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Uraufführung

Yael Ronen und Ensemble verbinden in The Situation die persönlichen Geschichten junger Migranten aus Israel, Palästina und Syrien mit den Problemen des ungelösten Nahostkonflikts



Foto (C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



Seit ihrem ersten Theaterstück in Deutschland Die dritte Generation, in dem sich junge SchauspielerInnen aus Israel, Palästina und Deutschland im gemeinsamen Diskurs mehr oder weniger vergeblich um ein friedliches Zusammenleben von Juden, Palästinensern und Deutschen bemühten, lassen die israelische Theaterregisseurin Yael Ronen die Probleme von Jugendlichen aus den Krisenregionen dieser Welt nicht mehr los. Zuletzt wurde sie mit Common Ground, einem Abend über die Aufarbeitung der Balkankriege zum THEATERTREFFEN 2015 eingeladen.

Und auch in Ronens neuer Produktion The Situation geht es - über Trennendes und Verbindendes hinaus - um den Versuch ein gemeinsames Fundament der Verständigung zu schaffen. Mit der sogenannten „Situation“ ist nichts anderes gemeint als der immer währende Nahostkonflikt zwischen Israelis, Palästinensern und den arabischen Nachbarstaaten. In der als interkulturell und frei gepriesenen Stadt Berlin treffen nun immer mehr MigrantInnen aus der Region mit ihren ungelösten Konflikten im Gepäck auf eine deutsche Gesellschaft im Wandel, die ihrerseits nicht mit klugen Ratschlägen geizt oder auch mit Unwissen und Unverständnis auf die Neuankömmlinge reagiert.

So ein wohlmeinender und altkluger Vertreter ist auch der Sprachlehrer Stefan (Dimitrij Schaad), der fünf jungen MigrantInnen aus Israel, Palästina und Syrien als ganz aktuellem Krisenherd die deutsche Sprache beibringen soll. So wird der Abend dann auch als Deutschlandkurs in 90 Minuten und mehreren Lektion angekündigt, bei dem zunächst das aus Israel stammende Paar Noa (Orit Nahmias) und Amier (Yousef Sweid) von ihrem Lehrer ausgiebig über das Wer, Woher und Warum befragt wird. Wobei Stefan nicht müde wird, die deutsche Aussprache seiner Schüler zu korrigieren, in seiner Wortwahl aber selbst höchst unsicher ist. So gerät er über die Frage, ob Noa Jüdin sei, ins Stammeln oder wird bei einem wissend wirkenden „Aha“ ertappt. Noa berichtet in recht schwarz-humoriger Art von den Vorurteilen ihrer jüdischen Eltern und Amier über das Problem mit seinem Sohn Arabisch zu sprechen. In Neukölln hat er endlich ein „Village“ gefunden, in dem er sich ganz als Palästinenser fühlen kann. Die Ehe des israelisch-palästinensischen Paars ist dann aber trotz allem mehr an den üblichen Mann-Frau-Problemen gescheitert als am Nahostkonflikt.

Bis dahin ist wieder alles in einem, wie von Yael Ronen erwartbar, typisch ironisch witzigem Boulevardstil inszeniert, der sich auch in der Vorstellung der flippigen schwarzen Palästinenserin Laila (Maryam Abu Khaled) vorsetzt, die sich bei Stefan einquartiert hatte und nach einem Kurztrip nach Hause mit dem palästinensischen Rapper Karim (Karim Daoud) im Schlepptau wieder beim ihm auftaucht. Stefan soll Karims antisemitische Raptexte ins Deutsche übersetzen, macht daraus aber dann einen zwar politisch korrekten nur eben auch sexistischen Gangsterrap. In Stefans Zimmer wohnt mittlerweile der Syrer Hamoudi (Ayham Majid Agha), der sich daheim als Schmuggler durchschlagen musste und schließlich abgestumpft durch die Ausweglosigkeit des andauernden Kriegszustands in Syrien über eine Zwischenstation im Libanon nach Berlin geflüchtet ist. Hamoudi, der auch selbst gedrehte Videofilme über den Krieg bei Youtube eingestellt hat, hält Stefan mit ein paar Anekdoten über al-Qaida und den IS zum Besten. Was wie purer Sarkasmus daherkommt, ist letztendlich aber mehr eine Art von Überlebensstrategie, um nicht vollends zu verzweifeln.

Auf einer aufklappbaren und rückwärtig als Treppe fungierenden Klagemauer hocken die fünf in Berlin Gestrandeten vor ihrem Lehrer, der, mit all ihren Problemen konfrontiert, ein regelrechtes Helfersyndrom entwickelt hat. An den Alltagsklamotten der MigrantInnen sind die Farben Weiß, Blau, Grün, Rot und Schwarz der Flaggen von Israel, Syrien und Palästina erkennbar. Sie schleppen also immer auch ein wenig ihr Land, aus dem sie geflohen sind, mit sich herum. Es abzustreifen wie ein abgetragenes Kleidungsstück stellt sich dabei aber als fast unmöglich heraus. Und so erhält dann jeder der Fünf nochmal einen Soloauftritt, in dem das Publikum mehr aus dem sozialen Umfeld der durchweg jungen KünstlerInnen und über ihre Motivation für die Migration nach Berlin erfährt.

Schließlich entpuppt sich sogar der Lehrer Stefan als aus Kasachstan stammender Russland-Deutscher mit dem ursprünglichen Vornamen Sergej. Er erzählt in einem längeren Monolog die schier unglaubliche Migrationsgeschichte seiner Eltern, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einem erstarkenden Nationalismus in Kasachstan nach Deutschland gekommen sind. Nach den etwas krummen Pfaden des Vaters in der leicht korrupten Sowjetunion und dem autokratischen und offen kriminellen System in Kasachstan musste die Familie in Deutschland einen ganz neuen Weg finden.

Wie der Weg der Neuankömmlinge aussehen wird, bleibt relativ offen. Man gibt sich aber optimistisch, will einen Job finden oder sich künstlerisch betätigen. Und was das Hadern mit der Situation betrifft - außer auf eine leckere Runde Humus wird man sich auch da auf keine Lösung einigen können. Das Stück bricht dann auch relativ ergebnisoffen ab. Der Zuschauer bekommt in 100 Minuten eine Fülle an Information. Es wird viel erzählt, wenig wirklich gespielt, und dennoch entwickelt sich so etwas wie ein dramatisches Gefüge, wenn auch nicht in der Intensität der bisherigen Diskurstheaterstücke von Yael Ronen. Was bleibt, ist zumindest ein Gefühl von Gemeinsamkeit, ein erster Schritt ist getan.
Stefan Bock - 7. September 2015
ID 8854
THE SITUATION (Maxim-Gorki-Theater, 04.09.2015)
Regie: Yael Ronen
Bühne: Tal Shacham
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
Licht: Jens Krüger
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Karim Daoud, Maryam, Abu Khaled, Orit Nahmias, Dimitrij Schaad, Yousef Sweid und Ayham Majid Agha
Uraufführung war am 4. September 2015
Weitere Termine: 9., 20. 9. / 8., 16., 19. 10. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de/


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