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Tanz im August

Tanztheater Wuppertal Pina Bausch / Alan Lucien Øyen

Neues Stück II


Bewertung:    



Zur großen Choreografin und deutschen Tanztheaterlegende Pina Bausch (1940-2009) muss man nicht mehr allzu viel sagen. Zum Gastspiel am Ende des 30. TANZ IM AUGUST kommt das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch jedoch mit einer ebenso großen Hypothek im Gepäck. Die Querelen um die zukünftige künstlerische Ausrichtung der Compagnie zwischen der Intendantin Adolphe Binder und dem Geschäftsführer Dirk Hesse haben zur fristlosen Kündigung der neuen Intendantin geführt. Aber auch Dirk Hesse wird Ende diesen Jahres seinen Abschied nehmen. Was bleibt, ist die Sorge um das Erbe von Pina Bausch, dem sich in der letzten Spielzeit zwei neue Tanzstücke gewidmet haben, die minimalistisch einfach Neues Stück I und Neues Stück II heißen. Mit letzterem präsentierte sich nun der junge norwegische Theaterregisseur und Choreograf Alan Lucien Øyen dem zahlreich erschienen Berliner Tanzpublikum in der Volksbühne, die nach einer mageren Spielzeit und einem ebenfalls jähen Intendanzende mal wieder an drei Tagen hintereinander ausverkauft war.

Und dennoch kann man mit dem Gezeigten nicht wirklich zufrieden sein. Eingangs noch freundlich begrüßt mit einer persönlichen Ansprache, die Handys auszuschalten und nicht zu fotografieren oder gar zu filmen, wird das Publikum danach mit einer über drei Stunden währenden Performance beglückt, die mit originärem Tanztheater leider nur noch am Rande etwas zu tun hat. Auf der mit flexibel verschiebbaren Wänden bestückten Bühne entstehen in ständig wechselnder Raumarchitektur immer neue Spielszenen, bei denen viel erzählt wird - viel zu viel - aber nur wenig passiert. Tanz in einigen Solonummern und wenigen Paarchoreografien füllt nur die Pausen dazwischen und steht so recht disparat zu den Sprechnummern, die ausnahmslos um den Tod von Angehörigen wie Brüder, Väter oder Mütter kreisen. Schon zu Beginn steigt ein Mann auf einen Stuhl, um eine Wanduhr anzuhalten und baumelt dann mit den Armen am Türstock. Die Assoziation ist überdeutlich.

Ganz aus der heutigen Zeit gefallen sind die Kostüme des Ensembles, die wie Möbel und Tapeten aus dem letzten Jahrhundert stammen. Etwas Film Noir, etwas Hollywood der Dreißiger Jahre. Die Frauen tragen auch mal glanzvolle Abendkleider und singen alte Chansons. Sie reden über den toten Vater, den Bruder, der Selbstmord begangen hat, und dessen düstere Träume, sitzen am Bett der sterbenden Mutter oder vergiften Männer. Miniaturen über die Liebe, das Leben, Altern und Sterben. Die Männer leiden meist stumm, schnarren Unverständliches in ein Funkgerät oder üben sich in ironischem Zynismus wie ein etwas pietätloser Bestatter, der der Tochter eines Verstorbenen verkündet, für eine schön gelegene Grabstätte viel zu spät zu kommen, während er seine Zigarette in eine Urne ascht.

Man kann nicht sagen, dass es dem jungen Choreografen an Ironie und Einfällen mangelt. Nur verlässt sich Øyen hier zu sehr auf die Kraft des gesprochenen Wortes als auf die Intensität und den Ausdruck der bewegten Körper seiner TänzerInnen, die, wenn er sie lässt, doch einiges an Assoziationskraft entwickeln, was durch das ständige Auserzählen doch eher wieder gebremst wird. Gebremst wie dieser in Melancholie und an Kitsch grenzenden Begleitmusik fast erstickende Abend, der viel zu deutlich die Bilder aus Filmen, wie etwa Wim Wenders Himmel über Berlin zitiert, wenn sich einer der Tänzer Flügel überzieht. Eine der Rückwände dient als Tafel, an der mit Kreide „Ich bin noch da“ geschrieben wird, oder ein Bild eines Paars mit Landschaft. Einem Gestürzten werden Kreideflügel gemalt, ein anderer zieht mit dem Kreidestück eine Herzfrequenzkurve auf dem Boden, die in einem Strich endet.

Eine wartende Trauergemeinde in der Kirche, eine sich wiederholt erschießende Frau, zwei Männer im Clinch, sich gegenseitig zur Tat auffordernd, ein makabres Wortratespiel mit dem Publikum genannt „Hangman“, bei der für jeden falschen Buchstaben ein Strichmännchen an einem Galgen gezeichnet wird, ein verkorkste Vater-Sohn-Beziehung oder Telefonate mit Toten und Telegramme an Verflossene. Ein sentimentaler Bilderzauber, verzuckert mit traurigen Songs und philosophischen Bonmots, wie dass Angst vor dem Tod auch Angst vor dem Leben bedeutet. Ein Tänzer rafft verzweifelt Stühle zu einem Berg, der von den anderen immer wieder abgetragen wird. Ein Stuhl vor dem sich schließenden Eisernen Vorhang ist dann auch das letzte Bild. Ein leerer Stuhl für Pina Bausch, die fehlt und wohl auch in Zukunft für Wuppertal unersetzbar bleibt.



Tanztheater Wuppertal Pina Bausch / Alan Lucien Øyen mit Neues Stück II | (C) Mats Bäcker

Stefan Bock - 4. September 2018
ID 10889
Tanztheater Wuppertal Pina Bausch / Alan Lucien Øyen | Neues Stück II (Volksbühne Berlin, 02.09.2018)
Regie & Choreografie: Alan Lucien Øyen
Bühne: Alex Eales
Kostüme: Stine Sjøgren
Künstlerische Mitarbeit: Daniel Proietto
Künstlerische Beratung: Andrew Wale
Sound: Gunnar Innvær
Licht: Martin Flack
Mit: Regina Advento, Pau Aran Gimeno, Emma Barrowman, Rainer Behr, Andrey Berezin, Çag˘das¸ Ermis, Jonathan Fredrickson, Nayoung Kim, Douglas Letheren, Eddie Martinez, Nazareth Panadero, Helena Pikon, Julie Shanahan, Stephanie Troyak, Aida Vainieri und Tsai-Chin
Probenleitung: Daphnis Kokkinos
Gastspiel beim Festival TANZ IM AUGUST


Weitere Infos siehe auch: https://www.tanzimaugust.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

Performance | Tanz

TANZ IM AUGUST



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