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nachDRUCK # 6

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Uraufführung

Kinder, Tiere

und tätige

Nächstenliebe



Karamasow in den Sophiensaelen Berlin - Foto (C) Arwed Messmer

Bewertung:    



„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn, in die Erde gefallen nicht erstirbt, so bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, trägt es viel Frucht.“
(Joh. 12, 24)


* * *

Um dieses Bibelzitat [s.o.] hat der russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewskij in seinem Tausendseitenroman Die Brüder Karamasow einen ganzen Kosmos von Figuren und verschiedenen Handlungssträngen entorfen. In der Hauptsache aber geht es um drei ungleiche Brüder und ihren dominanten, herrschsüchtigen Vater. Dieser wird vom vierten, illegitimen Sohn Smerdjakow ermordet. Ins Arbeitslager geht dafür aber der älteste und dem Vater vielleicht am ähnlichsten geratene Sohn Dmitrij. Der zweite Sohn Iwan, ein großer Zweifler am Leben und der Schöpfung, fällt in fiebrigen Wahn. Der jüngste, Aljoscha, lebt im Kloster, wird dort vom alten Starez Sossima in Glaubens- und Lebensdingen unterwiesen und schließlich zur moralisch religiösen Institution des Romans. Die Brüder Karamasow ist Dostojewskijs letzter Roman und sein Vermächtnis. Zu einer Fortsetzung, die sich um den jüngsten aus dem Kloster in die wirkliche Welt zurückkehrenden Karamasow-Sohn drehen sollte, ist nicht mehr zu Stande gekommen.



Karamasow in den Sophiensaelen Berlin - Foto (C) Arwed Messmer


2011 versuchte bereits Luk Perceval am Hamburger Thalia Theater den Hauptstrang des Romans mit allen Personen rund um die Karamasows auf die Bühne zu bringen. In seiner epischen Breite inklusive sich ziehenden Gerichtsverhandlung ein nur mehr oder minder spannungsgeladenes Anreißen (Nadryw) der Oberfläche, unter der sich ein Geflecht von Nebenhandlungen verzweigt, die alle mit den immer wiederkehrenden Themen Dostojewskijs wie Liebe, Leid, Religion, Schuld und Sühne verwoben sind. Diesen Umstand macht sich nun Regisseur Thorsten Lensing - bekannt durch seine kraftvollen Schauspielerabende an den Berliner Sophiensaelen wie Onkel Wanja (2008) oder Der Kirschgarten (2011) - zunutzte und löst nicht viel mehr als hundert Seiten aus dem großen Werk für seine neue Inszenierung heraus.

Neben dem Familien-, Kriminal-, und philosophischen Roman sind Die Brüder Karamasow nämlich auch eine Art Entwicklungsroman. Und diese Entwicklung vollzieht Dostojewskij vor allem am 19jährigen Aljoscha. Der von seinen Brüdern zunächst noch als Mönchlein verspottete junge Mann übt sich in tätiger Nächstenliebe und schart bevorzugt Jungen um sich, die er zu beeinflussen sucht. Das zehnte Buch, "Die Jungen", wird somit zum Mittelpunkt der nur noch schlicht Karamasow genannten Inszenierung, die es aber dennoch in sich hat.

Die Reduktion auf den jüngsten Bruder Aljoscha und Teile des zehnten Buches erweist sich durchaus als geglückt. Lensing wählt als Einstiegsszene das Spiel des 9jährigen Iljuscha mit seinem Hund, dem dieser eine im Brot versteckte Nadel zu fressen gibt, woran der Hund qualvoll verendet. André Jung spielt den Hund mit Geschick und Humor, aufrecht herumtänzelnd, neugierig schnuppernd und nach der Tasche des Jungen greifend. Aber nicht nur, dass Tiere durch Menschen dargestellt werden, auch die Kinder sind hier erwachsene Schauspieler. Der 71jährige Horst Mendroch gibt Iljuscha in kurzen Hosen. Die Boshaftigkeit des Knaben bekommt auch Aljoscha zu spüren, beißt dieser ihn doch in den Finger, obwohl er den Jungen gegen eine Meute von Kindern beschützen will. Devid Striesow steht hier im schwarzen, langen Mönchsgewand, gerade noch erregt einen „errötenden“ Liebesbrief der ihn anhimmelnden Lisa (Ursina Lardi) lesend, nun verdutzt ob der Ungezügeltheit des Jungen, seinen vor Kunstblut tropfenden Finger beklagend.



Devid Striesow als Aljoscha Karamasow in den Sophiensaelen Berlin - Foto (C) Arwed Messmer


Kinder und Tiere spielen hier die Hauptrolle. Kein Mord, keine brutale Gewalt, und doch ist sie immanent in der Vorstufe dessen, was schon die eigentlich vor Gott als unschuldig geltenden Kinder sich und den anderen Geschöpfen Gottes antun. Es ist nicht die bloße Feststellung, dass sie es tun, sondern auch die Frage nach dem Warum und wodurch sie so früh schon verrohen. Und das wird zur allgemeinen Frage Dostojewkijs nach dem Glauben und der Liebe Gottes - einer Liebe, die sich nicht am Wunderglauben festmachen lässt, sondern vor allem an der Nächstenliebe, deren Schwierigkeit Mme. Chochlakowa, die Mutter der an den Rollstuhl gefesselten Lisa, so eindrücklich beschreibt. Ernst Stötzner im Rock vollführt hier den Spagat von der Travestie zur Charakterstudie und verwickelt den als heilig geltenden Starez Sossima in einen Disput um Theodizee, Wahrhaftigkeit und Glücksanspruch.

Denn, wo isses, das Glück, bei all dem Leiden? Wer kann es sagen? Und wer bringt uns sofortige Anerkennung und Dankbarkeit entgegen? Der Priester kann nicht vom Beweis, nur von der Überzeugung sprechen, Gutes zu tun. André Jung bekommt nun seinen Auftritt als Prediger der tätigen Liebe am Menschen und dem Leben. Eine Glocke schlägt im Viertelstundentakt dazu. Der Tod straft ihn Lügen. Ein Heiliger, der so stinkt, kann keine Wunder vollbringen. Thorsten Lensings will solches auch nicht behaupten. Seine Inszenierung hebt nicht allein auf die ganz großen Menschheitsthemen ab. Sie stellt ganz hiesige Fragen vom Zweifeln und Verzweifeln am Leben. Die Figuren drücken es in allem aus, Verlangen, Verwunderung, Schmerz, Wut und immer wieder diese Zweifel. Gewissheit und Vergebung gibt es nicht.

Kolja Krassotkin, ein junger wilder 13jähriger, lässt das nicht gelten. Der ehrgeizige Junge, hier dargestellt von Sebastian Blomberg zwischen vorwitziger Überheblichkeit und trotziger Rebellion, lehnt alle Gefühlsduselei ab. Er dressiert seinen Hund Pereswon (wieder André Jung) und lässt ihn vor dem totkranken Iljuscha perfide Kunststückchen aufführen. Den Tod hält das nicht ab. Er ist nicht domestizierbar. Zwischen Resten von Stolz, Demut und Demütigung der Vater Iljuschas, der alte Snegirjow. Rick van Uffelen spielt ihn hemdsärmelig gegenüber dem zugeknöpften Idealisten Aljoscha, dessen Bruder Dmitrij den Stabskapitän a.D. einst im Suff erniedrigte. Er ist für den Alten nur ein weiterer Karamasow.

Obwohl das Bruderschicksal hier nur in Gesprächen präsent ist, bestimmt es doch Aljoschas ganzes Wesen. Einmal spricht es sogar aus ihm mit den Worten Iwans über das Böse in den gottlosen Menschen. In Gestalt der zwischen Liebe und Todessehnsucht zerrissenen Lisa tritt ihm der Zweifel an der Schöpfung wieder entgegen und lässt ihn zurückschrecken. Das Spiel des Paars ist extrem aufgeladen und impulsiv, wie fast alles hier. Man handelt meist wie im Affekt. Ein Stichwort aus den Akten des Mordfalls wird symptomatisch für die ganze Inszenierung. Mit einfachen Mitteln wie ein paar Stühlen, Tischen und Reisigknüppeln entstehen eindrückliche Bilder. Eine Schaumkanone macht künstlichen Schnee, aber nichts wirkt hier gekünstelt, alles ist reine Schauspielkunst. Sie will verführen und hineinführen in die Charaktere, und wahrt doch mit Witz und Slapstick die nötige Distanz ohne die übliche Flucht in die totale Ironie.



Sebastian Blomberg (als Kolja) und André Jung (als Hund) in Karamasow in den Sophiensaelen Berlin - Foto (C) Arwed Messmer


Da erinnert die pathetische Schlussszene des Romans, in der Aljoscha beim Begräbnis Iljuschas seine idealistische Rede am Stein hält, doch auch eher an ein komisches Stückende von Tschechow, bei dem sich alle in ein neues Leben verabschieden, das ganz bestimmt kommen wird, vielleicht schon morgen. Natürlich hat der Abend auch seine kleinen Schwächen und Längen. Aber man sieht ihm das gerne nach, so unverstellt und durchweg glaubhaft er an seiner Richtung festhält. Und so ist man fast versucht am Ende in Koljas Ruf mit einzustimmen. „Ein Hurra für Karamasow!“ und natürlich das ganze Team um Regisseur Thorsten Lensing.


Stefan Bock - 6. Dezember 2014
ID 8306
KARAMASOW (Sophiensaele Berlin, 04.12.2014)
Textfassung von Thorsten Lensing unter Mitarbeit von Dirk Pilz

Regie: Thorsten Lensing
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Anette Guther
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann
Technische Leitung: Eugen Böhmer
Technische Mitarbeit: Dirk Lutz
Regieassistenz: Benjamin Eggers und Lucie Grünbeck
Kostümassistenz: Nele Ellegiers und Irina Balzer (Gastspiele)
Bühnenassistenz und Requisite: Sugiura Mitsuru
Mit: Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Horst Mendroch, Ernst Stötzner, Rik van Uffelen und Devid Striesow
Premiere war am 2. Dezember 2014
Weitere Termine: 6. + 7., 13. - 15. 12. 2014
Eine Produktion von Thorsten Lensing in Koproduktion mit Sophiensaele Berlin, Kampnagel Hamburg, Theater im Pumpenhaus Münster, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Schauspiel Stuttgart, HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste Dresden und TAK Theater Liechtenstein


Weitere Infos siehe auch: http://www.sophiensaele.com


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