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Uraufführung

25. April 2014 - Societaetstheater Dresden

RUANDA-MEMORY

Werkschau Cie. Freaks und Fremde


Foto: PR



Schlachte Deinen Nachbarn!


Anfang der neunziger Jahre, in Sachsen, einem bergigen kleinen Land irgendwo in Europa. Die Schwarzhaarigen waren es endlich leid, dass die Blonden schöner, stärker und reicher schienen als sie selbst. Als einer von Ihnen eher zufällig durch einen Blonden zu Tode kam, war das Maß voll: Ein Gemetzel hob an, wie es dieses Land noch nicht erlebt hatte. Innerhalb eines Vierteljahres starben eine Million Blonde, von der Hand ihrer Freunde, Nachbarn, Familienmitglieder, wer nicht flüchten konnte, wurde niedergemacht, Kinder, Frauen, Alte. Wer blond war, musste sterben. Die im Land stationierten Truppen der vier Mächte waren ratlos, schauten zu und schauten weg, die Blonden unter ihnen verbargen ihr Haar unterm Blauhelm. Erst als kein Blond mehr auf der Straße schimmerte, nahm das Morden ein Ende.

Blödsinn? So in etwa kann man das Massaker an den Tutsi erklären, dass die Volksgruppe der Hutu zwischen April und Juli 1994 in Ruanda verübte, oder es zumindest versuchen zu erklären. Jahrhundertelang hatten die Stämme friedlich neben- und miteinander gelebt, die einen Ackerbauern, die anderen Viehzüchter. Eigentlich ein Volk, mit verschiedenen Wurzeln halt, das mehr und mehr zusammenwuchs.

Mit dem Kolonialismus kam die Ordnung und mit ihr das Meldewesen. Dank der Belgier verfügte seit 1932 jeder Ruander über einen Ausweis, der ihn einer Ethnie zuordnete. Sechzig Jahre später war dieses Stück Papier dann die Lebensversicherung. Oder das Todesurteil.



Eine Ausweiskopie, die in der Vorstellung verteilt wurde - Foto (C) Sandro Zimmermann


Sabine Köhler und Heiki Ikkola rekonstruieren das damals Geschehene in dieser Theaterperformance, kongenial begleitet vom Musiker Tobias Herzz Hallbauer. Dies geschieht anhand von Puzzlestücken, neun Objekte, die nichts miteinander, aber viel mit den Ereignissen vor zwanzig Jahren zu tun haben.

Der „Ausweis“ erklärt sachlich die Vorgeschichte und seine schon beschriebene Bedeutung, das „Radio“ gewinnt in Ruanda eine kaum vorstellbare Macht und ist der Einpeitscher, der die Hutu jeden Morgen zum Töten treibt. Können Völker kollektiv verrückt werden? Fast scheint es so.

Die „Machete“ ist ein landwirtschaftliches Gerät, dessen Gebrauch jedem Hutu von Kindesbeinen an vertraut ist. (Jedem Tutsi nicht?) Gleichzeitig ist es nun das Werkzeug, ein Volk zu massakrieren. Holger Zastrow sollte über seinen Machetenspruch nochmal nachdenken.

„Fußball“ spielen Tutsi und Hutu schon immer gemeinsam, nicht gegeneinander. Doch auch das ist dann schnell vorbei, der Mittelstürmer wird nun gejagt von seinen Sportfreunden, er hat den falschen Ausweis.

Zur Belohnung nach den Mühen des täglichen Massakers gibt es allabendlich „Primus-Bier“, der Massenmord findet Nine-to-Five statt. Dieses Getränk auf Bananenbasis ist eigentlich der Versöhnung gewidmet, und wenn man genug davon trinkt, ist man mit sich ja auch wieder im Reinen.

Über den „Blauhelm“ mag man gar nicht schreiben. Nicht nur Tun, auch Unterlassen ist unter Umständen eine Straftat. Vor welchen Gerichten sind die damals Kommandierenden, die Regierenden gelandet?

„Wellblech“, ein Art Ersatzwährung in Ruanda, auch eine beliebte Beute. Wie dieses minutenlang über die Bühne geschleppt wird, von einem darunter Kriechenden, gehört zu den stärksten Szenen des gut einstündigen Abends.

Ins Hier zurück führt uns der „Laptop“ des Autors. Was haben wir eigentlich damals gemacht, vor zwanzig Jahren? Ich kann mich nicht erinnern. Aber ich war sicher sehr betroffen während der Tagesschau.

Und am Bühnenrand wächst unaufhörlich die Strichliste, mit Kreide gezogen, ein einprägsames Geräusch, viermal kurz, einmal lang.

Ein starker Abend. Nicht aufdringlich-gutmenschig, erzählend statt belehrend, fragend statt wissend, und in der Wahl seiner Mittel von Sprache und Bewegung über Bühne und Video bis hin zum Ton absolut stilsicher. Nicht „schön“, aber gut.

Zwanzig Jahre später, ein ziemlich großes Land am Rande von Europa, seit Jahrhunderten leben die Menschen hier miteinander, auch wenn sie verschiedene Sprachen sprechen. Doch das scheint auf einmal nicht mehr möglich. Hinterher weiß niemand, wer zuerst die Machete in der Hand hatte.

Blödsinn?



Foto: PR | Bildquelle http://www.societaetstheater.de


Bewertung:    

Sandro Zimmermann - 26. April 2014
ID 7776
RUANDA-MEMORY (Societaetstheater Dresden, 25.04.2014)
Idee und Mitwirkende: Heiki Ikkola und Sabine Köhler
Musik: Tobias Herzz Hallbauer
Mitarbeit Ausstattung: Bärbel Haage und Rita Hausmann
Mitarbeit Regie: Harald Fuhrmann
Mitarbeit Dramaturgie: Tanja Mette-Zimmermann
Produktionsmanagement: Judith Hellmann
Fotografie und Grafik: Jean Sebastian Nass
Uraufführung war am 25. April 2014
Weitere Termine: 26., 27. 4. / 16., 17. 5. / 14. 6. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.societaetstheater.de


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