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SALZBURGER FESTSPIELE 2018

Pas de deux



Jens Harzer und Sandra Hüller in Penthesilea | © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Bewertung:    



Zu Beginn umtänzeln sich eine Frau und ein Mann, beide in langen Röcken, im dunklen Hintergrund der schwarz ausgekleideten Bühnenbox. Dann treten sie an die Rampe, an der eine schmale weiße Lichtfläche, die sich im Lauf des zweistündigen, pausenlosen Abends kaum merklich verbreitern und wieder verschmälern wird, die Gesichter von unten erhellt und die Zuschauer auf dem Balkon blendet (Regisseure sitzen bei den Proben im Parterre). Es sind Sandra Hüller und Jens Harzer, zwei Stars des deutschen Theaters, er schon lange (auch bei den Salzburger Festspielen), sie in verstärkter Wahrnehmung, seit sie die weibliche Hauptrolle im am meisten überschätzten Film des vergangenen Jahres (für Menschen, die vorstehende Zähne für komisch halten), wenngleich mit eigenen Zähnen, übernommen hat. Sie verkörpern Penthesilea und Achill, auf die Regisseur Johan Simons das Personal von Kleists sperrigstem Drama reduziert hat. Mehr braucht es nicht: kein Bühnenbild, keine Requisiten außer einer dünnen Halskette, die die im Text inflationär erwähnte Rüstung ersetzt, zwei Schauspieler allein mit ihrem Dialog. Hier konnte eingespart werden, was bei der Zauberflöte verprasst wurde.

*

Ich bekenne an dieser Stelle zwei Schwächen des Kritikers (sozusagen als Offenlegung meiner Bewertungskriterien): Mich machen zappelige Menschen zappelig; und ich habe Probleme mit manchen Frequenzen. Sandra Hüllers hohe Stimmlage empfinde ich auf die Dauer nicht als angenehm, und auch mit Jens Harzers Stimme, die an Klaus Kinski erinnert, habe ich bisweilen Probleme. Sei‘s drum. Die extrem nervöse Zappelei ist nach 45 Minuten überwunden, und an die hohen Register gewöhnt man sich.

Nervös ist nicht nur die Körpersprache, nervös ist auch die Sprechweise. Dafür wird man entschädigt mit einer Artikulationsdisziplin, die am deutschsprachigen Theater vom Aussterben bedroht ist, seit Selbstverwirklichung die Tugend der Künstlichkeit verdrängt. Und wo, wenn nicht bei Kleist, kommt es so sehr auf Sprache und Sprechen an. Hüller und Harzer bestechen aber auch durch ihre starke physische Präsenz. Ihre Energie überträgt sich auf die Zuschauer. Wenn Sandra Hüller, vorgebeugt, die Hände gegen die leicht vorgezogenen Knie stemmt, ist das eine magisch einprägsame und zugleich ausdrucksstarke Geste. Der trojanische Krieg findet nicht statt, wohl aber der Krieg der Geschlechter.

Achilles‘ Frage „Wer bist du, wunderbares Weib?“ kehrt die Geschlechtszuschreibung aus Lohengrin 42 Jahre vor dessen Uraufführung in ihr Gegenteil. Wer ist Penthesilea? Die heutige Antwort liegt auf der Hand: eine Vorkämpferin der Frauenbefreiung.

Darin liegt die Aktualität des Penthesilea-Stoffes: Die Liebe wird zum Kräftemessen, zu einem Machtkampf, zu einer Konkurrenz um die Herrschaft. Nicht Werben, Verführen, Begehren sind ihre Ingredienzen, sondern Unterwerfung und Stärke. In diesem Kampf wird Achilles mehr und mehr zum wilden Tier, brüllt Penthesilea wie eine Hyäne, ehe sie, devot wie ein Hündchen, zu dem legendären Helden zu kriechen scheint. Dabei bleibt es nicht. Denn nach Kleists Willen muss die Amazone töten, was sie liebt. Darin liegt die Aktualität. Liegt darin die Aktualität?




Sandra Hüller und Jens Harzer in Penthesilea | © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Thomas Rothschild – 3. August 2018
ID 10826
PENTHESILEA (Salzburger Landestheater, 01.08.2018)
In einer Textfassung von Vasco Boenisch

Regie: Johan Simons
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Bernd Felder
Dramaturgie: Vasco Boenisch
Mit: Sandra Hüller (als Penthesilea) und Jens Harzer (als Achilles)
Premiere zu den Salzburger Festspielen war am 29. Juli 2018.
Weitere Termine: 03., 05.-09.08.2018
Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum


Weitere Infos siehe auch: http://www.salzburgerfestspiele.at


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