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Premierenkritik

"Wir sind

das Volk."


WILHELM TELL im
Passionstheater Oberammergau


Bildquelle: passionstheater.de

Bewertung:    



„Ihr habt´s ja no gar nix g´seng“ ruft Christian Stückl, als schon nach seinen ersten Worten auf der Bühne des Passionstheaters Oberammergau geklatscht wird, was das Zeug hält. Wieder einmal kündigt er mit gewohnter Präsenz, erfrischendem Schwung und in familiärem Ton ein großes Spektakel an, die aktuelle Eigenproduktion des Theatervereins Oberammergau. Diesmal sei es „kein einfaches Stück“: Wilhelm Tell von Schiller. „Da braucht ihr eine Weile, bis ihr reinkommt´s“ meint der Intendant des Münchner Volkstheaters, der hier groß geworden ist. Und fragt augenzwinkernd: „Habt´s eure Reclam-Heftln g´lesen?“

Haben wir. Und recht hat Stückl. Der Anfang zieht sich. Aber das liegt nicht an den Laiendarstellern, schuld ist kein geringerer als Schiller selbst. Schließlich ist die Exposition kompliziert, und man muss wenigstens ungefähr verstehen, worum es den Einwohnern von Schwyz, Uri und Unterwalden geht, warum sie sich gegen Habsburg zusammentun, aber dem Kaiser treu bleiben wollen und was ihnen Freiheit überhaupt bedeutet.

Und dann – der sagenhafte Apfelschuss. Man kennt die Geschichte, man weiß, was passiert. Und doch Spannung total beim bloßen Zuschauen. Drei mal lässt Tell, gespielt von dem 22jährigen Oberammergauer Rochus Rückel (der im wirklichen Leben Raumfahrt-Technik studiert), die legendäre Armbrust sinken, weil er es nicht übers Herz bringt, auf seinen Buben anzulegen. Dann erst – während der Landvogt Gessler beiseite zum Diskutieren gezwungen wird – der Schuss. Es ist wie beim Zauberkünstler. Der Trick heißt Ablenkung und ist bekannt. Aber funktioniert trotzdem: Gänsehaut.

Überhaupt Reichsvogt Gessler! In schwarzem Leder, bleich und blond, eine Figur zwischen Klaus Kinski, Jack Nicholson und Donald Trump, mit diabolischer Raffinesse gespielt von Andreas Richter. Sein Herausforderer Tell dagegen: ein sensibler Held, ein vorsichtiger Mann, kein Draufhau. Nicht umsonst lässt ihn Stückl gleich zwei Mal den Schiller-Satz sagen: „Ein jeder lebe still bei sich daheim, Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden.“ Dieser Tell ist ein zunächst apolitischer Mann, der den Mut der Verzweiflung fasst, einer, der sich selbst hilft, aber gerade dadurch den politischen Erfolg der Eidgenossen möglich macht. Er verzeiht als „Mensch“ dem Mörder des Kaisers, der bei ihm Schutz sucht. Dieser hat, im Gegensatz zu Tell, der sich in einer existentiellen Zwangslage sah, aus „unehrenhaften“, eigensüchtigen Motiven gehandelt - Schillers zeitlose Diskussion des Tyrannenmordes. Im Freiheitsfreudentaumel am Ende steht Stückls Held Tell abseits, nachdenklich, melancholisch - schließlich hat die das monströse Verhalten des Landvogts auch in ihm das Dunkelste hervorgekehrt, ihn zum „Verbrecher“ gemacht. In die Mitte der Seinen muss er erst geführt werden. Großer Schlussapplaus.

Das Bühnenbild hat Stefan Hageneier, Stückls bewährter Mitstreiter, düster gestaltet. Zerbombte, verbrannte Ruinen stellen den Bezug zur Gegenwart her – unverändert während des ganzen Stückes. Man denkt an Syrien, die schwarzen militaristischen Kostüme der Habsburger stehen zeitlos für Macht und ihren Missbrauch. Die Eidgenossen: in Tarngrün gewandet wie Guerillas.

Die schlichte, moderne Inszenierung bleibt nah bei Schiller, stellt lediglich Bezüge zur deutschen Geschichte her, etwa wenn die Revolutionäre rufen: „Wir sind das Volk.“ Man setzt auf Text und geht mit Effekten wohltuend sparsam um. Ein bisschen Feuer, ein bisschen Nebel, ein wenig hintergründige Beleuchtung (Günther E. Weiß). Kein Video. Über dem Passionstheater nur der offene Sternenhimmel. Auch die eigens komponierte Musik (Markus Zwink) akzentuiert das Geschehen zurückhaltend. Gleichwohl eine Bewährungsprobe für das komplette Orchester und einen 50-köpfigen Chor. Auch auf der Bühne 80 Akteure, als Bauern und Soldatenvolk.

*

Christian Stückl hat den Oberammergauern wieder mal eine grandiose Talentprobe und gleichzeitig eine unterhaltsame Casting-Show beschert. Denn in diesem Jahr geht’s für die Oberammergauer um die Wurst. Im Oktober wird nämlich die Besetzung der nächsten Passionsspiele 2020 bekannt gegeben, die regelmäßig Hunderttausende von Touristen anziehen. Gesucht wird nun also der nächste Jesus, die nächste Maria, der nächste Judas. All diese Darsteller müssen aus Oberammergau kommen, das einst von der Pest erlöst wurde und dafür alle 10 Jahre aus Dankbarkeit den Leidensweg Christi nachspielt. Wer sich in diesem Jahr bei Schiller bewährt, hat gute Chancen.

Sehen Sie selbst und raten Sie mit!



Wilhelm Tell im Passionstheater Oberammergau | Foto (C) Arno Declair

Petra Herrmann - 7. Juli 2018
ID 10793
WILHELM TELL (Passionstheater Oberammergau, 06.07.2018)
Regie: Christian Stückl
Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier
Musik: Markus Zwink
Licht: Günther E. Weiß
Mit: Peter Stückl, Martin Güntner, Anton Preisinger, Rochus Rückel (als Wilhelm Tell), Sophie Schuster, Johannes Maderspacher, Walter Rutz, Kilian Clauss, Tobias Simon, Frederik Mayet, Regina Raggl, Matthias Müller, Thomas Müller, Cengiz Görür, Sebastian Dörfler, Andreas Richter, Eva Reiser, Dima Schneider, Florian Maderspacher und Abdullah Karaca
Chor und Orchester
Premiere war am 6. Juli 2018.
Weitere Termine: 7., 20., 21.07. / 03., 04., 10., 11.08.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.passionstheater.de


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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