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THEMA: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

"...böse bleiben

und Banden

bilden!"

Ein Original-Post
von Jürgen Kuttner


So, das wird jetzt ein etwas längerer und grundsätzlicherer Text. Für die, die nicht so lange Sachen lesen möchten, hier die Kurzfassung:

"Scheiße Scheiße Scheiße" (ich)
und
“Wir lassen uns das Singen nicht verbieten” (Tina York)

Ich sehe Facebook ja eher als Wandzeitung und/oder Lautsprecher. Ich sammle keine Freunde oder Likes, sondern nutze es im Grunde nur, um auf Veranstaltungen (insbesondere die Videoschnipsel) hinzuweisen oder teile hin und wieder auch Posts von Freunden oder poste etwas besonders seltsames… So eben.

In der letzten Zeit ging es, das dürfte dem einen oder anderen schon aufgefallen sein, hauptsächlich um die Volksbühne. Manch einer hält das jetzt für (n)ostalgisches Fanboytum oder Besitzstandswahrung (“der jammert ja nur, weil sein gutbezahlter steuerfinanzierter Job jetzt weg ist!”). Das ist es aber nicht: die Schnipsel gehen ja freundlicherweise am Deutschen Theater weiter. Und wenn ich trotzdem traurig bin, dann, weil ich die tollen Kollegen der Volksbühne (Einlass, Tresen, Ton, Video, Licht, Requisite, Putzfrau, Kostüm, Maske, um nur einige Gewerke zu nennen…) nicht mehr sehen werde und weil ich besorgt bin, ob das, mir fällt kein richtiges Adjektiv ein!…., irgendwie besondere Publikum der Schnipsel in der Volksbühne in’s DT mitkommt… Also, es geht hier nicht darum, irgendwelche Pfründe zu verteidigen.

Nun zum Fanboy-Dings. Hmm. Ja, ich bin schon Fan der Volksbühne - aber eben nicht so, wie man “Fan”-Fan ist und dann alles, was das “ange-FAN-te” macht, gut findet. Sondern weil dieses Theater für mich (und wohl auch für viele andere) ein wirklich besonderes Theater ist.

Ich will hier aber nicht für andere, sondern für mich sprechen: Seltsamerweise war die Volksbühne schon zu DDR-Zeiten ein besonderes Theater. Dort habe ich meine ersten wirklich beeindruckenden Theatererfahrungen und -erlebnisse gehabt. Mit sechzehn oder siebzehn die von Besson “erfundenen” Spektakel da zu erleben war schon ziemlich irre. Und dann waren es zwei Abende, die mich wirklich umgerissen und theatermässig komplett versaut haben für lauwarme, besonders “aktual-politisch” sein wollende Kunstkacke: und das waren Heiner Müllers Auftrag im 3.Stock (R: H.Müller/G.Tscholakowa) und Müllers Die Schlacht in der Regie von Karge/Langhoff - das waren Inszenierungen, die wie ein Blitz bei mir eingeschlagen, die explodiert sind, die sich in die Netzhaut und in’s Hirn eingebrannt haben! Die waren so genau und kompromisslos auf diese stockende, spiessige, verdruckste DDR-Zeit bezogen und gleichzeitig so grosse, starke, zeitlose Texte. Oder Goschs Leonce und Lena (ein, wenn man so will, früher Castorf-Abend), in dem am Anfang das Theater halbvoll und nach der Pause nur noch die ersten drei Reihen besetzt waren! Das war einfach prägend und setzte für mich Massstäbe, was Theater kann und wo die Latte für die verantwortungsvolle Verschwendung von Steuergeldern im Theater liegt!

In den versumpften Achtzigern war alles nur noch ein Trauerspiel! Und dann kam 1992 Castorf (mit, und die Namen gehören immer mitgedacht, mit Bert Neumann (!!!), Matthias Lilienthal, Carl Hegemann….) Und zur Erinnerung: Castorf kam nicht, weil irgendein mediokrer Berliner Kulturfunktionär einfach so “Castorf” gesagt hat, sondern es gab ernsthafte und verantwortungsvolle Überlegungen, was man mit der Volksbühne machen kann und muss, es gab ein wirkliches Konzept, entworfen u.a. vom bedeutenden Theatermann Ivan Nagel (https://de.wikipedia.org/wiki/Ivan_Nagel). Ein Konzept, das eben auch der besonderen Geschichte des Hauses Rechnung trug.

Damit ging dann an der Volksbühne etwas los, was es bis heute NIRGENDWO an deutschen Theatern gab. Grosses Theater: Castorf, Marthaler, Kresnik, Schlingensief. Leute kamen und scheiterten und hatten ihre Erfolge woanders. Es gab Rock im Roten Salon, Diskussionen auf der grossen Bühne, Filme, Tanz auf der Hinterbühne…

Die ersten Jahre waren vom deutsch-deutschen Clash, von der Rock’n-Rollisierung des Theaters geprägt (Die Räuber, Clockwork Orange, Die Nibelungen - Born Bad), zum Jahreswechsel “The Fall”-Konzerte - kann man alles hier nachlesen:

https://www.volksbuehne-berlin.de/deutsch/volksbuehne/archiv/spielzeitchronik/

Dabei ging es nie um die schnellen Erfolge. Ich erinnere mich, dass Marthalers, inzwischen zum Kult erklärte Inszenierung Murx den Europäer!, die in den letzten Jahren und in den letzten hundert Vorstellungen immer ausverkauft war, am Anfang überhaupt nicht lief, quasi vor leerem Haus spielte, aber im Spielplan blieb, weil es ein wichtiger, toller Abend war! SOWAS kenne ich von anderen Theatern eher nicht…

Die neuen “Volksbühnler” zitieren ja jetzt Biermann: “Nur wer sich ändert bleibt sich treu” - auch das ist schon wieder unanständig, unterstellt es doch, die Volksbühne unter Castorf hätte sich nicht verändert… Die hatte sich so sehr verändert, dass sie vor, weiss nich, zehn Jahren richtig Scheisse war! Wenn man da gesagt hätte: “Castorf, Du bist fertig, geh mal lieber…” wäre es nicht leicht gefallen, zu widersprechen.

Die Veränderungen waren aber inhaltliche: die thematische Ausweitung, die permanente Entdeckung von Themen, Autoren, Stoffen. Der Schwenk vom deutsch-deutschen Klein-Klein zu den Russen, ‘ne geistige und philosophische “Osterweiterung”! Wenn heute Leute von Internationalisierung sprechen, dann meinen sie ja immer nur die USA oder Frankreich, oder Spanien - dass es auch Rumänien und Bulgarien und Tschechien und Russland gibt, wissen die offensichtlich nicht, weil sie noch nie was von Isaak Babel oder Andrej Platonow, Wladimir Wyssotzki oder Wassili Schukschin, von Majakowski, Jaroslav Hasek, Gombrowicz… gehört haben. Das ist dieses engstirnige West-Provinzlertum, das nur eine Himmelsrichtung kennt.

Und wie dann da diese Romanklopper von Dostojewski und Bulgakow auf die Bühne (Berts “Neustadt”!) geknallt wurden!! - inzwischen meint ja jeder Regisseur, der etwas auf sich hält, er müsse jetzt aber auch mal nen grossen Roman auf die Bühne bringen. Wie überhaupt von diesem Haus geklaut, gecovert, kopiert, nachgemacht wurde, dass ich schon allein deshalb keine Lust mehr hatte in andere Theater zu gehen, weil mir dieses modische, hip und besonders aktuell sein wollende, hirn- und sinnlose Beiseitesprechen, blöde Fremdtexte zitieren, Humana-Kostüme, Container und Video auf der Bühne total auf den Keks gehen. Wenn man das Original kennt, dann schmeckt’s eben nicht, wenn andere Leute den schon ausgelutschten Teebeutel nochmal in’s lauwarme Wasser hängen und einem das als Tee verkaufen wollen.

Ich will als Beispiel nur auf einen Moment in Castorfs unglaublicher Faust-Inszenierung kommen, in der die inhaltliche, ästhetische, philosophische, historische, menschliche Einzigartigkeit dieses Theaters vielleicht auf den Punkt kommt. An diesem Abend, der ja schon in Gesamtanlage überraschend ist (Faust vor dem Hintergrund französischer Kolonialgeschichte spielen zu lassen - ich kenne niemanden, dem ich zutrauen würde, dass ihm das einfiele) gab es einen Moment, an dem ich Castorf wirklich bedingungslos bewundert habe. Als er nämlich Abdoul Kader Traoré, ein aus Burkina Faso stammender Afrikaner, der in der Volksbühne an der Garderobe arbeitete, Paul Celans Todesfuge (eines der abgründigsten, schönst-schrecklichsten Gedichte, die es gibt) auf französisch (mit deutschen Übertiteln) sprechen lies. Das hat mich deswegen so tief beeindruckt, weil mich dieses Gedicht schon seit frühesten Radiozeiten begleitete: ich fing ja in den frühen Neunzigern an Aufnahmen von Dichtern, die ihre eigen Texte lesen, zu sammeln - eigentlich waren es genau genommen vier Autoren: Gottfried Benn, Heiner Müller, Ingeborg Bachmann und eben Paul Celan, die ihre Texte nicht als Rezitations-Profis, sondern mit einer irgendwie intensiven Fremdheit vortrugen. Da habe ich dann immer wieder mal in den Sendungen das eine oder andere Gedicht gespielt. Und ich wollte auch Celans Todesfuge spielen, scheute aber immer wieder davor zurück. Weil man dieses Holocaust-Gedicht in seinem Schrecken eben nicht “einfach mal so” senden kann, auch wenn der Wille noch so gut ist. Ich hab mir wirklich so sehr gewünscht, es spielen zu können, Leuten, die Paul Celan vielleicht nicht kannten, diesen grossen Dichter zu zeigen, wie bei Radio “Fritz” wohl auch die Zahl derer, die Benn oder Müller kannten, vermutlich nicht besonders gross war. Um dann zwanzig Jahre später in diesem grossen KUNSTgriff zu sehen, wie das gehen kann! Wow! Hut ab. Wenn der Faust nur aus diesem Moment bestände, hätte es den Abend gelohnt.

Und eben weil es darum geht, weil in diesem Laden für 25 Jahre bis zum letzten Moment das beste, klügste, heisseste, intensivste, wildeste, verblüffendste, innovativste, raffinierteste, witzigste, tollste Theater gemacht wurde, bin ich über diese hirnlose, willkürliche, undemokratische Hinterzimmer-Entscheidung des Senats wütend wütend wütend wütend wütend wütend.

Wir sind ja alle daran gewöhnt, uns allen möglichen Blödsinn, alle möglichen politischen Verlogenheiten (vom Jugoslawien-Krieg über Banken-Betrug und NSA bis zu den aktuellen Diesel-Bescheissereien) gefallen zu lassen!

OK, Politiker können Fehler machen und OK, Politiker dürfen auch Fehler machen. Das passiert woanders und das passiert eben auch in der Politik. Aber dass es so GRUNDSÄTZLICH UNVORSTELLBAR ist, dass Politiker einen Fehler eingestehen und korrigieren, damit will ich mich, an dieser Stelle einfach nicht abfinden.

Der Einfluss eines einzelnenin Bezug auf, was weiss ich, die Geheimdienste, Snowden, den “Krieg gegen den Terror”, Banker…, die “grosse Politik” eben, ist gering. - Aber die Volksbühne - das ist nunmal “mein” Theater, Berlin ist eben meine Stadt, hier lebe ich, das ist nicht weit weg und “gross” und unbeeinflussbar. Von daher habe die schwache schwache schwache Hoffnung, dass dieser Fehler korrigiert werden kann, wenn man die verantwortlichen Politiker dazu zwingt.

Man muss diese Politiker unter Druck setzen, Politiker die IMMER darauf hoffen (und hoffen konnten und können!), dass die Leute sich schon beruhigen, dass man den Scheiss schon vergisst, dass ein neuer Skandal kommt, dass die, die aufmucken, müde werden… Einfach dadurch, dass man NICHT vergisst, sich NICHT beruhigt, NICHT müde wird. Sondern denen immer fussballmässig zuruft: “Hey Politiker, wir wissen wo Dein Auto steht!”

Und dass ich damit nicht alleine bin, zeigt sich auch schon daran, dass inzwischen über 34.000 Leute die Petition zur Neuverhandlung der Volksbühnen-Intendanz unterschrieben haben. Das sind schon doppelt soviel wie die Berliner SPD Mitglieder hat.

Noch eine letzte Anmerkung, weil es da auch viele Missverständnisse gibt. Es geht nicht in erster Linie um Chris Dercon, den kenne ich nicht, der kann und soll machen was er will. Berlin ist gross und ich muss ja nicht hingehen. Aber dass er, um seine Sachen zu machen, aus reinem Marketingkalkül, unbedingt die “Marke” Volksbühne haben will, nimmt mich deutlich gegen ihn ein. Aber wie gesagt, es geht nicht eigentlich um Dercon, sondern um die verantwortlichen Politiker, um Tim Renner (SPD), der als Kulturstaatssekretär das ganze heimlich und auf verlogenste Weise eingefädelt hat (und der jetzt seinen unseligen Wirkungsradius durch den Einzug in den Bundestag zu vergrössern sucht), um den damaligen Kultursenator und Bürgermeister Michael Müller (SPD) und um Klaus Lederer (LINKE), den jetzigen Kultursenator. An die, auf die richtet sich meine Wut! Die müssen diese ahnungslose und dumme Entscheidung korrigieren! Denen muss man die Schändlichkeit ihres Tuns immer wieder vor Augen führen, die sollen nicht zur Ruhe kommen!

Die schönste und klügste Losung auf der legendären Demo vom 4.November 1989 mit 1 Mio Leuten auf dem Alexanderplatz hieß: "Böse bleiben, Banden bilden!"

Und genau darum geht's, lasst uns böse bleiben und Banden bilden!

Sorry, kürzer ging’s nicht!



[Gepostet auf Facebook am 4. August 2017, 09:56.]

Jürgen Kuttner - 5. August 2017
ID 10179
"Jürgen Kuttner (* 9. Februar 1958 in Ost-Berlin) ist ein deutscher Radiomoderator, Kulturwissenschaftler, Theaterregisseur und freier Kunstschaffender. Er war einer der langjährigen Moderatoren des Rundfunksenders Fritz (RBB) sowie Mitbegründer der Ostausgabe der Tageszeitung. Er ist der Vater der Moderatorin Sarah Kuttner."

(Quelle: Wikipedia)


https://www.facebook.com/jurgen.kuttner


FRANK BÜTTNER. Letzte Vorstellungen
in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz


"Für immer und Dich" -
Tschüss Volksbühne!!



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