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Freie Szene

Erschlagt die Armen!

am Wiener WERK X


Foto (C) Alexander Gotter

Bewertung:    



Erschlagt die Armen! heißt ein Prosagedicht von Charles Baudelaire, in dem der Erzähler einen Bettler verprügelt, bis dieser schließlich zornig zurückschlägt. Ein provokanter Akt, bei dem der Bettler dazu gebracht werden soll, seine Selbstachtung wiederzuerlangen oder „um ihn auf Augenhöhe zu zwingen“, wie es die in Kalkutta (Westbengalen) geborene indisch-französische Schriftstellerin Shumona Sinha in einem Interview zu ihrem 2011 in Frankreich erschienen gleichnamigen Roman erklärt. „Das ist vielleicht eine provokante Handlung, aber gleichzeitig habe ich das als Appell an die Flüchtlinge aus Bangladesch gesehen: Legt euch nicht zu Füssen der Weissen, sondern steht auf.“ Der Roman beschreibt den inneren Monolog einer aus Bengalen stammenden jungen Frau, die nach ihrer Migration nach Frankreich als Dolmetscherin in einem Büro der von ihr als „Lügenfabrik“ bezeichneten Asylbehörde (OFPRA) arbeitet. Jeden Tag hört sie „die Märchen der menschlichen Zugvögel“, die nicht nur wegen politischer Verfolgung ihr Land verlassen haben, sondern aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen einem korrupten, mafiösen System zu entfliehen versuchen. Aber: „Menschenrechte enthalten nicht das Recht, dem Elend zu entkommen.“

Die Protagonistin des Romans hat in der Metro einen sie bedrängenden Migranten mit einer Weinflasche niedergeschlagen. In der Untersuchungshaft reflektiert sie ihre Arbeit und das französische Asylsystem und geht dabei recht kritisch mit sich, den Asylsuchenden und der Bürokratie der Ämter ins Gericht. Shumona Sinha arbeitete selbst als Dolmetscherin für die OFPRA und hat ihre eigenen Erfahrungen in den Roman einfließen lassen. Nach dem Erscheinen des Buchs in Frankreich verlor sie ihre Anstellung. Mittlerweile sind ihre die Migration nach Europa behandelnden Bücher auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle auch in deutscher Übersetzung erschienen. Wohl ein Grund dafür, dass Erschlagt die Armen! bereits in Hamburg und München für das Theater adaptiert wurde.

*

Nun erfolgte Anfang Dezember die österreichische Erstaufführung einer von der Filmregisseurin Nina Kusturica erarbeiteten Bühnenfassung für das WERK X, einem 2009 gegründeten Wiener Off-Theater, das (ähnlich dem Berlin Hebel am Ufer) seit 2014 neben dem Kellertheater am Petersplatz im 1. Bezirk auch zwei weitere Spielstätten in einem ehemaligen Kabelwerk im Bezirk Meidling unterhält. Das WERK X fühlt sich dabei allen zeitgenössischen Formen des Sprechtheaters verpflichtet und sieht sich als Verhandlungsraum zentraler gesellschaftlicher Gegenwartsfragen für progressive und politisch engagierte KünstlerInnen, als Plattform für neue, freie Regie-Positionen.

So gesehen ist die freie Produktion Erschlagt die Armen! wie geschaffen für eine Aufführung am WERK X ZWEI in Meidling, auf dessen Bühne Selina Traun einen aufblasbaren Eifelturm gelegt hat. Ein klarer Kontrast zu einem breitgestreuten Haufen Sand, der den lehmfarbenen Boden der Heimat der Asylbewerber darstellt. Shumona Sinha bedient sich in ihrem Roman einer recht bildhaften Sprache. So bezeichnet u.a. die namenlose Übersetzerin, hier nach der hinduistischen Gottheit Kali genannt, ihre Arbeit auch als „Sprachgymnastik“. Bildhaft dazu hängen sich die drei DarstellerInnen in Sicherheitsgeschirren an lange von der Decke hängende Seile. Zu Beginn wird Oliver Huether, während er zur Gitarre den italienischen Schlager Volare singt, von Veronika Glatzner als Beamtin der Asylbehörde zu einer immer besseren Performance aufgefordert, während Zeynep Buyraç als Übersetzerin daneben steht und alle Anweisungen wiederholt. Sie fungiert als sogenannter „Bindestrich“ festhängend in einem System zwischen „Bittsteller“ und „Entscheider“.

Die Übersetzerin sieht sich nach ihrer Tat nun selbst dem Untersuchungsrichter Herrn K. gegenüber (der Verweis auf Kafka ist hier sicher gewollt) und muss ihm Rede und Antwort stehen. Die bestens westlich assimilierte Frau, die es auf die andere Seite der verglasten Büros geschafft hat, wird nun wieder auf die Rolle der Migrantin reduziert und muss zum Ausgangspunkt ihrer Geschichte zurückkehren, aus ihrem verdrängten früheren Leben erzählen. „Man kann das ganze Leben hier verbracht haben, ohne dazuzugehören“, sagt sie dem Ermittler. Unterbrochen werden die Dialogszenen mit den inhaltlich teils bizarren Befragungen oder erzählenden Monologen von kurzen Musikeinspielungen mit Songs wie etwa She's Lost Control von Grace Jones, oder Oliver Huether singt wieder zur Gitarre Santa Lucia als Verweis auf die Befragerin Lucia, die Kali heimlich verehrt, sich aber in ihrer Freizeit immer wieder mit französischen Männern zum Sex trifft.

Hier zeigt sich sehr gut die Angst, innere Zerrissenheit und Wut der Protagonistin auf das die Asylsuchenden zu eingeübten, unwürdigen und rührseligen Storys zwingende System. „In meinen Augen rechtfertigte ihr Leid nicht ihre Ungeschicklichkeiten und ihre Lügen, ihre Aggressivität und ihre Mittelmäßigkeit“, versucht sie ihr Gewissen zu beruhigen. Immer wieder müht sie sich in den Seilen ab oder klettert am Eifelturm, den sie zum Phallussymbol aufrichtet. Viel mehr kann die trotz allem recht sehenswerte Inszenierung aus diesem sicher schwierigen Text nicht herausholen. Einen Anstoß zur fälligen Diskussion über die gesamteuropäische Asylpraxis gibt sie in jedem Fall.



Erschlagt die Armen! am Wiener WERK X | Foto (C) Alexander Gotter

Stefan Bock - 7. Januar 2019
ID 11135
Erschlagt die Armen! (WERK X, 03.01.2019)
Inszenierung: Nina Kusturica
Bühne und Kostüm: Selina Traun
Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf
Mit: Zeynep Buyraç, Veronika Glatzner und Oliver Huether
Premiere war am 13. Dezember 2018.
Weitere Termine: 23., 24., 25.01.2019


Weitere Infos siehe auch: http://werk-x.at/


Post an Stefan Bock

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