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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Hektische

Betriebsamkeit


JEFF KOONS von Reinald Goetz in der Schaubühne am Lehniner Platz


Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Berlin ist immer noch eine angesagte Kunststadt mit sehr vielen Galerien. Und auch wenn der Hype der Nachwendezeit rückläufig ist, der Ruf, eine kreative Stadt und guter Standort für Künstler zu sein, hallt immer noch nach und schlägt sich nieder in Kinofilmen aber auch auf der Theaterbühne. Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Einen Tag vor der Eröffnung der 10. Berlin Biennale, bringt die Schaubühne das Kunstbetriebssatire Jeff Koons von Rainald Goetz zur Premiere. 1998 auf der Spitze des Club- und Kunstbooms geschrieben, hat es heute sicher etwas von seinem provokanten Potential eingebüßt. Dass Kunst neben dem Künstler auch immer noch viel mit Party, elitärem Kunstbetrieb und begleitender Kunstschickeria zu tun hat, kann man aber bei den Eröffnungen zahlreicher Events wie Gallery-Weekend, Berlin Art Week oder, wie eben erwähnt, auf der Berlin-Biennale sehen.

All das kommt in Jeff Koons vor, wenn auch nicht der US-amerikanische Mega-Künstler der 1980er Jahre selbst. Jeff Koons dient nur als lebendes Beispiel, als Hallraum, wie es Autor Goetz 1999 kurz vor der Premiere im Deutschen Schauspielhaus Hamburg in einem Spiegelinterview sagte. Ein Medienkünstler, der sich und seine einstige Frau, Pornostarlett und italienische Politikerin Ilona Staller (genannt Cicciolina) in seiner Kunst vermarktete. In einer Serie von Filmen, Fotos und Objekten mit dem Titel Made In Heaven machte Koons aus beider Intimbereich Kunst. Das Leben wird Kunst, die Kunst zum Lifestyle. Das hat sich Koons auch teuer bezahlen lassen, was ihm den Ruf eines Kitsch- und Kommerz-Künstlers eintrug. Die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Liebes- und Kunstparadies war die Folge. Trotzdem gilt Jeff Koons immer noch als teuerster Künstler der Welt.

Staller, Koons und seine Kunst flimmern auch bereits zu Beginn über zwei mobile Videowände auf der Bühne. Das schauspielende Stückpersonal wuselt durch das Studio der Schaubühne, ist als Schattenriss hinter den Wänden zu sehen und malt naive Blumenbilder, was ebenfalls auf die Leinwände übertragen wird. Koons ist auch großer Meister der Popart, seine riesigen Ballone-Dogs aus Bronze oder die vergoldete Skulptur von Michael Jackson und seinem Affen Bubbels sind gut bekannt. Hier sehen wir auch noch die Comic-Figur Popeye über die Bühne schleichen. Es dröhnt Everybody Knows von Leonard Cohen aus den Boxen eines verspiegelten Mischpults hinter dessen Turntables Romain Frequency steht und den DJ des Abends gibt, während Kai Bartholomeus Schulze als verschrobener Künstler mit Langhaarmähne etwas zu seiner „Ichichkeit“ in ein Tonband spricht. Ich, der Künstler, als sendungsbewusster Messias seiner selbst.

Regisseurin Lilja Rupprecht, die nach einigen kleineren Regiearbeiten am Deutschen Theater zum ersten Mal an der Berliner Schaubühne inszeniert, lässt Rainald Goetz‘ handlungs- und rollenloses Stück von Damir Avdic, Iris Becher, Kay Bartholomäus Schulze und Lukas Turtur mehr performen als spielen. Nach Patrick Wengenrots Body-Painting-Aktionen bei Love Hurts in Tinder Times im letzten Jahr hier im Studio schmiert diesmal KB Schulze Farbe und Sprühsahne auf die Papierleinwand. Tinder gab es in den 1990ern noch nicht, da wurde noch echt im Techno-Klub gebaggert. Das übernehmen hier Iris Becher und Lukas Turtur als Adam und Eva des Stücks, in dem es heißt: „sie poppen/ sie ficken/ sie tun es/ sie machens...“. Ein „viel zu wenig viel zu viel“ im wahnhaften Rausch zwischen der Sehnsucht nach Harmonie und einem „Nie der Harmonie“.

Bei Goetz ist das mal rhythmische Poesie in der dritten Person, mal Dialog, mal Monolog, mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt. Das Stück beginnt mit dem 3. Akt, springt dann zurück zum 1., wieder vor und kommt schließlich beim 7. Akt an. Zwischen Musikklub, Atelier, das hier ein U aus begrenzenden Papierwänden ist, auf die sich wunderbar Videoprojektionen werfen lassen, und Vernissage in der Galerie, zu der auch Leute aus dem Publikum eingeladen werden und Sekt trinken dürfen, springt auch die Inszenierung hin und her, wobei das auch im Stück nie so richtig klar verortet ist. Auch die Gebückten vom Görlitzer Bahnhof kommen hier zu Wort. Schnelle Kostümwechsel und Soundbreaks bestimmen den Abend. Aber auch leise Töne in Monologen über der Angst vor Kritik, Ablehnung und die leere Wand. Den politischen Kunstbetriebskommentar liefert hier Damir Avdic als Galerist, der unter vorgehaltener Pistole schnell in Folie eingewickelt wird. Am Ende Stille nach der Vernisage, eine „Sehnsucht nach nichtnein“ und der bange Herzschlag „bad dum, ba dum“.

Die Bandbreite an Stilen und Stimmungen in Goetz‘ meanderndem Stücktext übersetzt Lilja Rupprecht in hektische Betriebsamkeit, in der die wenigen, melancholischen Ruhepunkte kaum Wirkung erzielen. Der Inszenierung geht bald die Puste aus. So richtig Neues ist der Regisseurin dann auch nicht eingefallen. Optisch macht das schon was her, wenn die vier in Fatsuits mit bandagierten Köpfen und großen Suhrkamp-Textbüchern auftreten oder in Abendgarderobe ein Tänzchen machen. Vieles wirkt da aber doch auch etwas abgegriffen. Die Parodie der Parodie nervt irgendwann mehr als das sie gewinnbringend und genussvoll Lebenslust und -frust des Künstlerdaseins auskosten würde.



Jeff Koons von Reinald Goetz in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 9. Juni 2018
ID 10745
JEFF KOONS (Studio, 07.06.2018)
Regie: Lilja Rupprecht
Bühne und Kostüme: Annelies Vanlaere
Video: Moritz Grewenig
Musik: Romain Frequency
Dramaturgie: Maja Zade.
Mit: Damir Avdic, Iris Becher, Kay Bartholomäus Schulze, Lukas Turtur und Romain Frequency (Musik)
Uraufführung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg: 19. Dezember 1999
Premiere in der Schaubühne am Lehniner Platz: 7. Juni 2018
Weitere Termine: 09., 29., 30.06. / 01., 02., 03.07.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


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