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Uraufführung

Reif für die Inseln



Schöne neue Welt nach dem Roman von Aldous Huxley (Theaterfassung von Robert Koall) am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer

Bewertung:    



Zumindest die Grundzüge des 1932 geschriebenen Romanes [Schöne neue Welt von Aldous Huxley], einer Distopie der Menschheitsentwicklung, dürften bekannt sein. Eine komplizierte Gemengelage bei den Aufführungsrechten verhinderte bislang die Theatralisierung des Stoffes. Dass nach Zerschlagung des Knotens nun ausgerechnet der Chefdramaturg des Dresdner Staatsschauspiel Robert Koall gefragt wurde, ob er den Stoff auf die Bühne bringen wolle, darf sich jener als weiteren Stern an die Türe heften.

Ob auch dieses Stück, ähnlich wie Tschick, Aufführungsrekorde feiern wird, sei dahingestellt und ist auch gar nicht die Frage. Zu unterschiedlich sind die Randbedingungen, als dass ein Vergleich angebracht wäre. Dennoch, allein für die Kärrnerarbeit der Bühnenübertragung dieses mit der Phantasie des Lesers spielenden Stoffes gebührt Koall und dem Regisseur Roger Vontobel Respekt, auch wenn hier keine Passagierraketen auf den Dächern von turmhohen Häusern landen. Aber zum Beispiel die Inszenierung der „Brut- und Normungsanstalt“ während der Werksführung für den Wildling John besteht aus einem Feuerwerk von Effekten, in deren Bilderflut man kurz vor der Pause fast ertrinkt, und das auch noch gern (Bühne: Claudia Rohner / Video: Clemens Walter).

Die „äußere Zone“, der jener John entstammt, ist zuvor hingegen überraschend spartanisch abgebildet, was einem die volle Konzentration auf die großartige Szene der Begegnung zwischen Bernhard und Lenina (neue Welt) sowie John und Linda (Wildnis) erlaubt. Letztere, früher immerhin eine „Beta“ in der neuen Welt, ging vor Jahrzehnten auf einem Ausflug hierher verloren und vegetiert seitdem in einer für sie kaum begreifbaren Umwelt. Immerhin hat sie John geboren, dessen vorherige Empfängnis zwar ein Versehen war, der ihr aber eine Stütze ist wie es ein Sohn nur sein kann. Vor allem Rosa Enskat drückt hier hysterisch-anrührend dem Geschehen ihren Stempel auf.

Vater, Mutter und Sohn sind überkommene und unanständige Begriffe in der neuen Welt, das müssen Linda und John schnell begreifen, als sie auf eine spontane Idee von Bernhard dahin mitgenommen werden.

Dieser, bislang ein Außenseiter der Gesellschaft trotz höherer Weihen zum Alpha (es geht eben auch mal was schief bei der Fertilisation), erhofft sich davon Anerkennung und beruflichen Aufstieg, und zumindest kann er seinen Chef Foster auskontern, der ihn mangels korrektem Verhalten auf eine Insel verbannen will, nach Island. Diesen konfrontiert er vor versammelter Belegschaft mit seinem Sohn John, und ein leiblicher Vater in einer Führungsposition, das geht gar nicht, Foster ist fortan untragbar, Abgang.

Bernards Ruhm hält allerdings nur so lange, wie John mitspielt, der bald die Lust an der genormten Welt verliert. An Lenina, der Begleiterin von John auf dem besagten Ausflug, findet er jedoch auf eine so altmodische Art Gefallen, die das korrekt konditionierte Mädchen überfordert. In einem Rausch der Enttäuschung erschlägt John sie schließlich, sein eigenes Ende bleibt im Stück offen, vermutlich wird er in Verzweiflung vergehen, weil ihn der Welt-Controller Mustapha Mond nicht aus seiner Rolle lässt.

Helmholtz Watson, Freund von Bernhard, ist als Emotional Engeneer zwar für das Wohlbefinden der oberen Kasten durch die Produktion von Fühlfilmen verantwortlich, fühlt sich aber zu Höherem berufen, zur wahren Dichtkunst, auch dies vermutlich auf eine Unachtsamkeit während seiner Produktion zurückzuführen. John kann ihn mit Shakespeares Versen in Ekstase versetzen, Verse, die auch dem Welt-Controller Mustapha Mond geläufig sind. Doch deren Gebrauch bleibt weiterhin verboten. Die Alphas und Betas würden Othello eh nicht verstehen, Romeo und Julia noch weniger, von den Gammas, Deltas und Epsilons ganz zu schweigen. Alle fünf Kasten werden seit Jahrhunderten fabrikmäßig erzeugt und exakt auf ihre künftige Funktion eingestellt, nach dem neunjährigen Krieg wurden die natürliche Geburt und die Familie, aber auch Religion, Wissenschaft und Kunst abgeschafft, eben alles, was nicht exakt plan- und gestaltbar ist. Seitdem funktioniert die Gesellschaft perfekt, jeder hat seine Aufgabe und Freude daran, Kriege, Krankheiten und Siechtum gibt es nicht mehr, mit 60 geht jeder in den Recycling-Kreislauf ein. Diese Stabilität kann und will man nicht aufs Spiel setzen. Für Abweichler wie Helmholtz gibt es die Inseln, dort werden die gesammelt, die nicht mehr ins System passen, ein Schelm, wer Gulag dabei denkt.

Christian Erdmann als Mustapha Mond hatte einen kurzen, aber fulminanten Auftritt und die Gelegenheit, das ganze System zu erklären, was ihm hervorragend gelang. Ben Daniel Jöhnk zeigte einen großen Moment in der Shakespeare-Szene, überzeugte als Helmholtz aber nur partiell. Der Bernhard von Benjamin Pauquet driftete zum Ende hin sehr ins Kabarettistische ab, für den Regisseur war dies offensichtlich keine Schlüsselrolle. Die Lenina von Sonja Beißwenger sicher ebenso wenig, die engen Grenzen der Rolle füllte sie natürlich aus, auch wenn sie deutlich unterfordert schien.

André Kaczmarczyk schließlich hatte als John neben Linda die lebendigste Figur auszufüllen und tat dies sehr respektabel, von einigen melodramatischen Sequenzen abgesehen.

* * *

Was war dies nun?

Die Uraufführung eines Stücks Weltliteratur am Theater - schon das ist Grund zur Freude.

Die stimmige Übertragung dieses Textes auf die Bühne - man kann dabei gern von großer Werktreue sprechen.

Ein sinnliches Ereignis? Teils. Die Musik (Keith O’Brien) trug sehr zur Atmosphäre bei, das Bühnenbild bot manchmal Überraschendes, die Kostüme hatten ihre eigene Sprache (mit Ausnahme der beiden Wilden, die in einen Unterschichten-Look gekleidet waren, der eher an KIK als an Selbstversorgung aus der Natur erinnerte), aber es fehlte die große Linie dahinter.

Die Interpretation eines immerhin achtzig Jahre alten Stoffes unter Verarbeitung der Weltgeschichte seitdem? Nein. Das bleibt folgenden Produktionen vorbehalten.



Schöne neue Welt nach dem Roman von Aldous Huxley (Theaterfassung von Robert Koall) am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) David Baltzer


In der Einführung vor der Premiere (der hiesige Förderverein organisiert diese regelmäßig) sprachen Robert Koall und der Intendant Wilfried Schulz auch davon, dass man es sich nicht zu leicht machen solle mit der Frage, ob die gezeigte neue Welt wirklich so absolut verdammenswert sei im Vergleich zur heutigen, deren Mängel uns selbst in Mitteleuropa täglich gewahr werden.

Auch wenn die Debatte sehr theoretisch ist, es lohnt, darüber nachzusinnen. Das gesehene Stück liefert einige Denkanstöße, alles Weitere obliegt der Philosophie.



Sandro Zimmermann - 13. September 2014
ID 8089
SCHÖNE NEUE WELT (Schauspielhaus, 12.09.2014)
Regie: Roger Vontobel
Bühne: Claudia Rohner
Video: Clemens Walter
Kostüm: Ellen Hofmann
Musik/Musiker: Keith O'Brien
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Robert Koall
Besetzung:
Bernard Marx ... Benjamin Pauquet
Helmholtz Watson ... Ben Daniel Jöhnk
Lenina Crowne ... Sonja Beißwenger
John ... André Kaczmarczyk
Linda ... Rosa Enskat
Mustapha Mond ... Christian Erdmann
Henry Foster u.a. ... Christian Clauß
Fanny u.a. ... Ines Marie Westernströer
sowie Nadine Quittner und Tobias Krüger
Uraufführung war am 12. September 2014
Weitere Termine: 21. 9. / 3., 15., 20. 10. / 8. 11. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


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