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Uraufführung

Schweißtreibend


DIE GRIECHEN
von Volker Braun


Claudia Burckhardt, Joachim Nimtz, Swetlana Schönfeld, Krista Birkner und Marina Senckel in Volker Brauns Die Griechen am Berliner Ensemble | Foto (C) Thomas Eichhorn

Bewertung:    



In der Probebühne des Berliner Ensembles ist es heiß. Kein Lüftchen weht. Auf einem weißen Podest ist eine Stuhlreihe vor einem weißen Tuch platziert. Sonst befinden sich keine Accessoires auf der nüchtern-kargen Bühne. Dreizehn Personen treten auf, festlich in schwarz-weiße Fracks gekleidet. Sie wiegen sich in gewichtigen oder nachdenklichen Posen, bevor sie auf den Stühlen Platz nehmen und synchron als (an)klagender Chor zu sprechen anfangen - über Papandreou (griechischer Politiker), Hellas (griechische Eigenbezeichnung für Griechenland) und die Troika, „Europas Dreihaupt“ (eine Kooperation von Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Kommission). Der dicht vorgetragene, kunstvolle und vielschichtige Text spielt immer wieder auf die Schuldenkrise Griechenlands, Euro-Mythen und antike Götter an. Es gibt zunächst keine zuordenbaren Figuren, nur Stimmen. Ohne Erklärungen zu geben, werden Namen von griechischen Politikern wie „Venizelos“ in den Raum geworfen. Große Fragen ergeben sich, während die Darsteller konzentriert ins Publikum stieren - wie entscheidungsmächtig kann oder sollte ein Volk tatsächlich sein? Die postdramatische Textfläche erinnert an die Dramen von Elfriede Jelinek; zugleich zeigt sich Die Griechen auch inspiriert von der antiken Tragödie Die Perser des griechischen Dichters Aischylos – im Jahre 472 vor Christus aufgeführt und somit wohl das älteste Drama der Welt. Eine große Vorlage, so scheint es, wird hier mit oft auch polemischen Anspielungen auf die Gegenwart durchdrungen. Die Darsteller schwitzen und einige dürfen schon bald Kleidung ablegen.

Hölzerne Verse eröffnen kryptische Referenzen. Der Sturz der Regierung Papandreous (Joachim Nimtz) aufgrund des wirtschaftlichen Kollapses, der Fall Varoufakis (Felix Tittel) und die Einigung mit der EU werden vorgeführt. Während Varoufakis barfuß aber mit Sturzhelm und gleich zwei Stinkefingern winkt, betritt eine streikende Putzfrau (Swetlana Schönfeld) die Bühne mit Putzeimer und Besen. Bald wird sie andere aufwiegeln und das Geschick der Krise erfolglos zu lenken versuchen. Alle scheinen verwickelt und mitverantwortlich, niemand kann sich der ungewissen Zukunft entziehen, obwohl trotzig lautstark eine ganze Reihe an Ägäistöchtern ausgerufen wird: […] Proto, Eukráte zugleich, und Amfitrite, mit Sao/ Thetis auch, und Galene, zugleich Eudora, mit Glauka/ Speio, Kymóthoe dann, auch Thália, lieblicher Anmut/ Melite dann voll Reizes, Eulimene dann, und Argaue […]

Das Schicksal lässt sich trotzdem nicht erweichen. Manfred Karge inszeniert das Drama von Volker Braun mit einem großen Ensemble, das den Text nuanciert spricht und auch immer wieder präsent spielt – insbesondere Krista Birkner lässt mit einer eindringlichen Performance aufhorchen. Doch schnell erschöpft der nicht abreißen wollende Textfluss, der mal hierhin und mal dorthin schwappt und dem keine einsichtige Handlung Einhalt zu gebieten vermag.

Die Griechen gibt sperrig und assoziationsreich viele Reflexionen auf, ohne Fakten oder Quellen zu nennen. Neben Kalauer wie „Grieche als Kriecher“ treten schön verkopfte Politikfloskeln. Gerahmt wird das Drama ein bisschen geschmacklos vom mehrmals angedeuteten und zu Anfang und gegen Ende vorgeführten griechischen Volkstanz Sirtaki. Wer griechische Tragödien liebt, die griechische Realpolitik gut kennt und die griechische Götterwelt der Antike bewundert, dürfte vielleicht über Referenzen und Verweise schmunzeln. Alle anderen dürfte die lyrische Textwut überfordern. Sie können die dünnen Allgemeinplätze von Politikern wie Yanis Varoufakis auch live erleben, wie etwa einen Tag nach der Theaterpremiere bei einer Berliner Wahlkampfveranstaltung der Linken im Astra Kulturhaus.



Foto (C) Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 22. September 2016
ID 9566
DIE GRIECHEN (Berliner Ensemble, 16.09.2016)
Regie: Manfred Karge
Bühne und Kostüme: Beatrix von Pilgrim
Musikalische Leitung: Tobias Schwencke
Dramaturgie: Hermann Wündrich
Licht: Steffen Heinke
Mit: Krista Birkner, Claudia Burckhardt, Swetlana Schönfeld, Marina Senckel, Raphael Dwinger, Winfried Peter Goos, Anatol Käbisch, Michael Kinkel, Benno Lehmann, Joachim Nimtz, Stephan Schäfer, Sven Scheele und Felix Tittel
Premiere war am 16. September 2016.
Weitere Termine: 21. 9. / 1., 2., 22. + 23. 10. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de

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