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Mystery

Train



Annika Schilling in Linie 16 im Schauspielhaus Bonn | Foto © Thilo Beu

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Der Sitznachbar isst strengriechendes Fast Food, hört laute Musik, telefoniert oder hustet geräuschvoll. Bahnfahren kann als nervenaufreibendes Geduldspiel mitunter stressen. Mitreisende können einen Trip jedoch durchaus auch bereichern. Von Köln-Niehl nach Bonn-Bad Godesberg passiert die Straßenbahn-Linie 16 Sammlungspunkte wie den Kölner Hauptbahnhof, Tannenbusch oder Wesseling. Wenn sie nicht mal wieder ausfällt und einigermaßen pünktlich ist, fährt sie dabei weit über 80 Minuten. Genug Zeit, in der allerlei Spannungsmomente zwischen dicht gedrängten Passagieren auftreten können, meint Simon Solberg, neuer Hausregisseur am Theater Bonn. Er widmet der krisenerprobten Straßenbahnlinie nun ein eigenes Theaterstück im Schauspielhaus samt Live-Band und Gesangseinlagen der Darsteller. Angelehnt scheinen Idee und Story dabei lose an Volker Ludwigs Berliner Musical Linie 1 von 1986.

Ist man einmal eingestiegen in Eine musikalische Achterbahnfahrt durch den rheinischen Untergrund (so der Untertitel der Inszenierung), nimmt die Reise sogleich Fahrt auf. Ein zum Publikum hin geöffneter, seitlich aufgestellter Bahnwaggon mit Sitzecken, Haltestangen und Werbeaufdrucken nimmt die komplette Bühne ein. Durch die eingelassenen Fenster im Abteil sieht man die im Bühnenhintergrund positionierte, dreiköpfige Band. Die Darsteller wechseln regelmäßig in neue Rollen, indem sie sich teilweise auf der Bühne umkleiden. Eine Bahninsassin (Annika Schilling) spricht konzentriert ohne Punkt und Komma Werbeslogans in ihr Mobiltelefon. Bald quillt Rauch aus ihrer Tasche. Sogleich springt die Sitzende auf und setzt beherzt an zu Alicia Keys Song „Girl on fire“.

Fortan lösen sich Konfliktsituationen in lebendig und kraftvoll performte Songs auf. Ein Polizist (Timo Kählert) betritt das Geschehen, in dem er „Ready or not“ von den Fugees anstimmt. Später verkörpert Kählert lustvoll eine andere Figur, die einst für eine Notdurft die Straßenbahn ausgerechnet in Widdig verließ. Hier fand er kein öffentliches WC. Er hatte nach dem Stuhlgang unter freien Himmel nur ein einziges Blatt Klopapier, um sich zu säubern. Erschrocken sinniert er über dessen Kostbarkeit. Mit einer charismatischen Interpretation von Gnarls Barkleys „Crazy“ unterstreicht Kählert derart nachhaltig das einhergehende Scham- und Ekelgefühl, das die Verdauung auch beim einen oder anderen Besucher im Publikum angeregt werden könnte. Auch Annika Schilling, die an diesem Abend ganz vorzüglich einen Großteil der weiblichen Gesangsparts bestreitet, darf verträumt zu „Mysteries“ von Beth Gibbons, verführerisch zu Madonnas „Frozen“ und verzückt zum poppigen „Toxic“ von Britney Spears ansetzen, um ihre Charaktere in besonderen Spannungsmomenten prägnant zu porträtieren.

Regisseur Solberg lockert die Gesangsperformances detailreich auf, wenn Darsteller zeitgleich im Hintergrund agieren. Während eines Gesangsvortrags sucht so schon einmal eine zerrüttete und tattrige Seniorin Flaschenfand zwischen den Sitzreihen im Linienabteil. Lena Geyer greift gegen Ende im unförmigen Weltkugel- Kostüm als Mutter Erde mit Lyrics von Herbert Grönemeyer unerbittlich in das Geschehen ein. Gleich darauf tritt jedoch Christoph Gummert als schmucker, silbrig glänzender Astronaut aus dem Bühnenhintergrund ins Geschehen. Elegant leuchtend setzt er mit „Space Oddity“ von David Bowie auch stimmgewaltige Akzente. Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt jedoch Daniel Stock mit schier atemberaubenden Performances. Mal spielt er einen gehemmten Stotterer, mal eine übergriffige Mutter, dann wieder einen wütenden Rapper, der mitsamt ausladender Hip-Hop-Gestik den allgemeinen Konsumwahn lautstark beklagt, um schlussendlich um Almosen zu betteln. Dabei macht er Anleihen an deutsche Hip Hop-Künstler wie Marteria und Maxim und kann mit Queens Klassiker „Who wants to live forever“ punkten.

Eine wahrlich erfrischende Collage, die im Rahmen des Ursprungsthemas vielleicht etwas mehr auf Lokalkolorit hätte setzen können. Das gesammelte Ensemble wiederholt als Zugabe nach begeistertem Publikumsapplaus Michael Jacksons atmosphärischen Hit „Man in the mirror“, und zwar sehr viel lockerer und sympathischer als der King of Pop ihn einst darbot.



Linie 16 am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 1. November 2018
ID 11006
LINIE 16 (Schauspielhaus, 31.10.2018)
Inszenierung und Bühne: Simon Solberg
Kostüme: Katia Köhler
Besetzung:
Mutter Erde, u.a. … Lena Geyer
Cleptomammi, u.a. … Annika Schilling
Der Balkenmann, u.a. … Christian Czeremnych
Fußball Tim, u.a. … Christoph Gummert
Der Klopapiermann, u.a. … Timo Kählert
Robinson Jugo, u.a. … Daniel Stock
Musiker … Philip Breidenbach, Jann Marvin Beranek, Thomas Esch/Lukas Berg
Premiere am Theater Bonn: 12. Oktober 2018
Weitere Termine: 24.11. / 21., 29.12.2018 // 04., 12., 20., 26.01. / 02., 10., 22., 27.02. / 09., 15., 23., 31.03.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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