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Premierenkritik

Heimkehr in

die Fremde



Draußen vor der Tür am Schauspiel Köln | Foto © Ana Lukenda

Bewertung:    



Es gib keinen Ort, nirgends. Der desillusionierte, vom Krieg gezeichnete Heimkehrer findet in seinem Heimatort vor allem eines – die Einsamkeit. Nirgends wird er sehnsüchtig erwartet oder willkommen geheißen. Seine Eltern sind nicht mehr. Seine Freundin hat bereits einen neuen Lebenspartner. Auch die Elbe – der Fluss, in dem er sich ertränken möchte – spuckt ihn wieder aus. Draußen vor der Tür, das einzige Drama des mit 26 Jahren verstorbenen Wolfgang Borchert ist geprägt durch Perspektivlosigkeit, Kälte und Ohnmacht. „Ich bin gestern heimgekommen“ heißt es in dem Stück; doch selbst die Heimat ist abweisend und fremd geworden. Es bleibt die Sehnsucht nach dem Jenseits. Tatsächlich verstarb der Schriftsteller Borchert, der selbst von 1941 bis 1945 als Frontsoldat im Zweiten Weltkrieg diente, am 20. November 1947 an den Folgen einer Lebererkrankung, einen Tag vor der Uraufführung seines Dramas.

Trotz der vielen Todesopfer des Zweiten Weltkriegs ist in unserer heutigen Zeit für viele das Schicksal zutiefst erschütterter, verzweifelter, todessehnsüchtiger Kriegsheimkehrer kaum mehr nachvollziehbar. Es fällt schwer, sich in unserer gegenwärtigen Gesellschaft in die Situation systematisch zerstörter junger Menschen durch die Erfahrung des Krieges und menschenverachtender Ideologien hineinzuversetzen.

*

Die junge Regisseurin Charlotte Sprenger wagt in ihrer Neuinszenierung des Stückes am Schauspiel Köln nunmehr einen erfrischend unverbrauchten Blick auf das Drama. Auf der Bühne stehen keine zerstörten Bauten oder Ruinen; mögliche Heimstätten sind nur noch improvisiert in Zelten oder unter Plastikfolien (Bühnenbild: Aleksandra Pavlović und Matthias Singer) verfügbar. Die Bühne wird im Stückverlauf von Frauen aus vier unterschiedlichen Generationen bevölkert. Eingangs werden keck und provokant die Brüste der gleich drei Göttinnen der Elbe (Laura Friedmann, Margot Gödrös, Sabine Orléans) durch Blumenstickmuster hervorgehoben. Stolz gewähren sie keine Zuflucht. Die fortwährende Überforderung der Hauptfigur Beckmann (Elias Reichert) wird dadurch bildhaft gemacht, dass er oft schutzsuchend unter eine Decke, später eine Plastikplane oder neue Kleidung schlüpft. Er glaubt sich von allen guten Geistern verlassen und sucht die endgültige Ruhe. Zugleich wird er stets mit weiteren vermeintlichen Ansprüchen und Ratschlägen an ihn konfrontiert. Diese plötzlichen Einwürfe kommen von den namenlos bleibenden, unergründlichen weiblichen Figuren, die sich als Jasager, der Andere oder das Gegenüber ausgeben.

Elias Reichert mimt einen reichlich unbedarften und überforderten Beckmann. Er stolpert über die Bühne und lässt sich stets weitertreiben. Über seine Brille und seine Frisur wird gespottet und gelacht. Er wird, auch noch am Boden liegend, getreten, geschlagen und muss sich regelmäßig seiner Haut erwehren. Er möchte die Verantwortung für Kriegsverbrechen abgeben und sich müde am Busen eines Oberst (Sabine Orléans) ausruhen, um dann doch seine Befehle im Sinne soldatischen Drills befolgen zu müssen. Wut weicht regelmäßig einer abgrundtiefen Resignation, auch als später ein junges Mädchen (Ida Fayl spielt diese Figur im Wechsel mit Ruth Grubenbecher) das gespielte Geschehen durchbricht und mit voller Wucht die eigentliche Performance kritisiert. Sie vermisse den Esprit, das Timbre, denn Wahrheit sei eben keine Kunst, erklärt sie betont abgehoben in einem längeren, sehr gekonnten (!) Monolog. Neunmalklug meint sie gegenüber dem versammelten Ensemble, es sei ja ein guter Einstieg, man solle es in zwei Jahren noch einmal versuchen.

Doch was ist, wenn man keine Kraft mehr hat? Der Beckmann-Darsteller erkundigt sich bei den Zuschauern im Publikum, wie spät es sei. Als zuerst niemand antwortet, fragt er, ob man ihn bereits nach etwa anderthalbstündiger Vorführungszeit vergessen habe. Erregt geht er durch die Zuschauerreihen und hält immer wieder inne, um einzelne Besucher die Frage zu stellen: „Wofür noch leben?“ „Was bringt es mir?“ „Für wen?“ An der stark eingekürzten Kölner Adaptation wechseln sich real anmutende Konfrontationen mit traumhaften Elementen ab. Etwas diffus wird es, wenn die drei erwachsenen Frauen erst Beckmanns Selbstmitleid aufs Komischste belachen, um dann nach und nach Anteile seiner Persönlichkeit zu übernehmen und auch leise eine Anklage und Mahnung mit Blick auf das Hier und Heute zu formulieren.




Draußen vor der Tür am Schauspiel Köln | Foto © Ana Lukenda

Ansgar Skoda - 27. Oktober 2018
ID 10998
DRAUSSEN VOR DER TÜR (Außenspielstätte am Offenbachplatz, 26.10.2018)
Regie: Charlotte Sprenger
Bühne und Licht: Matthias Singer
Bühne und Kostüme: Aleksandra Pavlović
Musik: Julian Stetter
Dramaturgie: Sarah Lorenz
Mit: Laura Friedmann, Margot Gödrös, Sabine Orléans, Elias Reichert und Ida Fayl / Ruth Grubenbecher
Premiere war am 26. Oktober 2018.
Weitere Termine: 27., 30.10. / 02., 10., 22., 29.11. / 05., 08., 26., 28.12.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel.koeln


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