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Uraufführung

Die letzte

Scheiße



(C) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Bewertung:    



Die 120 Tage von Sodom (1785) sind vom Marquis de Sade (1740-1814). Er schrieb den Text mit winzig kleiner Schrift auf 'ne Papierrolle, als er Gefangener in der Bastille gewesen war; man kann und wird die näheren Begleitumstände dieses doch berüchtigten Stücks Sprachverwertung durch literaturgeschichtlich-wissenschaftliche Erforschungen in richtigen und/oder Internet-Bibliotheken nachvollziehen - äußerst aufschlussreich.

De Sade schilderte in dem Machwerk "ausführlich die später nach dem Autor benannten sadistischen Sexualpraktiken von vier während der Regentschaft Ludwigs XIV. durch Steuer-Erpresserei zu Reichtum gelangten Franzosen im Laufe eines von obszönen Erzählungen begleiteten, mehr als viermonatigen Aufenthalts in einem zugemauerten Schloss an einem geheimen abgelegenen Ort Südwestdeutschlands oder der Westschweiz" (Quelle: Wikipedia).

Der Text ist - ähnlich wie Mein Kampf von Adolf Hitler - grauenhaft geschrieben und daher (für Sprachfeingeister [so wie mich z.B.]) unlesbar. Ganz ungeachtet dessen gibt er - wieder ähnlich wie Mein Kampf von Hitler - eine Orientierung, der zu folgen (s)eine Leserschaft sich durch eingehende Lektüre, oder auch bloß die sachdienliche Beschäftigung mit ihr, bemühen sollte. So was wie nachahmenswerte Tötungs- und Vernichtungs-"Freiheit" stand da wohl, mehr oder weniger von ihrem geistigen Verursacher authorisiert, zur Allgemeindebatte; zu de Sades "Entschuldigung" wird meistens immer das bei ihm vermutete totale Irresein herangezogen - doch selbstredend: irre war er freilich nicht, vielleicht und allenthalben bloß "total"... / Heute, recht frei nach der Parole "www", kann Derartiges (= Tötungs- und Vernichtungs-"Freiheit") via Internet von Jung bis Alt in ungefilterter Enthemmungslaune abgerufen werden, je nach weltanschaulicher und/oder sexueller Einzel- oder Gruppenausrichtung. Was für ein Fluch!!

Auch Pier Paolo Pasolini tat sich 1975 mit dem Sodom-Stoff befassen und verlegte die Geschichte nach Salò; sein Film spielte während des italienischen Faschismus. [Ein sehr guter Freund von mir, der eines meiner Stücke uraufführte, warnte mich zu seiner Zeit vor diesem Streifen; "bitte, tu dir das nie an, der Film beschädigt deine Seele" - sprach er als ein Dichter und Theaterleiter. Und ich folgte/folge seinem Rat blindwegs und anhaltend.]

Ex-Tänzer, Choreograf, Regisseur Johann Kresnik - wir erlebten vor zwei Jahren seine hübsch gemachte Villa Verdi in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - hatte augenscheinlich jetzt den Anspruch, sowohl den de Sade als auch den Pasolini performell zu kommentieren oder gar, absurder Weise, noch zu steigern, ihnen quasi noch eins drauf zu geben. Das missriet erbarmungslos!

* * *

De Sade's Ur-Vorlage strotzt ja nur so von "Sadismus" - liest sich zwar jetzt kalauernd, bringt allerdings das (für den Kresnik) "Wesentliche" seiner großkindischen Inszenierung auf den Punkt:

Weit über 90 Spielminuten lang werden wir Augenzeuge ungezügeltster Gewaltdarstellungen, vornehmlich sexueller (Ab-) Art. So was klappt auf dem Theater immer dann besonders gut und funktionierte dementsprechend, wenn den Machern ein gewisses Mittel zur Distanz (zum derart Vorgeführten) irgendwie gelingt; das kann z.B. durch Humor und Ironie erfolgen, keine Frage. Also irgendwie in dieser Weise. Aber bitte nicht so unbeholfen-plumb und ungebrochen wie es Kresnik tat!

Sein roter Faden resp. seine selbst gestellte Formel zur Verwirklichung der theatralen Mega-Sex-Gewalt-Orgie lautet ganz schlicht: Konsum-Faschismus. Also frei nach dem linkspopulären Motto, dass wir alle selber schuld an Allem sind, weil wir halt Alles kaufen oder so. Ja und da bilden sich halt auch sektiererische Grüppchen, die dann halt die Sau rauslassen = ihre Tötungs- und Vernichtungs-"Freiheit" justament vorausgesetzt und also inbegriffen usw. / Zum Finale werden die vier Bildnisse von Marx und Che und Luxemburg und Pasolini reingetragen und von hinten, quasi per Genickschuss, demoliert; aha.

Der Künstler Gottfried Helnwein hat einen gigantisch-aufgeräumten und gigantisch-einsortierten Supermarkt (= Konsum-Faschismus), der den ganzen Bühnenraum bis hoch zur Decke ausfüllt, konstruiert; das sieht schon toll aus.

Ismael Ivo (als Offizier George) - ein jahrzehntelanger Tanz-Choreografie-Mitstreiter Kresniks - ist für das Gesamtbewegliche der Misch-Performance aus Gesprochenem/Getanztem mitzuständig; und die seine sowie Kresnkis Einfälle umsetzenden PerformerInnen oder TänzerInnen leisten körperliche Schwerstarbeit - Respekt vor ihnen.

Bühnen-Duse Ilse Ritter (Rabe/Hure 2) klimpert am Anfang und am Schluss der Chose einen ordentlichen Hausfrauen-Chopin auf dem Klavier; dazwischen gibt sie jede Menge Allgemeinplätze politisch-philosophisch angehauchter Pseudowichtigkeit zum Besten - all das Textzeugs einschl. der Pasolini-O-Zitate hatte ihr lt. Beipackzettel Christoph Klimke, der als Librettist großspurig ausgewiesen war, in ihren Mund gelegt. Erbärmliches Geseiere.

Die restlichen "perversen" Hauptgestalten: Roland Renner (Abgeordneter Blangis), Helmut Zhuber (Richter Durcet), Enrico Spohn (Bankier Curval), Hannes Fischer (Bischof) und Inka Löwendorf (Hure 1). Sie müssen übermäßig Vieles mit den Opfern machen - Penisse abschneiden, innere Organe aus dem After ziehen, koten und Kot zu fressen geben, ein Neugeborenes häppchengerecht zerhacken und durchgrillen usf. / Die Bühne und die Darsteller triefen in roter, brauner Soße; Blut & Scheiße, wo man hinguckt.

Sarah Behrendt singt mit Opernstimme irgendwas in Arien - meine allgemeine Stimmung und Gemütslage wollten es diesmal nicht, dass ich mich auf die wahren Quellen der Musiken konzentrierte; nein, mir war auf einmal alles völlig scheißegal.

Erkenntnisse? Katharsis? Geistiger, emotionaler Zugewinn? Nur Fehlanzeigen.

Ja, es war die allerletzte Scheiße, wie gesagt.
Andre Sokolowski - 27. Mai 2015
ID 8669
DIE 120 TAGE VON SODOM (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 27.05.2015)
Regie: Johann Kresnik
Libretto: Christoph Klimke
Bühne und Kostüme: Gottfried Helnwein
Musik: Ali Helnwein
Choreografie: Ismael Ivo und Johann Kresnik
Licht: Torsten König
Ton: Jörg Wilkendorf und Gabriel Anschütz
Dramaturgie: Sabine Zielke und Christoph Klimke
Mit: Sarah Behrendt, Hannes Fischer, Inka Löwendorf, Roland Renner, Ilse Ritter, Enrico Spohn, Helmut Zhuber, Juan Corres Benito, Andrew Pan, Ismael Ivo, Valentina Schisa, Sylvana Seddig, Sara Simeoni, Osvaldo Ventriglia, Elisabetta Violante, Yoshiko Waki, Günter Cornett, Helmut Gerlach, Wagner Peixoto Cordeiro, Arnd Raeder, Christian Schlemmer, Leandro Tamos, Katia Fellin, Paula Knüpling, Ruby Mai Obermann, Estefania Rodriguez, Nathalie Seiß, Marlon Weber, David Eger und Lukas Steltner
Uraufführung war am 27. Mai 2015
Weitere Termine: 30. 5. / 2., 6., 21. 6. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


Post an Andre Sokolowski

http://www.andre-sokolowski.de

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