufbauten wie die runde „Mother Station“ im Zentrum mit der AXIS MUNDI (der Weltachse sozusagen) um die sich weitere räumliche Zonen wie die „Incubation Station“ (eine Pyramide), die „Narrative Station“, ein „Cinema“ mit Videowand oder eine „Bench“, in die ebenfalls kleine Videoscreens eingebaut sind, gruppieren. Gestaltet sind die Wände mit bunten Aufdrucken von psychedelischen Mustern, Zeichen, mythologischen Symbolen oder historischen Abbildungen alter Kulturvölker wie den Maya. Künstler Selg bezieht sich in seinen Kunstwerken oft auf alte Mythen. Mit Susanne Kennedy hat er bereits 2016 das Stück MEDEA.MATRIX für die Ruhrtriennale inszeniert. Ein Mix aus Schauspiel und Installation.

So auch hier, wenngleich sich das Schauspiel bei Susanne Kennedy doch stark auf ein paar PerformerInnen (Suzan Boogaerdt, Ixchel Mendoza Hernandez, Jone San Martin, Dieter Rita Scholl, Kate Strong, Bianca van der Schoot, Ingmar Thilo, Frank Willens und Thomas Wodianka), hier Heiler*innen, Gastgeber*innen, Stalker*innen und Schaman*innen genannt, reduziert. Ihre Stimmen kommen wieder vom Band, es werden nur synchron dazu die Lippen bewegt. Avatare in einem endlosen Spiel. „Infinity Games“, damit hat sich Susanne Kennedy u.a. beschäftigt. Ihre Textcollage setzt sich zusammen aus Texten von WissenschaftlerInnen wie dem Physiker Thomas Warren Campbell, dem Literaturprofessor und Mythenforscher Joseph Campbell, dem Religionswissenschaftler James P. Carse und der Biologin, Bewusstseins- und Feminismusforscherin Donna Jeanne Haraway, bekannt für ihr Cyborg-Manifesto. Thesen aus Haraways Gender- und Technologie-Essays hat bereits auch René Pollesch für seine Stücke verwendet.

Soviel zum theoretischen Überbau und bildnerischen Rahmen. Ein wenig raunt es auch mit Nietzsche „tiefe, tiefe Ewigkeit!“ aus dem Off. Aber nicht mit Rilke/Sloterdijk („Du mußt dein Leben ändern“) als ewig übender Mensch, der sich daraus neu erschafft. Hier geht es mit Nietzsches Übermensch um die Überwindung des Selbst, die große Bewusstseinsänderung. Ein geradezu evolutionären Schritt, den man hier spielerisch vollziehen soll. Wenn man denn nur wüsste, was und mit wem man eigentlich spielen soll. Ständig wabert esoterische Musik zur Untermalung der sparsamen Performance der zu Avataren degradierten SpielerInnen. Menschmaschinen, die Satzfetzen aus Seifenopern wie Reich und Schön wiedergeben, nur so vor ich hin brabbeln, meditieren, Atemübungen vollziehen oder auf einer Kreuzliege in der Incubation Station vor sich hin leiden. Manchmal wechseln auch die Tempi etwas, aber wirklich Entscheidendes passiert hier nicht. Da bleibt nur die ewige Kreisbewegung.

Was ja nicht zuletzt auch ein spirituelles Motiv aus dem Buddhismus ist, mit dessen Religionssätzen man hier außerdem noch befeuert wird. Auf dieser göttlichen Schiene spitz es sich mit ritueller Fußwaschung und Salbung schließlich zu. Wer des Englischen nicht mächtig ist, kann das auch auf einer Video-Stele auf Deutsch lesen. „Es gibt nur einen Weg, die absolute, vollständige und bedingungslose Kapitulation.“ Kapituliert hat man hier eigentlich schon nach der Hälfte der 75 Minuten dauernden Performance. Das von Susanne Kennedy proklamierte Totaltheater wird so zum Totalausfall und Tod des Theaters. Aber vermutlich hat die Regisseurin auch nichts anderes vor. Nur wird ihr so auf Dauer das Publikum in ihre „zukünftige Welt“ nicht folgen wollen. In diese als virtuelle Realität gedachte immersive Utopie findet man auch kaum einen Zugang. Sie erscheint einem letztendlich mehr als bunter, recht esoterischer und pseudophilosophischer Nachlebensratgeber.



Coming Society an der Volksbühne Berlin| Foto (C) Julian Röder

Stefan Bock - 19. Januar 2019
ID 11157
COMING SOCIETY (Volksbühne Berlin, 17.01.2019)
Eine installative Performance von Susanne Kennedy und Markus Selg

Regie, Text und Konzept: Susanne Kennedy
Bühne und Konzept: Markus Selg
Kostüme: Andra Dumitrascu
Licht: Rainer Casper
Video: Rodrik Biersteker
Sounddesign: Richard Janssen
Dramaturgie: Alan Twitchell
Mit: Suzan Boogaerdt, Ixchel Mendoza Hernandez, Jone San Martin, Dieter Rita Scholl, Kate Strong, Bianca van der Schoot, Ingmar Thilo, Frank Willens und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 17. Januar 2019.
Weitere Termine: 26., 27.01. / 08.-10.02.2019
Eine Koproduktion mit dem Theater Rotterdam


Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne.berlin/de/


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