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Jeder stirbt für sich allein / Die Leipziger Meuten

In seiner neuen Inszenierung am Schauspiel Leipzig verbindet Armin Petras den Roman von Hans Fallada mit dem Wirken oppositioneller Leipziger Jugendcliquen in der Nazizeit


Foto (C) Rolf Arnold

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Jeder stirbt sich für sich allein, der letzte Roman von Hans Fallada, den der drogenabhängige Schriftsteller 1946 innerhalb von nur vier Wochen während eines Entzugs in der Nervenheilanstalt der Berliner Charité geschrieben hatte, steht nicht zum ersten Mal auf der Bühne. Auch verfilmt wurde das Buch schon mehrfach. Es besteht also nach wie vor ein großes Interesse an dem 700-Seiten-Roman über den Widerstand eines einfachen Berliner Ehepaars gegen das Naziregime, den der Aufbau Verlag 2011 auch wieder in einer ungekürzten Fassung aufgelegt hat. Nun beschäftigte sich der Theaterregisseur Armin Petras für das Schauspiel Leipzig erneut mit dem Romanstoff, für den Fallada auf Anregung des Dichters Johannes R. Becher, damals Präsident des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, auf eine wahre Begebenheit aus der Zeit der Nazidiktatur aufgriff.

Das Besondere an der Leipziger Bühnenfassung, die Petras gemeinsam mit seiner neue Dramaturgin Clara Probst erarbeitet hat, ist die Verschränkung der Romanhandlung mit der Geschichte der sogenannten Leipziger Meuten, oppositionelle Jugendcliquen, die sich in Anlehnung an verbotene links-bündische Jugendorganisationen als alternative Gegenbewegung zur gleichgeschalteten Hitlerjugend gründeten und diese auch in kleineren Aktionen bekämpften.

So wie das Ablegen von Postkarten mit Sprüchen gegen Hitler und den von ihm verursachten Krieg vom Ehepaar Quangel im Roman nicht unbedingt als politische Tat gedacht war, sondern mehr aus dem Bedürfnis heraus entstand, nach dem Tod des eigenen Sohns an der Westfront moralisch etwas gegen die Nazis zu tun, so sind auch die Aktionen der Leipziger Meuten nicht vorrangig politisch zu werten. Der Leipziger Historiker und Autor Sascha Lange hat zur Geschichte der Leipziger Meuten geforscht und das Buch Die Leipziger Meuten - Jugendopposition gegen den Nationalsozialismus geschrieben. Beide Texte dienten Armin Petras als Vorlage für seine Inszenierung. Der Regisseur lässt aber nicht, wie sonst im Rahmen der Doppelbefragungen am Schauspiel Leipzig üblich, die Handlungen separat nacheinander ablaufen, sondern verschränkt die Stoffe spielerisch miteinander. Wobei hier dem Fallada-Roman schon klar der Vorrang vor den Leipziger Meuten gegeben wird.

*

Susanna Schuboth hat ein dreistöckiges Haus mit Treppenaufgang auf die Drehbühne gesetzt, an dessen Wände mit Livekamera aus dem Inneren übertragen werden kann. Unten gibt es eine Kneipe, in der Mitte wohnen die Quangels, oben die jüdische Frau Rosenthal (Bettina Schmidt), deren Mann abgeholt wurde und die immer wieder vom Blockwart Emil Barkhausen (Tilo Krügel) und dessen HJ-Sohn Baldur (hier ändert Petras etwas die Zusammensetzung des Romanpersonals) gegängelt wird. Auf der Rückseite des Hauses werden Bilder in Großaufnahme geworfen, aber auch andere Szenen wie die in der Holzfabrik, in der der Tischlermeister Otto Quangel (Wenzel Banneyer) arbeitet, gespielt. Hier lassen sich Banner mit Parolen abrollen und die Leipziger Meuten (Studierende der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig) jagen sich mit der HJ. Man stört sich gegenseitig beim Kleben von Plakaten, so wie heute Antifa und Neonazis. Die Ausstattung (Karoline Bierner) vermeidet Hakenkreuze und nimmt dafür ein verdrehtes #-Zeichen. Der vollautomatisierte Betrieb von Otto Quangel, in dem irgendwann Särge produziert und auch deutschnationale Durchhaltereden gehalten werden, wirkt wie aus dem Überwachungsthriller 1984.

Es menschelt nur immer wieder etwas in den intimen Szenen zwischen Otto und seiner Frau Anna (Julischka Eichel), wen sie etwa die Nachricht über den Tod des Sohnes erhalten, Mutter Quangel mit Schwiegertochter Trude (Alina-Katharin Heipe) und Frau Rosenthal klönt, oder der alte, an die Gerechtigkeit glaubende Kammergerichtsrat Fromm (Berndt Stübner) Frau Rosenthal zum Essen einlädt. Ansonsten gibt Petras dem Bühnenaffen viel Zucker. Lässt HJ-Jünger Baldur eine Quiz zu Zeitungsfotos und Kriegs-Propaganda machen, oder zitiert seinen Ketchupflaschengag aus der Inszenierung Kruso. Das ist nicht immer sinnstiftend, nimmt dem Plot etwas die Schwere, nicht aber den gebührenden Ernst, auch wenn immer wieder lauthals „Heil Hitler!“ gebrüllt wird, was heute aber wieder bei Jugendlichen nicht nur in sächsischen Kleinstädten nicht ganz unüblich ist.

Den zur totalen Kenntlichkeit karikierten SS- und SA-Bonzen (Andreas Keller, Michael Pempelforth) sowie ihren Mittläufer und Denunzianten stehen immer auch die beiden Aufrechten im Geiste und Mensch gebliebenen Figuren gegenüber. Wie etwa der einfach gestrickte Loser Enno Kluge (Markus Lerch), der mit viel Sinn für Klamotte einen herrlichen Klappbett-Slapstick mit der Zooladenbesitzerin Zooi (Bettina Schmidt) hinlegt. Später gerät er in die Fänge der Gestapo, die mit Felix Axel Preißler als Oberkommissar Escherich, Annett Sawallisch als Jungkommissarin Luisa von Ganten und Dirk Lange als Kriminalpolizeianwärter Lutz ein absurdes Dreigestirn der unglücklich ermittelnden, aber dennoch nicht ungefährlichen Trenchcoatträger bilden.

Armin Petras hat den Fallada-Stoff samt Personal stark eingekürzt, einige im Ensemble sind wechselnd in mehreren Rollen zu sehen. Eine insgesamt sehr überzeugende Ensembleleistung, bei der über die gut drei Stunden kaum Langeweile aufkommt. Den Bezug zu heutigen deutsch-nationalen Organisationen liefert am Ende nochmal der eingespielte Ton des Obergruppenführers Heitler (Andreas Keller), der mit völkischen Parolen der liberalen Gesellschaft mit ihrer Demokratie den Kampf ansagt. Das Wirken und weitere Schicksal der Leipziger Meuten, für die sich Armin Petras dann scheinbar doch nicht ganz so sehr interessiert hat, wird zwar auch noch kurz gestreift, kommt im stetigen Gewusel auf der Bühne aber vielleicht doch etwas zu kurz.



Jeder stirbt für sich allein / Die Leipziger Meuten am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Rolf Arnold

Stefan Bock - 31. Januar 2019
ID 11184
JEDER STIRBT FÜR SICH ALLEIN / DIE LEIPZIGER MEUTEN (Schauspiel Leipzig, 26.01.2018)
Regie: Armin Petras
Bühne: Susanne Schuboth
Kostüme: Karoline Bierner
Video: Rebecca Riedel und Katharina Merten
Live-Video: Judith Meister und Doreen Schuster
Musik: Sebastian Vogel und Thomas Kürstner
Choreographie: Denis Kuhnert
Dramaturgie: Clara Probst
Wissenschaftliche Beratung: Sascha Lange
Licht: Jörn Langkabel
Mit: Julischka Eichel, Wenzel Banneyer, Andreas Keller, Felix Axel Preißler, Annett Sawallisch, Dirk Lange, Bettina Schmidt, Berndt Stübner, Markus Lerch, Alina-Katharin Heipe, Tilo Krügel, Michael Pempelforth, Tobias Amoriello, Ron Helbig, Julian Kluge, Philipp Staschull, Friedrich Steinlein, Paul Trempnau, Nicole Widera und Nina Wolf
Premiere war am 18. Januar 2019.
Weitere Termine: 08., 27.02. / 06., 24.03. / 12.04. / 09.05. / 16.06.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-leipzig.de


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