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nachDRUCK # 6

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Repertoire

Bitterböse

Boulevard-

komödie



Vor Sonnenaufgang am DT Berlin | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Vor Sonnenaufgang ist der dramatische Erstling von Gerhart Hauptmann. Das 1989 entstandene Sozialdrama über eine durch den Kohleabbau in Schlesien zu Geld gekommene und daraufhin dem Alkoholismus verfallene Bauernfamilie ist ein Meisterwerk des deutschen Naturalismus. Hauptmann behandelt darin die damals vorherrschende Lehre des Determinismus, die besagt, dass der Mensch in seiner Prägung durch Vererbung, soziale Herkunft und Erziehung vorbestimmt ist. Ibsens Gespenster lassen grüßen. Im Mittelpunkt stehen der linke Sozialreformer Alfred Loth, der für seine Überzeugungen zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat, und die jüngere Tochter der neureichen Familie Krause, Helene, die in einem Pensionat aufgewachsen ist und sich so vom einst prekären Milieu daheim entfremdet hat. Loth, der Studien für sein neues Buch im Dorf betreiben will, besucht seinen alten Freund Thomas Hoffmann, der Helenes ältere Schwester Martha geheiratet und den ehemals sozialrevolutionären Ambitionen abgeschworen hat. Loth und Helene verlieben sich ineinander. Als aber der abstinent lebende Loth vom Arzt Schimmelpfennig über die Alkoholsucht der Familie aufgeklärt wird, verlässt er Helene, weil er an eine Vererbung an ihre zukünftigen Kinder glaubt. Die Totgeburt der trunksüchtigen Schwester Martha bestärkt ihn in seiner Annahme.

Das war zu Zeiten Hauptmanns starker Tobak und ein Theaterskandal. Heute würde man das unter Sozialkitschverdacht stellen. Der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer hat mit tier. man wird doch bitte unterschicht oder räuber. schuldengenital selbst ein paar heutige Sozialdramen verfasst. Nun hat er Hauptmanns Figuren übernommen und den alten Plot modern überschrieben. Das ist der neueste Schrei. Regisseure wie Simon Stone oder der Dramatikerkollege Ferdinand Schmalz haben es relativ erfolgreich vorgemacht, und auch Palmetshofer ist auf dem Gebiet längst kein Neuling mehr. Inszeniert hat Jette Steckel für die Ruhrfestspiele Recklinghausen, wo Palmetshofers Version von Vor Sonnenaufgang im Mai deutsche Erstaufführung hatte. Seit Anfang September ist die Inszenierung in den Kammerspielen des koproduzierenden Deutschen Theaters zu sehen.

*

Hauptmanns degenerierte Bauern führen bei Palmetshofer eine mittelständische Karosseriewerkstatt im ländlichen Speckgürtel der Großstadt. Hier säuft auch nur noch Vater Krause (Michael Goldberg), der sich nachts aus dem Haus schleicht, um sich mit der Dorfjugend zu betrinken. Wenn ihn seine zweite Ehefrau und Sekretärin Annemarie (Regine Zimmermann) aus der Kneipe holt, jammert er ihr vor, dass ihm dort wenigsten jemand zuhören würde. Es wird schnell klar, dass es hier um die Ängste und Frustrationen des schwindenden Mittelstands geht. Regine Zimmermann brilliert dabei als neurotische Ehefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die den Laden zusammenhalten und die Fassade wahren muss. Sie macht dabei gute Miene zum bösen Spiel. Die schwangere Tochter Martha (Franziska Machens) leidet an Dauerdepression und ihrem unsensiblen Mann Thomas, den Felix Goeser als charmanten Schlawiner gibt, der zwar auch am Zustand seiner Frau leidet, dagegen aber lieber Trost bei der Schwägerin Helene (Maike Knirsch) sucht. Die wiederum verschweigt ihrer Familie, dass sie in ihrem kreativen Job finanziell gescheitert ist und keine Wohnung mehr hat.

In diesen Abgrund aus seelischen und zwischenmenschlichen Verwerfungen platzt der linke Journalist Loth (Alexander Simon als Gast vom Thalia Theater Hamburg), der ebenfalls sein Päckchen zu tragen hat, das hier wie bei Hauptmann ein moralisches ist. Er wirft seinem alten Freund Thomas dessen Abkehr von den alten Idealen vor. Verschärfend kommt hinzu, das Loth im Internet herausbekommen hat, dass Thomas eine zweifelhafte politische Karriere anstrebt. Er versucht die einfachen Menschen vom Land mit Reden vom kleinen sozialen Aufstieg gegen die „Eliten am Abgrund“ einzufangen. Geschönte Geschichten, in denen sie vorkommen, mit ihm als sogenannte „Metapher“ für einen Selfmademan. Man kann da auch von Populismus oder neoliberalen Märchen sprechen. Für Loth ist Thomas ein Spalter. „Die Menschen driften auseinander.“ Das ist Anklage und Moralpredig in einem. Doch selbst Loth ist nur ein zerrissener und einsamer Mensch, der nachts am Computer einstige Freunde googelt und schließlich flieht, nachdem der Arzt (Timo Weisschnur) ihn mit einer fatalistischen Rede und den Worten: „Wir werden, was wir sind.“ oder „Man steht nur da und kann nichts tun.“ vor dem Bleiben warnt. „Die Menschheit in der Agonie.“ und ohne Utopie.

Zugegeben: ein bisschen viel für einen Theaterabend. Jette Steckel inszeniert das Familiendrama aber als moderne, groteske Boulevardkomödie, in der jede bittere Pointe sitzt, wie auch die verbalen Schläge in die Magengrube. Die Verzweiflung aller ist im körperlichen Spiel fast immer greifbar. Zuweilen übertreibt es die Regie mit ein paar knalligen Musikeinspielungen, die andererseits als nötige Auflockerung in den 2 ½ Stunden Spieldauer auch hin und wieder ganz gut sind. Ausgestellt sind die ProtagonistInnen auf einer dauerrotierenden Scheibe mit Parkettmuster (Bühne: Florian Lösche), auf der nur ein paar Stühle stehen. Ein großes Papppaket, das zu Beginn als Shoppingtrophäe hereingewuchtet wird, dient als Tisch oder Tresen. Der Niedergang der Familie Krause und das Scheitern der Liebe Loths und Helenes sind auch bei Palmetshofer nicht abwendbar. Das dicke Ende bleibt nicht aus. Als bitterböse Sozialstudie einer menschlich wie politisch handlungsunfähigen Mittelschicht ist die Inszenierung aber durchaus gelungen. Der wachsende Unmut an politischen Eliten und die allgemeine Demokratiemüdigkeit lassen sich damit aber nur bedingt erklären.



Vor Sonnenaufgang am DT Berlin | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 3. Oktober 2018
ID 10952
VOR SONNENAUFGANG (Kammerspiele, 02.10.2018)
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Sibylle Wallum
Musik: Mark Badur
Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Maike Knirsch, Franziska Machens, Alexander Simon, Timo Weisschnur und Regine Zimmermann
Die deutsche Erstaufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 10. Mai 2018.
Premiere am Deutschen Theater Berlin: 9. September 2018
Weitere Termine: 08., 24.10. / 01., 15.11.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


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