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Premierenkritik

Eine wilde Quest

durch nah und fern



Candide von Voltaire am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



In Bonn erstrahlt das Theater in neuem Licht. Jens Groß löste Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp ab, nannte die Bad Godesberger Kammerspiele kurzerhand in Schauspielhaus um und setzte auch das Interieur vor Ort neu in Szene; etwa mit Neupositionierung von Bar und Garderobe.

Die Spielzeit 2018/19 eröffnete denn auch eine gewagte Produktion vom neuen Hausregisseur und gebürtigen Bonner Simon Solberg. Der Roman Candide (deutsch: „Der Arglose“) ist eine scharfsinnige und seinerzeit heftig diskutierte Novelle des französischen Philosophen Voltaire aus dem Jahre 1776.

*

Auf der Bühne des Bonner Schauspielhauses stechen die fantasievollen Kostüme und die starke Wandelbarkeit des abschüssigen Bühnenbildes mit beweglichen Elementen ins Auge. Im Verlauf der etwa zweieinhalbstündigen Vorführung erscheint die dunkle und bewegliche Bühne mal monumental, dann wieder fragil und ist diversen Stufen der Zerstörung ausgesetzt. Die Satire um einen gutgläubigen Optimisten überprüft Gottfried Wilhelm Leibniz` Theodizee mit ihrer Lehre von „der besten aller möglichen Welten“. Die neuen und jungen Ensemblemitglieder erproben stetig neue Figurenkonstellationen.

Candide (Daniel Stock) ist der uneheliche Sohn der Schwester eines Barons. Er lebt mit dem Baron (ausdrucksstark: Christoph Gummert) in dessen Schloss in Westphalen. Von seinem Lehrer, dem Philosophen Bangloss (mit beeindruckend sonorer Stimme: Wilhelm Eilers), lernt der Jüngling einen unerschütterlichen Optimismus kennen, denn dieser behauptet, wir lebten in der „besten aller möglichen Welten“, und alle scheinbaren Missstände und Bedrängnisse ließen sich erklären und meist in ihr Gegenteil verkehren. Candide verinnerlichte den Optimismus seines Lehrers, doch dann spielt ihm das wirkliche Leben einen Streich, der ihn aus seinem Schloss vertreibt: Er verliebt sich in die Tochter des Barons, Kunigunde (Annika Schilling), und wird mit ihr zusammen vom Hausherren in einer verfänglichen Lage erwischt. Der Titelheld wird alsbald aus dem noblen Heim verstoßen. Candide muss sich nun selbst versorgen. Er wird in seiner Not von der Armee angeworben. Es beginnt eine Odyssee über mehrere Kontinente, welche den Helden durch Krieg, Naturkatastrophen, Gefangenschaft und Sklaverei führt und ihm schmerzlich vorführt, wie es real um die Welt und die Menschen steht. Candide trifft dabei mehrfach seinen Lehrer und Kunigunde wieder. In die Handlung werden Stationen realer historischer Ereignisse eingebettet, wie das verheerende Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 oder der Siebenjährige Krieg.

Franziska Harm stattet die Figuren einfallsreich mit sehenswerten Gewändern und Kostümen aus. So tragen dunkle, gesichtslose Späher der kirchlichen Inquisition knorrige, zweigähnliche Finger, mit denen sie sich geflissentlich lauernd vortasten. Plastikpuppen und Aktenrücken bevölkern die Körper anderer zwielichtiger Figuren, denen Candide begegnet. Auch das Bühnenbild schafft bleibende Eindrücke, so wird etwa eine Höhlensiedlung bei den Inkas höchst impressiv in Szene gesetzt.

Choreografische Elemente und musicalartige Gesangseinlagen samt Live-Band im Hintergrund bereichern als kleine Highlights das Geschehen. So kontrastiert in einer längeren Szene Annina Eulings Figur den schönen Schein, während sie inmitten der Bühne von einer Bühnenschaukel schwingt, wenn ihre lieblich gesungenen Verse eigentlich von Krieg, Vergewaltigung, Flucht, Versehrtheit und Trauma handeln. Ein weiteres Highlight ist es, wenn Candide in ein Haus der käuflichen Liebe vordringt und sich hier an allen Ecken und Enden die Figuren lustvoll an Leuchtstangen verrenken. Auch das Elend des Militärs, herrschsüchtige Religion und der sich fortwährend weiterentfaltende Handel mit Gütern werden ebenfalls in einem Reigen komischer Szenen vorgeführt.

Die Erzähler des Geschehens wechseln. Vorgetragene Inhalte werden szenisch nicht unbedingt nachgespielt, obwohl die von den Inhalten betroffenen Figuren auf der Bühne anwesend sind. Hier scheint die Fantasie des Publikums herausgefordert. Gleich zu Anfang wird das Spiel auch als Vorführung bloßgestellt, wenn Eulings Figur den auf der Bühne liegenden Timo Kählert anstößt, um ihn daran zu erinnern, das erzählte Geschehen weiter vorzutragen. Die Aussprache verschiedener Figuren wird künstlich verzerrt und erscheint dröhnend verstärkt. Gegen Ende fallen die Lautsprecher jedoch scheinbar aus, und der vorgetragene Text wird insbesondere für die hinteren Reihen akustisch schwer verständlich (eine technische Störung?).

Leider ermüdet es etwas, das Candides Quest immer nach dem gleichen Muster verläuft. Die Sehnsucht nach Kunigunde erscheint wie eine fixe Idee. Die Figuren bleiben teilweise etwas entwicklungsarm und unmotiviert. Es bleibt ein bisschen unverständlich, warum Candides Weggefährte Cacambo, der sich bei den Inkas sehr wohl fühlt, sich trotzdem von Candide zu einer weiteren entbehrungsreichen und gefährlichen Reise überreden lässt. Immerhin läuft Daniel Stock als Candide bei einem hämischen Finale zu wahren Hochtouren auf, wenn er das Lachen des Publikums nachäfft und am Ende gemäß der Vorlage den Weg ins Handeln betont – „wir müssen unseren Garten bestellen“. Insgesamt gefällt die wilde Mischung aus steter Bewegung, starken Bildern, Körperlichkeit und ansprechender Musik, die das Flüchtlingsszenario um Candides Reise zu einem wahrhaft bemerkenswerten Bühnenerlebnis macht.



Candide von Voltaire am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 18. September 2018
ID 10924
CANDIDE (Schauspielhaus, 14.09.2018)
Inszenierung und Bühne: Simon Solberg
Kostüme und Bühnenmitarbeit: Franziska Harm
Licht: Sirko Lamprecht          
Dramaturgie: Nadja Groß
Besetzung:
Candide … Daniel Stock
Kunigunde … Annika Schilling
Pangloß, Großinquisitor, Statthalter, Greis, Senator … Wilhelm Eilers
Baron, Martin, Kaufmann, Späher … Christoph Gummert
Zofe, Paquette … Annina Euling
Cacambo, Jakob … Timo Kählert
Soldaten, Ureinwohner u.a. …  Alessandro Grossi, Fabian Lichottka, Gerrit Maybaum, David-Joshua Meißner
Live-Musik: Jann Marvin Beranek, Lukas Berg, Philip Breidenbach und Samuel Reissen
Premiere am Theater Bonn: 14. September 2018
Weitere Termine: 22., 30.09./ 05., 07., 10., 14., 20., 27.10./ 08.11.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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