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Pinocchio



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In Carlo Collodis Kinderbuch Die Abenteuer des Pinocchio fertigt der alten Holzschnitzer Geppetto aus einem sprechenden Stück Holz die Holzfigur Pinocchio, die ihm, anstatt in die Schule zu gehen, immer wieder davonläuft und ein echter Junge aus Fleisch und Blut werden will. Das Helmi (das etwas andere Puppentheater aus dem Prenzlauer Berg) hat sich nun dieses bekannte Märchen für seine neue Produktion am Ballhaus Ost vorgenommen. Aber sein Pinocchio ist, wie es selbst versichert, garantiert nichts für Kinder. So hat man sich bei der Umsetzung des Stoffs u.a. an einem französischen Underground-Comic des Zeichners Winshluss orientiert. Weitere Quellen sind der italienische Romancier Umberto Eco und der Regisseur Paolo Pasolini, von dem das Helmi 2015 schon den Film Große Vögel, kleine Vögel mit ihren Schaumstoffpuppen vertheatert hat.

„Man muss sich diesen Pinocchio als italienischen neorealistischen Film vorstellen, der heute in Berlin spielt. Pinocchio will Leben und eine Existenz. Er will was die anderen auch haben und versucht naiv und brutal zugleich, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Er ist der Bruder aller Unterprivilegierten, aller Straßenkünstler*innen, Stricher, Sexworker*innen, Geflüchteten, Illegalen. Er hat keine Ausbildung und keinen Status, er hat auch keine Firewall gegen Arschlöcher und keine Moral.“ heißt es in der Vorankündigung, die zumindest etwas die Richtung vorgibt.

Und so muss man diesen Pinocchio wohl auch eher als einen der römischen Straßenjungen aus Pasolinis Roman Ragazzi di Vita betrachten. Das Leben eines Vagabunden der Großstadt, der versucht, sich vom großen Kuchen Leben ein Stück abzuschneiden, dabei aber eher etwas naiv als wirklich berechnend vorgeht.

Das Helmi arbeitet hier erstmals nicht nur mit ihren Puppen und befreundeten SchauspielerInnen, sondern hat mit Ayam Am und Katharina Meves auch zwei Tanzperformer im Team. So ist eine Mischung aus Musik- und Tanztheater mit Puppen und Menschen entstanden. Dabei gehen Felix Loycke, Florian Loycke, Brian Morrow und Emir Tebatebai wie immer sehr intuitive an die Sache ran. Zunächst macht man sich bei ein paar gymnastischen Stretch-Übungen erstmal etwas locker. Danach entspinnt sich langsam so etwas wie eine Spielhandlung, die aber immer auch leicht improvisiert wirkt. Meister Geppetto ist hier, wie im besagten Comic, ein Waffenfabrikant, der die Welt verändern und ein paar Milliarden mit dem kybernetischen Cyborg Pinocchio machen will, es aber bei aller Schrauberei und Stress mit seiner russischen Frau nicht so recht auf die Reihe kriegt. Als Sexspielzeug missbraucht brennt der Blech- (hier große Schaumstoffkopf mit langer Nase) durch.

Das Pinocchio-Märchen, auch mit kleineren Handpuppen nebenbei gespielt, wird hier sehr frei mit der Handlung des Anarcho-Comics von Winshluss verknüpft und auf Prenzlauer-Berg-Kompatibilität getrimmt. Die sprechende Grille ist hier eine Wanze, die sich im Kopf Pinocchios eingenistet hat wie in einem besetzten Haus. Ein Undergroundliterat mit Ambitionen zum Drehbuchschreiber, was aber ebenfalls nicht so recht klappen will. Wir sehen Schneewittchen mit den geilen Nasenzwergen und eine Jim-Knopf-Parodie. Fuchs, Kater, Riesenhai, Kerzendocht-Lumière und ein wild brüllender Bär schauen vorbei. Pinocchio landet schließlich am Strick, muss von der Fee mit den dunkelblauen Haaren gerettet werden, die Stuntwoman beim Film ist usw. usf. Das alles wird getanzt, gespielt und gesungen und endet ziemlich verworren am Meer. Ein großer Spaß für große Kindsköpfe.



Pinocchio von Das Helmi | Foto (C) Brian Morrow

Stefan Bock - 29. Mai 2018
ID 10725
PINOCCHIO (Ballhaus Ost, 24.05.2018)
Das Helmi nach Paolo Pasolini / Umberto Eco / Winshluss
von und mit: Ayam Am, Katharina Meves, Emir Tebatebai, Felix Loycke, Florian Loycke und Brian Morrow
Künstlerische Mitarbeit: Cora Frost und Dasniya Sommer
Produktionsleitung: ehrliche arbeit - freies kulturbüro
Premiere war am 5. April 2018.
Eine Produktion von Das Helmi in Kooperation mit dem Ballhaus Ost


Weitere Infos siehe auch: http://www.ballhausost.de


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