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Premierenkritik

Werktreu,

fein, aber

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Sophie von Kessel und Michele Cuciuffo in Tschechows Die Möwe am Bayerischen Staatsschauspiel | Foto (C) Federico Pedrotti

Bewertung:    



Die stumme Anfangs-Szene auf der fast leeren Bühne ist einfach wunderbar. Man befindet sich auf einem Landgut in der russischen Provinz, wo die Zeit stillzustehen scheint. Der Lehrer Semjon Semjonowitsch Medwedenko, unterbezahlt, verkrümmt und verklemmt, ist in Mascha verliebt und wartet mit ihr zusammen auf den Beginn der häuslichen Theateraufführung. Sie nimmt auf einem Stuhl Platz, er setzt sich neben sie. Sie rückt einige Stühle weiter, er hinterher. So geht das ein paar Mal, bis Mascha aufgibt, ihm etwas Schnupftabak anbietet und der Lehrer den ersten Satz sagt: „Warum tragen Sie eigentlich immer schwarz?" - "Ich trauere um mein Leben“, antwortet sie.

Das tun dann fast alle Figuren mehr oder weniger ausgiebig in Tschechows meistgespieltem Drama [Die Möwe], das er als Komödie verstanden wissen wollte: „...drei Frauenrollen, sechs Männerrollen, vier Akte, eine Landschaft (Blick auf einen See); viele Gespräche über die Literatur, wenig Handlung, ein Pud Liebe“

Wobei die Liebe immer auf den Falschen trifft. Der Lehrer liebt Mascha, Mascha aber liebt Konstantin, den Sohn der berühmten Schauspielerin Irina, die mit ihrem Geliebten, dem Dichter Trigorin, den Sommer auf dem Land verbringt. Konstantin liebt Nina, Nina aber liebt Trigorin. Mascha wird am Ende den Lehrer heiraten und unglücklich machen, nur um ihre Liebe zu vergessen. Trigorin wird Nina erst mitnehmen und dann wieder verlassen, Irina ihren Sohn weiter ignorieren. Der Arzt vergnügt sich derweil mit der Frau des Verwalters, statt seinen Job zu machen und Irinas Bruder zu kurieren („Sie sind 60, was soll ich da behandeln“), einen alten Junggesellen, der über sein vergeudetes Leben klagt.

Die Liebe passt nicht, und das Leben, das alle führen, ist sowieso falsch. Statt es zu ändern, langweilt man sich. Und redet miteinander, weil es sonst nichts zu tun gibt. Das macht niemanden glücklich. Und es kommt auch nichts dabei heraus, nicht einmal ein neuer Weg für die Kunst. Irina tut schließlich alles, um die dichterischen Versuche ihres Sohnes zu sabotieren. Seine Theateraufführung – das Ereignis der Eingangsszene - wird er nicht zu Ende bringen. Nicht einmal, als Konstantin später tatsächlich Erfolg hat, liest Irina seine Erzählungen. Sie schwärmt nur für den arrivierten Trigorin. Der wiederum mag seine Bücher selbst nicht, ein Getriebener, der von dem Gefühl gepeinigt wird, ein künstlerischer Hochstapler und nur Mittelmaß zu sein.

*

Tschechows kunstvolle Dialoge sezieren die Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts wie unter einem Mikroskop. Das braucht Ruhe und Zeit. Regisseur Alvis Hermanis nimmt sie sich und lässt das Stück in historisierenden Kostümen und Möbeln spielen: pur, ohne Effekte, konzentriert aufs Wort. Doch gerade in den „trockenen“ Dialogen kommt die Inszenierung nicht recht in Schwung, findet keinen Rhythmus - trotz exzellenter SchauspielerInnen. Schade nach dem komödiantisch gelungenen, „leichten“ Anfang ganz im Sinne Tschechows.

Dagegen überzeugt der undramatische und unsentimentale Schluss. Der Tod tritt lakonisch ein, fast nebenbei. Wie bei der symbolischen weißen Möwe vom See. Konstantin hat sie im Flug vom Himmel geholt, einfach so, aus seiner schlechten Laune heraus. Nachdem er ein zweites Mal von Nina enttäuscht wird, verräumt er Irinas Bruder, der eben lautlos verstorben ist, ordentlich ins Bett. Dann erst schießt er sich eine Kugel durch den Kopf - in schalldämpfender Entfernung, als ob er nicht stören wollte... Irina und die anderen spielen weiter Würfel. Noch eine ganze Weile lang, bevor das Licht schließlich abblendet.

Freundlicher Beifall und ein Extra-Applaus für Tim Werths, den Lehrer, der als Mensch so tragikomisch verunglücken darf. Hätte Hermanis nur mehr davon erlaubt.




Thomas Huber und Katharina Pichler in Die Möwe am Bayerischen Staatsschauspiel | Foto (C) Federico Pedrotti

Petra Herrmann - 20. Januar 2019
ID 11158
DIE MÖWE (Cuvilliéstheater, 19.01.2019)
Regie + Bühne: Alvis Hermanis
Bühne: Thilo Ullrich
Kostüme: Kristīne Jurjāne
Licht: Markus Schadel
Dramaturgie: Götz Leineweber
Mit: Sophie von Kessel (Irina), Marcel Heuperman (Konstantin), René Dumont (Pjotr), Mathilde Bundschuh (Nina), Wolfram Rupperti (Ilja), Katharina Pichler (Polina), Anna Graenzer (Mascha), Michele Cuciuffo (Boris), Thomas Huber (Jewgenij) und Toim Werths (Semjon)
Premiere am Bayerischen Staatsschauspiel: 19. Januar 2019
Weitere Termine: 21., 30.01. / 05., 07., 13.02.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de


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