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Premierenkritik

Banale

Travestie



Salome am MGT Berlin | Foto (C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



In Oscar Wildes 1891 in französischer Sprache geschriebenem Einakter Salome treten zwei Prinzipien gegeneinander an, ohne dass es einen wirklichen Diskurs zwischen beiden gäbe. Sinnlichkeit gegen Askese. Dabei siegt das Laster über einen Heiligen. Oder anders gesagt: Eine verführerische Femme fatale wird dem spirituell vergeistigten Manne zum Verhängnis. Das war zumindest die Auffassung der damaligen männlich dominierten Gesellschaft, weshalb das Stück auch zum Skandal taugte und es immer wieder mit der Zensur zu tun bekam. Die Frage bleibt, auf wessen Seite Wilde hier tatsächlich stand. Auf der des religiösen Eiferers Jochanaan oder auf der zur Projektionsfläche für männliche Fantasien geworden Salome. In heutigen Inszenierungen wird das meist zu Gunsten Salomes ausgelegt, was auch die Intension von Oscar Wilde gewesen sein dürfte, der in seinem Stück wohl eher eine Parodie auf die allgemeine Prüderie und Bigotterie der damaligen Gesellschaft sah.

Das allein gibt Salome aber lange noch nicht ihre eigne, selbstbestimmte Sexualität zurück. Und auch Regisseur Ersan Mondtag scheint das als Ansatz für seine Inszenierung am Maxim Gorki Theater nicht interessiert zu haben. Salome als Satire, das wäre es doch mal. Nur, Satire auf was? Und ganz so neu wäre das dann auch wieder nicht. Zumindest gibt es einen neuen Text von Thomaspeter Goergen, Theaterregisseur und Dramaturg u.a. bei Ersan Mondtags Kassler Tyrannis-Inszenierung, weshalb das Gorki Theater die Premiere kurz vorher schnell noch zur Uraufführung erklärte.

Eine Übermalung nach Oscar Wilde nennt sich Goergens Text, der nicht einfach nur eine neue Übersetzung darstellt, obwohl der Autor Wildes Plot doch ziemlich originalgetreu übernimmt, sondern vor allem die Prophezeiungen des im Palast von König Herodes gefangenen Täufers Jochanaan umschreibt. Als eine Art sozialen Untergrundkämpfer oder fanatischen Revolutionär hat man Jochanaan immer mal wieder dargestellt. Goergen lässt ihn Sachen sagen wie: „Eure gedeckten Tische sind ein Raub // Eure Freudenfeste nichts als Krieg“ oder „Ihr wollt die Sklaven nicht sehen die euch kleiden // die toten Kinder nicht aus denen euer Brot gebacken“. Und auch Herodia spricht hier schon in einer Art Prolog zu Beginn davon: „Wie ich die Römer verabscheue. Wie ich den Westen und seine sinkende Sonne verabscheue. Als zöge er alles Licht mit sich ins Grab.“

Da werden Dummheit und Dekadenz einer dem Konsum ergebenen westlichen Welt, die ihren Reichtum auf Ausbeutung und Krieg gründet, gegeißelt und am Ende dem Selbstmord anheim gegeben. Das ist trotz der großen Pathetik ein Ansatz wie für das Gorki-Theater geschaffen, wäre da nicht der Regisseur, der unbedingt mit seiner speziellen Ästhetik und eigenen Umdeutung noch einen draufsetzen muss. Ersan Mondtag besetzt die Rollen gegen das Geschlecht. Das ist schon in den knalligen Kostümen von Josa Marx die reine Travestie. Michael Gempart trägt als Herodia Renaissancegewand zu orangener Struwwelpeter-Mähne, ihr schmachtender Gatte Herodes glänzt bei Lea Draeger im Rokoko-Look. Als Salome hat der Regisseur wie schon in seiner Antigone den Schauspieler Benny Claessens besetzt. Mit hochtoupierten Zöpfchen, blaurotem Schleifchenkleid und weißgeschminktem Gesicht kommt er hier als verwöhntes Prinzesschen auf der Erbse daher und wünscht sich recht gelangweilt vom Fest an Herodes Hof immer wieder nach Tel Aviv.

Wie die Zwerge aus Grimms Märchen mit Kapuzenmänteln und Grubenlampe wirkt auch der vierköpfige Jochanaan-Chor (Mehmet Ateşçi, Karim Daoud, Jonas Grundner-Culemann, Aram Tafreshian), der nach der Entleibung des Wachhauptmanns Narraboth noch durch Anna Mattes komplettiert wird. Neben dem angeklebten Geschlecht tragen alle noch auffällige Hakennasen. Die fünf Juden aus Wildes Stück als schlechter Jochanaan-Witz oder provokantes Juden-Klischee? Man will es eigentlich gar nicht so genau wissen. Gespielt wird zunächst vor dem Eisernen Vorhang, der umrandet von einem Wolkenportal mit Zinnen die Burg des Herodes in Jerusalem darstellt. Später zeigt das Innere eine Säulenhalle mit gewendelter Treppe und eine monströse Skulptur des nackten Benny Claessens, zu dessen Füßen sich Salome niederlässt und statt wie im Loblied Iokanaan den Leib des Täufers eher sich selbst liebt. Als Krönung küsst Claessens am Ende sein eigenes Haupt.

Konterkariert wird das durch zwei Auftritte von Orit Nahmias, die in ihrer unnachahmlich direkten Art die Inszenierung samt ihrer Klischeebilder und dem als Schauspieler des Jahres ausgezeichneten Hauptdarsteller verbal in die Tonne tritt. Was als bitter-komische Reflexion gedacht ist, macht die Banalität dieser modernen Seifen-Oper mit Musik von Max Andrzejewski allerdings auch nicht mehr wett. Über dem Portal steht in Großbuchstaben LOST. Eine Kopie des alten Volksbühnenschriftzugs mit vorgesetztem L. Ziemlich verloren wirkt auch diese relativ unausgegorene langatmige Revue der Peinlichkeiten, die mit einem Endlösung-Song zum Schluss die ganze Menschheit abschaffen will. „'Endlösung' kriegt jetzt endlich ’nen neuen Sinn.“ Heilige Einfalt! Dümmer geht nimmer.

Stefan Bock - 4. Dezember 2018
ID 11087
SALOME (Maxim Gorki Theater, 02.12.2018)
Eine Übermalung nach Oscar Wilde
Von Thomaspeter Goergen
Mit Texten von Orit Nahmias

Regie: Ersan Mondtag
Kostüme: Josa Marx
Musikalische Leitung: Max Andrzejewski
Mitarbeit Musik: Gerrit Netzlaff
Lichtdesign: Rainer Casper
Dramaturgie: Aljoscha Begrich
Chorleitung: Jonas Grundner-Culemann
Textarbeit: Thomaspeter Goergen
Mit: Mehmet Ateşçi, Benny Claessens, Karim Daoud, Lea Draeger, Michael Gempart, Jonas Grundner-Culemann, Anna Mattes, Orit Nahmias und Aram Tafreshian
Premiere war am 2. Dezember 2018.
Weitere Termine: 13., 14.12.2018


Weitere Infos siehe auch: https://gorki.de


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