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nachDRUCK # 6

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Uraufführung

Exemplarische Beschreibung von Radikalisierungswegen junger Deutscher



Inside IS am GRIPS Theater Berlin | Foto (C) David Baltzer

Bewertung:    



Der Ex-CDU-Politiker, Jurist und Journalist Jürgen Todenhöfer ist - neben Peter Scholl-Latour - die vielleicht schillerndste Persönlichkeit unter den selbsternannten Nahost- und Islam-Experten. Wie der 2014 verstorbene Scholl-Latour hat Todenhöfer die meisten Länder des Nahen und mittleren Ostens bereist und etliche Bücher darüber geschrieben. Das wohl umstrittenste ist das Ergebnis einer 2015 unternommen Reise in die Einflussgebiete des sogenannten „Islamischen Staats“ in Syrien und dem Nordirak. In Inside IS - 10 Tage im „Islamischen Staat“ berichtet Todenhöfer u.a. von Gesprächen mit deutschen IS-Kämpfern in Raqqa oder einem Scharia-Richter in Mossul und macht dabei in einem hochmoralischen Ton die bewaffneten Interventionen des Westens für das Erstarken des „IS“ und den Krieg in Syrien verantwortlich.

Auch im Stück Inside IS, das Yüksel Yolcu nach Motiven des Todenhöfer-Buchs für das GRIPS Theater am Hansaplatz entwickelt hat, tritt dieser als Figur auf und spricht vom „Stellvertreterkrieg“, dem mittleren Osten als „Tankstelle“ der USA und ihrer Verbündeten und bezeichnet die Kriege im arabischen Raum als „reine Terrorzuchtprogramme“. Diese durchaus diskussionswürdigen Aussagen stehen hier mehr oder weniger unhinterfragt im Raum. Mehr noch interessierte den GRIPS-Regisseur aber die Frage, die wohl auch Todenhöfer zu seiner Reise angetrieben hat: Warum sich immer mehr junge Menschen in Deutschland für den Dschihad anwerben lassen, um für das „Islamische Kalifat“ in Syrien zu kämpfen und in diesem Kampf als vermeintliche Märtyrer sogar ihr Leben zu lassen.

Zur Recherche hat Yüksel Yolcu u.a. Gespräche mit einem Imam geführt, der als Seelsorger in einem Gefängnis mit jungen Moslems arbeitet. Drei Figuren sind es, die in einer Parallelhandlung im Stück die möglichen Wege der Radikalisierung aufzeigen. Da ist zunächst Said (Davide Brizzi), der enttäuscht vom blutigen Krieg in Syrien nach Deutschland zurückkehrt und im Gefängnis auf den Imam Ilhan (Asad Schwarz) trifft. Diesem erzählt er von Fabian, einem jungen deutschen Konvertiten, der in Syrien gefallen ist. In Gesprächen mit den Eltern, Lehrern und Freunden versucht der Imam zu ergründen, wie es dazu kommen konnte, dass Fabian in die Islamisten-Szene geraten ist. Im Hintergrund tritt dabei immer wieder der tote Fabian (Florian Kroop) selbstkommentierend auf.

Das Mädchen Melanie (Esther Agricola) lernen Vater und Sohn Todenhöfer (Christian Giese und Patrik Cieslik) auf ihrer Fahrt nach Syrien kennen. Die junge Deutsche erzählt den beiden ihre Geschichte von einer Urlaubsliebe in Ägypten, ihrer ungewollten Schwangerschaft, einem religiösen Erweckungserlebnis in Mekka und dem Zerwürfnis mit den Eltern. Nun sucht Melanie eine neue Gemeinschaft und große Familie im Kalifat. Wenn dies auch ein sehr verklärtes Bild zu sein scheint, die Geschichten von Enttäuschung und Entfremdung ähneln sich doch sehr. Auch Fabian lehnt das kapitalistische Wertesystem von Mensch und Ware ab. Er möchte sich nicht länger manipulieren lassen und findet im Islam eine Religion, die seinem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit entspricht.

Die Inszenierung startet in diesem Sinne mit einer Gegenüberstellung dreier Hassprediger mit langen Bärten und dreier gemäßigter Imame. Eine Kontroverse über den Begriff des Dschihad, der hier ganz unterschiedlich aus Sicht des Korans gedeutet wird, einmal als Kampf für den „wahren Islam“ gegen alle Ungläubigen oder im ursprünglichen Sinne als „Anstrengung für das Gute“. Das Ensemble stellt dabei in ständigen schnellen Rollen- und Kostümwechseln, die direkt auf der Bühne stattfinden, immer wieder andere Charaktere dar, wodurch die authentisch wirkende Kostümierung vor allem der Muslime und IS-Kämpfer wie im Brecht’schen Verfremdungseffekt gebrochen werden soll.

In ziemlich schnellen Schnitten zu intensiver Livemusik von Thomas Keller und Sonny Thet (Bayon) entspinnt sich das Stück zwischen der Reise Todenhöfers, die schon im Zustandekommen mittels Computertastaturen und Videoeinspielungen über Skype- und Facebook-Kontakte recht reißerisch erzählt wird, und den als Ruhepunkten und Möglichkeiten der Reflexion eingeschobenen Gesprächsfetzen des Imams mit der überfordert wirkenden, alleinerziehende Mutter, der Unverständnis zeigenden Lehrerin und dem sich aus der Verantwortung redenden Vater.

Das ergänzt sich über weite Strecken sehr gut, wobei das ständig wechselnde, grimmige bis komische Typenkabarett des „Islamischen Staats“ verhältnismäßig viel Raum einnimmt und auch Todenhöfer selbst und sein Sohn Freddy doch sehr emotional in ihrem Anspruch nach Wahrheitssuche daherkommen: „...bei der Suche nach der Wahrheit immer mit beiden Seiten sprechen!“ Und Todenhöfer ist dabei selbst der Meinung, „dass man sogar mit dem Teufel reden sollte.“

Das nimmt dann auch Regisseur Yüksel Yolcu zum Anlass, neben der Darstellung ideologisch finsterer IS-Typen oder eher lustigem Bauchtanz im Hamam in einem Alptraum den Kalifen des IS Abu Bakr al-Bagdadi vervierfacht auftreten zu lassen, um die Stück-Figur Todenhöfer in einem Disput über Gewalt und Barmherzigkeit („Erklär' du mir nicht den Islam!“) in den Höllenschlund zu stürzen. Zwei Briefe stehen dann am Ende der Inszenierung. Der von Tödenhöfer an den Kalifen, in dem er von Mitgefühl, Menschlichkeit spricht, und der Abschiedsbrief von Fabian an seine Mutter mit der Frage, was ein gelungenes Leben ausmacht. Die Erkenntnis ist: selbst über seinen Lebensweg zu entscheiden. Zumindest das kann man als Essenz dieser Inszenierung mit nach Hause nehmen.




Inside IS am GRIPS Theater Berlin | Foto (C) David Baltzer

Stefan Bock - 18. Oktober 2016
ID 9623
INSIDE IS (GRIPS Theater, 15.10.2016)
von Yüksel Yolcu nach Motiven des Buches Inside IS - 10 Tage im „Islamischen Staat“ von Jürgen Todenhöfer

Regie: Yüksel Yolcu
Bühne und Kostüme: Ulv Jakobsen
Komposition: Thomas Keller, Sonny Thet
Choreografie: Katja Keya Richter
Video: Yüksel Hayirli
Dramaturgie: Ute Volknant
Theaterpädagogik: Ellen Uhrhan
Mit: Esther Agricola, Davide Brizzi, Patrik Cieslik, Christian Giese, Florian Kroop, Asad Schwarz Live-Musiker: Thomas Keller und Sonny Thet
Uraufführung war am 12. Oktober 2016
Weitere Termine: 28., 29. 10. 18., 19., 21., 22. 11. / 8., 9., 10. 12. 2016 // 21., 23., 24. 1. 2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.grips-theater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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