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nachDRUCK # 6

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Freie Szene

Trilogie zum

globalen

Rohstoff

Erdöl



Bewertung:    



Empire of Oil, das klingt ein wenig wie House of Cards oder Game of Thrones. Ein Wirtschafts- oder Ökothriller vielleicht oder sowas wie Monopoly mit Ölbohrtürmen. Mitmachspiele gibt es ja im Theater mittlerweile genug - auch an der kooperierenden Spielstätte Ballhaus Ost. Aber keine Angst, hier muss niemand mittmachen, tanzen, singen oder etwas sagen - so versichert zumindest einer der Performer der offenen Künstlerkollaboration Costa Compagnie zu Beginn des zweiten Teils einer Trilogie, bei der es um den immer noch alles beherrschenden Brennstoff Öl, dem „Blut für die Adern der Weltwirtschaft“, geht. Das ist an sich schon ein mehr als treffendes Bild. Mehr Doku- als Mitmachtheater ist dann dieser Abend, obwohl er durchaus auch einige immersive Momente hat.

Die Costa Compagnie um ihren Gründer Felix Meyer-Christian ist 2017 mit einer 360°-Kamera zu Recherchezwecken in Norwegen und im Irak unterwegs gewesen. Es geht hier natürlich um die globalen Ausmaße der monopolisierten Erdölindustrie, ums große Geld, den Krieg ums schwarze Gold und die ökologischen Folgen der Ölförderung, die mittlerweile nicht nur in der Wüste des mittleren Ostens oder Offshore in den Gewässern vor Norwegen stattfindet, sondern auch in den arktischen Gebieten jenseits der norwegischen Landesgrenzen. Aber besonders auf zwei an Erdöl reiche Gebiete hat sich die Costa Compagnie konzentriert. Man war in der norwegischen Hafenstadt Stavanger, die sich nach den Ölfunden in den 1960er Jahren zu einer modernen Stadt entwickelte, was auch ganz Norwegen zu gewissem sozialen Wohlstand verholfen hat, und in den autonomen Kurdengebieten des Nordiraks mit den in mehreren Kriegen heiß umkämpften Ölzentren Kirkuk und Mossul.

Das filmische Ergebnis der Recherche mit mehreren Interviews mit Bewohnern der Regionen und Werktätigen in der Ölindustrie Norwegens wie im Nordirak, einem ehemaligen US-Soldaten, der am Krieg zum Sturz Saddam Husseins beteiligt war, und einer norwegischen Naturschutzaktivistin ist im ersten Teil des Abends mit dem Titel A Research in 360° (der bereits im November 2017 zum ersten Mal hier gezeigt wurde) zu sehen. Dazu betritt das Publikum auf Socken ein mit Teppich ausgelegtes Oval im Ballhaus-Saal und betrachtet auf Hockern sitzend die 360°-Filmdokumentation, die auf die weißen Begrenzungsleinwände projiziert wird. Neben dem nicht uninteressanten Geschichtsabriss um die durch einen nationalen Ölfonds geregelte Verteilung der norwegischen Einnahmen aus dem Ölgeschäft schlägt der Film natürlich nicht nur eine rein filmische Brücke zu den Verteilungskämpfen um die 1927 entdeckten Ölvorkommen von Kirkuk. Ein damaliger Scheich soll gesagt haben: „Ich wünschte, wir hätten Wasser gefunden.“ Das sagt schon viel zum Nutzen, den die wertvolle Bodenressource den Irakern bisher gebracht hat. Norwegischer Wohlfahrtsstaat gegen ein Gebiet, das seine willkürliche territoriale Prägung durch ehemals koloniale Interessen erfahren hat. Hier prallen seit Jahrzehnten die unterschiedlichsten Konflikte mehr oder weniger offen und kriegerisch ausgetragen aufeinander. Iran-Irak-Krieg, Zweiter und Dritter Golfkrieg, schließlich der IS, und die um Autonomie ringenden Kurden als unliebsamer Spielball immer zwischen den Fronten.

Dass die Macher hier nicht ganz unbewusst auch Partei für die Autonomiebestrebungen der Kurden im Nordirak ergreifen, kann man zumindest in den Gesprächen mit dort lebenden und arbeitenden Kurden und Vertretern anderer Nationalitäten nachvollziehen, da sich innerhalb der kurzzeitigen Autonomiephase während des Kampfes gegen und nach dem Sieg über den IS die Region um Kirkuk wirtschaftlich recht gut entwickelt hat und als Beispiel für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Nationalitäten und Religionsgemeinschaften gelten kann. Ein Referendum, bei dem 92 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit stimmten, wurde von der irakischen Zentralregierung nicht anerkannt. Seit Ende 2017 ist das Gebiet nach kurzen Kämpfen mit den kurdischen Peshmerga wieder unter der Kontrolle der irakischen Armee. Das alles und natürlich auch der internationale Kampf von Greenpeace-Aktivisten gegen den Klimawandel in der Arktis wird in den Interviews, die mit den 360° umlaufenden Landschaftsbildern korrespondieren, erzählt. Ein durchaus auch ästhetisch überzeugender Beitrag zur kollektiven Erinnerung der Geschichte um das globale Reich des Öls und seine wirtschaftlichen wie ökologischen Folgen. Als nette Pausenunterhaltung kann man sich im 2. Stock des Hauses einen kurzen Zusammenschnitt als Virtuell-Reality-Film mit entsprechender VR-Brille ansehen und ist für ca. 11 Minuten tatsächlich selbst zumindest virtuell mitten im Geschehen.

Unsere Gleichgültigkeit gegenüber der Herkunft von Produkten und deren Produktionsbedingungen vor Ort, die zumeist einen nicht geringen Einfluss auf den Klimawandel haben, ist letztendlich das große Problem. Was wir nicht wissen, geht uns nichts an. Das Wort "nachhaltig" fällt zwar nicht im zweiten Teil des Abends, zumindest aber das vom "Konsumverhalten", an dem wir in Zukunft wohl oder übel arbeiten müssen, auch wenn es hier einmal heißt, dass es kaum ein Zurück gebe und nur der Zeitpunkt der Katastrophe noch offen sei. In der Performance The Underground Frontier, die mehr oder weniger eine Anknüpfung an den ersten Teil mit weiteren Filmbildern und Textbeiträgen ist, vertieft die These des Zusammenhangs der beiden Regionen als unterirdische Grenze und der territorialen wie politischen Überschreibung durch das Öl. Die Geopolitik der Ressourcen mit den Fragen: Wem gehört das Land? Wem gehört der Untergrund? Wem gehören die Rohstoffe?

Wohlstand und Frieden oder Krieg und Flucht. Die Zusammenhänge sind mittlerweile auch in Deutschland spürbar. Das wird hier zweisprachig in Englisch und Deutsch von drei PerformerInnen vorgetragen, ergänzt von zwei Stimmen aus dem Off, die in der dritten Person Interviewpassagen aus dem Film wiederholen. Auch der fragend schauende Killerwal aus dem Bericht eines Offshore-Ingenieurs aus dem ersten Teil taucht wieder auf. Sein staunendes „Was ist das?“ wird per Voice-Verzerrer zu elektronischer Begleitmusik, was etwas bemüht wirkt. Und eine mentale Rückführung des nun auf dem Rücken liegenden Publikums mit einer Person aus ihrer Vergangenheit, mit der es dann im Gedanken in die Grenzregionen des Öls geht, hat etwas merkwürdig Esoterisches, wie auch die anschließende rituelle Ölausgießung.

Noch waberiger wird es im letzten Teil, der Tanzperformance An Infinite Ending, bei der eine Tänzerin minutenlang hektisch mit Armen und Oberkörper kreist und dabei wie ein pausenlos fördernder Ölbohrturm aussieht, während eine zweite Tänzerin sich zunächst kaum bewegt. Man kann das vielleicht als ein Gegenüber von einer Ausgeglichenheit mit der Natur und dem unaufhörlich fortschreitenden Raubbau empfinden. Die unausweichliche Katastrophe wird mit Trockeneisnebel simuliert, bis kaum noch etwas im Raum zu sehen ist. Und trotzdem geht das ekstatisch Wedeln immer weiter. Besser lässt sich die Bilateralität von Mensch und Natur wohl nicht darstellen.



Empire of Oil im Ballhaus Ost | Foto (C) Philine von Düszeln

Stefan Bock - 30. Mai 2018
ID 10729
Costa Compagnie
aus Berlin und Hamburg wurde von Felix Meyer-Christian als offene Kollaboration interdisziplinär arbeitender Künstler*innen gegründet. Die Arbeiten vereinen dokumentarische, performative und choreographische Methoden und fokussieren sich dabei auf globale Transformationsprozesse und die Frage nach dem Menschen darin.


Weitere Infos siehe auch: http://www.ballhausost.de


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