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Premierenkritik

Und stetig

klimpert

das Klavier



Andreas Spaniol als Othello am Hans Otto Theater Potsdam | Foto (C) Thomas M. Jauk

Bewertung:    



Das Hans Otto Theater Potsdam hat seit dieser Spielzeit eine neue Intendanz. Bettina Jahnke löst den zuletzt etwas unglücklich agierenden Tobias Wellemeyer ab. Jahnke, geboren in Wismar, arbeitete ab 1994 am Staatstheater Cottbus unter der Leitung des damaligen Intendanten Christoph Schroth als Regieassistentin und Regisseurin, übernahm in Cottbus ab 2005 auch kurzzeitig das Amt der Oberspielleiterin, hat dann lange Zeit als freie Regisseurin gearbeitet und von 2009 bis 2018 als Intendantin das Rheinische Landestheater Neuss geleitet. Nun ist Jahnke wieder im Osten des Landes angekommen und hat sich für ihre erste Spielzeit am Hans Otto Theater, das immer ein wenig unter der Nähe Berlins zu leiden hat, Einiges vorgenommen. Unter dem Spielzeitmotto „Haltung“ setzt die neue Intendantin weiterhin auf Ensemble- und Repertoiretheater mit dem Fokus auf strake Frauenfiguren. Auch das Kapitel DDR sei noch nicht auserzählt, wie Frau Jahnke betont, und gleich zu Beginn Eugen Ruges DDR-Nomenklatura-Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts inszenierte.

* * *

Am vergangenen Samstag ging es da wieder etwas klassischer zu, als Shakespeares Drama Othello auf der großen Bühne Potsdam-Premiere feierte. Die Inszenierung von Regisseur Mario Holetzeck ist eine Übernahme aus Jahnkes letzter Spielzeit in Neuss. Premiere dort war Anfang März. Drei der DarstellerInnen sind ihrer Intendantin nach Potsdam gefolgt, die anderen drei Rollen wurden neu besetzt. Nun hat Othello sicher mehr als nur 6 Figuren zu bieten, die Verknappung ergibt sich aus dem Inszenierungskonzept, das sehr stark auf die Figur des Intriganten Jago fixiert ist. Holetzeck, von 2008 bis 2017 Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus (ihn löste im letzten Jahr Jo Fabian ab) und seit 2017 freier Regisseur, benutzt die Neu-Übersetzung von Marius vom Mayenburg, die 2010 für die Inszenierung von Thomas Ostermeier in Epidauros und an der Berliner Schaubühne entstanden ist.

Mayenburgs Sprache ist modern und sehr direkt. Der „Mohr von Venedig“ wird hier recht unverhohlen rassistisch des Öfteren auch als „schwarze Kalkleiste“, „Freak“, „Abschaum“ oder „Entarteter“ bezeichnet und mehrfach mit dem N-Wort beschimpft. Das erinnert entfernt auch an die recht drastische Textfassung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel für Luk Percevals Othello 2006 an den Münchner Kammerspielen, in der auch vom „Schoko“ oder gar von der „Fotze“ Desdemona die Rede ist. Von Kanaksprak ist der Potsdamer Othello dann aber doch weit entfernt. Hier wird zu Beginn erst mal mit barocker Musikbegleitung venezianischer Masken-Karneval gespielt. Der böse Narr heißt Jago und sein Darsteller Michael Meichßner führt auch gleich entsprechend in seine Figur ein. Ein Protagonist des „Theatre of War“, der sich vom General Othello um seine Beförderung betrogen sieht und auf Rache sinnt. Seine Werkzeuge sind Schmeichelei, Lüge und der in Desdemona verliebte Rodrigo (Jan Hallmann), den Jago für eine Zwecke manipuliert.

Othello (tatsächlich eher etwas blass: Andreas Spaniol) ist hier ein Albino, dessen Andersartigkeit gerade bei seinem Dienstherrn, dem Dogen (Joachim Berger), die schönsten Rassismen hervorruft, wenn er nicht gerade mit vollendetem Bass-Bariton zur Klavierbegleitung von Musiker Andreas Peschel singt. Die Kulturelite gegen den Außenseiter, der sich vergeblich zu integrieren versucht. „Der Traum von Gleichheit blieb Rede.“ Für die einen ist Othello nicht weiß, für die anderen nicht schwarz genug. Dass gerade er das Herz der schönen Desdemona (Laura Maria Hänsel) - hier Tochter des Dogen - erobern konnte, erzeugt Neid und Missgunst. Nur für den Krieg gegen die drohenden Türken kann man sich auf eine Führung durch Othello einigen.

Dass dieser geradlinige und integre Mensch zum Spielball das Intriganten Jago wird und sogar in der von diesem gesäten Eifersucht seine Frau Desdemona tötet, ist die große Tragik der Geschichte, die Holetzeck hier ganz groß in Szene setzt. Das findet auf offener Bühne mit ein paar Stellwänden im Hintergrund statt. Den Kriegsschauplatz Zypern veranschaulichen ein paar Tarnnetze. Ein Billardtisch steht im Mittelpunkt, ist Spielplatz für die rivalisierenden Soldaten und schönes Symbol für den Knall-Effekt, den Jagos einmal losgetretener Intrigenball entwickelt. Das wird ganz ordentlich, aber auch ein wenig zu konventionell ausgespielt. Die modernen Worte bleiben im Spielkorsett weitestgehend Behauptung. Allein Michael Meichßner als Jago kann hier ein paar Akzente setzen. Zu erwähnen ist noch Jago-Gegenspieler Cassio (Moritz von Treuenfels), der sich hier am Ende, welch Tragik (oder doch eher Komik), als schwul outet. Holetzeck spielt mit viel Musik auf der Klaviatur der Gefühle. Das wirkt besonders nach der Pause zum dramatischen Finale mit Fechtkampf und Cold Song (Holetzeck inszenierte in Dessau gerade Purcells King Arthur) doch recht pathetisch.




Othello am Hans Otto Theater, Potsdam | Foto (C) Thomas M. Jauk

Stefan Bock - 28. Oktober 2018
ID 11000
OTHELLO (Hans Otto Theater Potsdam, 27.10.2018)
Regie: Mario Holetzeck
Bühne: Juan León
Kostüme: Alide Büld
Dramaturgie: Reinar Ortmann
Mit: Andreas Spaniol (Othello), Joachim Berger (Doge), Laura Maria Hänsel (Desdemona), Michael Meichßner (Jago), Moritz von Treuenfels (Cassio) und Jan Hallmann (Rodrigo) sowie Andreas Peschel (am Klavier)
Premiere am Rheinischen Landestheater Neuss: 3. März 2018
Potsdamer Premiere: 27. Oktober 2018
Weitere Termine: 02., 03., 14.11. / 02., 27.12.2018
Eine Übernahme vom Rheinischen Landestheater Neuss


Weitere Infos siehe auch: http://www.hansottotheater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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