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Premierenkritik

Geächtet

Ayad Akhtars preisgekröntes Konversations-Stück in einer eindrucksvollen Inszenierung von Nicolai Sykosch am Staatsschauspiel Dresden

Bewertung:    



Geächtet (Disgraced) - Ayad Akhtars 2012 in Chicago uraufgeführtes und 2013 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnetes Konversations-Stück - ist bei seinem Siegeszug durch Deutschlands Theater nun auch im Staatsschauspiel Dresden angekommen. Von Theater Heute 2016 zum „ausländischen Stück des Jahres“ gekürt, birgt Geächtet immer noch genug aktuelles Potential. Der Plot um den bestens integrierten New Yorker Wirtschaftsanwalt Amir Kapoor, der dafür allerdings auch seinen pakistanischen Migrationshintergrund bei der Einstellung in eine jüdisch geführte Anwaltskanzlei verschwiegen hat, stellt in einer aus dem Ruder laufenden Dinnerparty geschickt die Toleranzfähigkeit der liberalen, gut gebildeten US-amerikanischen Oberschicht auf die Probe. Der Gott des Gemetzels lässt grüßen, auch wenn sich die Gemüter hier nicht über eine Prügelei unter Kindern erhitzen, sondern bei einer Diskussion über Religion, Terrorismus und die Anschläge auf das World-Trade-Center 2011.

Diese Eskalation bereitet Autor Akhtar mit einem kleinen Prolog und einer Rahmenhandlung vor. Anwalt Kapoor, der den Islam, die Religion seiner Eltern abgelegt und seinen Namen geändert hat, hält seine Frau, die aufstrebende Malerin Emely, für naiv, als sie in ihrem neuen Werk Anleihen bei der Kunst des Islams nimmt, um verschüttet Wurzeln freizulegen und Parallelen zur abendländischer Kunst aufzuzeigen. Zu Beginn des Stücks malt sie Amir nach dem Gemälde Porträt des Juan de Pareja des spanischen Malers Velasquez in der Pose des stolzen schwarzen Sklaven, der es aus eigener Kraft geschafft hat. Ein Verweis, der später komplett ins Gegenteil umschlägt, wenn Amir seine Karriere, Ehe und Würde in der Hitze des Diskurses selbst zerlegt. Als karrierebewusster Anwalt ist er zunächst darauf bedacht, nicht mit dem Islam in Verbindung gebracht zu werden, und unterstützt einen wegen des Sammelns von Spenden unter Terrorismusverdacht geraten Imam nur auf Bitten seiner Frau, was er vorher seinem Neffen Abe noch verweigert hatte. Sein Kommentar zum Fall wird von der Presse einseitig wiedergegeben, so dass Amir schließlich Probleme mit den Partnern seiner Kanzlei bekommt, obwohl er selbst zuvor noch hoffte dort als Teilhaber einzusteigen.

In diese angespannte Stimmung platzt das zur Party geladene Pärchen Jory, Amirs schwarze Anwaltskollegin, und Isaac, Kurator am Whitney Museum, der alsbald verkündet, dass er einige von Emelys Bildern in seine neue Ausstellung aufnehmen will. Nach ein paar Hors d‘oeuvre und mehreren Gläsern Scotch gerät man allerdings schnell über die Auslegung des Islam und Stellen im Koran in Streit und die Männer gehen befeuert vom Alkohol schnell zum zunächst noch verbalen Angriff über. Das Ganze eskaliert völlig, als Amir von Jory erfährt, dass sie und nicht er Sozius der Kanzlei wird und Emely und Isaac bei einem gemeinsamen London-Besuch eine Affäre hatten.

Das ist bester, gehobener US-Boulevard, der aber trotz Patriot Act und einigen Kunstinsider-Jokes durchaus auch in Deutschland anschlussfähig ist. Besonders das Dresdner Bildungsbürgertum ist hier gehalten, sich in Zeiten von Pegida selbst zu befragen und entsprechend zu positionieren. Regisseur Nicolai Sykosch lässt das Stück auf karger Bühne (Stephan Prattes) spielen. Sie zeigt lediglich das New Yorker Upper-Eastside-Apartment der Kapoors mit kahlen Sichtbetonwänden, Tisch und einer Schaumstoffsitzgruppe. Die beiden Paare sind mit den langjährigen Ensemblemitgliedern Ahmad Mesgarha und Christine Hoppe als Amir und Emely sowie Gast Sabrina Ceesay und Raiko Küster als Jory und Isaac bestens besetzt. Amirs Neffe Abe wird von Yassin Trabelsi gespielt. Darstellerisch gibt es da kaum etwas auszusetzen. Stück-Dramaturgie und Timing stimmen, die Spitzen und Pointen sitzen wie die persönlichen Tiefschläge, die sich die Kombattanten gegenseitig zufügen. Besonders Ahmad Mesgarha kann den Wandel Amirs vom selbstbewussten Erfolgsanwalt zum sich zornig um Kopf und Kragen redenden Choleriker nachvollziehbar gestalten. In die Ecke gedrängt, manövriert er sich selbst immer weiter ins Abseits. Christiane Hoppe hat da ein paar große einfühlsame Szenen. Die anderen Rollen sind etwas zu sehr auf Typ Karrierefrau und selbstgerechter Kunstmanager getrimmt.

Was hier natürlich unterschwellig immer mitschwingt, ist die Vergeblichkeit, die bürgerliche Fassade und Maske der Toleranz zu wahren, hinter der es mächtig brodelt und sich alte Ressentiments Bahn brechen. Am Beispiel Amirs vollzieht sich auch die Stigmatisierung des Außenseiters durch die westliche Mehrheitsgesellschaft in Form von Misstrauen, racial profiling und Betonung vermeintlicher Mentalitätsunterschiede. Einerseits führt das beim Neffen Abe zu einer sonst sicher vermeidbaren Forcierung einer religiösen Radikalisierung und im Fall von Amir zur vollkommenen Auflösung seiner Existenz und Ausstoß aus der Gesellschaft, was das Stück durch die Sichtbarmachung von Ambivalenzen in der Gesellschaft verdeutlicht. Ein fragiler Schwebezustand, der immer wieder zu kippen droht. Sehr viel deutlicher muss die Inszenierung da nicht mehr werden.
Stefan Bock - 8. Oktober 2018
ID 10964
GEÄCHTET (Schauspielhaus, 06.10.2018)
Regie: Nicolai Sykosch
Bühne / Kostüme: Stephan Prattes
Kostüme: Irène Favre de Lucascaz
Licht: Jürgen Borsdorf
Dramaturgie: Jörg Bochow und Katrin Schmitz
Besetzung:
Amir ... Ahmad Mesgarha
Emily ... Christine Hoppe
Abe ... Yassin Trabelsi
Isaac ... Raiko Küster
Jory ... Sabrina Ceesay
Premiere am Staatsschauspiel Dresden: 6. Oktober 2018
Weitere Termine: 12., 15.10. / 02., 11.11.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/


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